Jenseits des Meeres

Wo sich die Geister scheiden - Inseln im Alten und Neuen Testament
Ludolf Backhuysen: "Der Schiffbruch des Apostels Paulus vor Malta", um 1690/1700. Foto: akg-images
Ludolf Backhuysen: "Der Schiffbruch des Apostels Paulus vor Malta", um 1690/1700. Foto: akg-images
Welche Rolle spielen Inseln und Inselerlebnisse in der Bibel? Gibt es ein biblisches Elysion? Diesen Fragen geht der Bozener Pfarrer Marcus A. Friedrich nach. Erfahrungen im Pfarramt sammelte der evangelische Theologe auch auf Amrum.

"Ich komme jetzt schon im siebenundzwanzigsten Jahr nach Amrum", erklärt ein Urlauber der Pastorin. "Und dies ist der Platz, auf dem ich im Gottesdienst immer sitze." Er zeigt mit dem Finger auf die Kirchenbank. Fast könnte man meinen, er sei in Elysion, also auf der Insel der Glückseligen, so, wie er dabei strahlt. Tatsächlich ist die Urlaubsinsel für viele Menschen beinahe wie ein Ort der Glückseligen. In der Abgeschiedenheit fällt alles Alltägliche ab, hier kann man der mühevollen und anstrengenden Welt entkommen. Hier scheint alles einfach und paradiesisch: schlafen, essen, an den Strand gehen, jeden Tag immer wieder von neuem. Ist das kein Grund, sich in der Kirche bei seinem Schöpfer zu bedanken?

Gibt es überhaupt ein biblisches Elysion? Welche Rolle spielen Inseln und Inselerlebnisse in den Schriften der jüdisch-christlichen Überlieferung? Ja, hat der Mythos von der Trauminsel auch biblische Wurzeln? Die Autoren der biblischen Schriften hatten nicht Amrum oder Spiekeroog vor Augen, auch nicht das ebenfalls in den Westen hinein phantasierte Traumreich Elysion oder irgendein anderes traumhaftes Eiland, sondern die Inseln im Mittelmeerraum. Selbst die nördlichen Küsten des Mittelmeers wurden damals für Inseln gehalten. Weil das europäische Festland ans Meer grenzte, zählte es zu den "Inseln jenseits des Meeres" (Jeremia 25,22). Die nächste und einflussreichste Insel gegenüber der palästinensischen Küste war Zypern, 110 Kilometer entfernt und im Ersten Testament nach deren Hauptstadt Kyt als "Kittim" bezeichnet. Später wurden auch Griechen und Römer "Kittäer" - man könnte vielleicht auch sagen "Insulaner" - genannt. Die "Inseln" wurden zu einem Sammelbegriff für fern liegende Königreiche, die nur mit dem Schiff zu erreichen waren. Wie immer, kommt es offensichtlich auf die Perspektive an: "Das schönste an Föhr", sagen die Amrumer, "ist der Blick nach Amrum". Fahren Amrumer und Föhrer ans Festland, heißt es "Wir fahren nach Deutschland", womit sie ihre magere Unabhängigkeit demonstrieren. Lebensräume auf Inseln sind mental und kommunikativ immer weiter entfernt als Orte am Festland, weil der Erdling Mensch Wasser überwinden muss.

Metapher für Königreiche

Die geographische und wörtliche Unabhängigkeit, also die Insellage einer Insel wurde so auch zur Metapher für die Königreiche mit ihren mehr oder weniger geschlossenen, auf einander bezogenen Gesellschaften. So heißt es in 1. Mose 10,5 nach der Sintflut-Geschichte: "Es verteilten sich die Bewohner der Inseln der Nationen, ein jeder nach seiner Sprache."

Bei näherer Betrachtung sind die Landverbindungen der Inseln eben noch im Bewusstsein. Gerade war, im Fluss der Erzählung, die Arche auf dem Berg Ararat nach der Sintflut gestrandet (1. Mose 8,4). Der zunächst nur aus dem Wasser herausragende Hügel entpuppte sich aber bald als zusammenhängender Landstrich. In dem Sinne wie Herders Konversationslektion die Insel als "ringsum von Wasser umflossener Teil der festen Erdoberfläche" definiert, besteht die Vorstellung des großen irdischen Zusammenhangs mit den Inseln. Dem entspricht die theologische Idee von einem göttlichen Raum der Schöpfung, in dem Gott Land und Wasser scheidet und trotzdem alles wirkmächtig durchdringt und zusammenhält. Es ist kein Zufall, dass auch diese Trennung in der Johannes-Apokalypse wieder rückgängig gemacht wird: "Alle Berge und Inseln wurden wegbewegt." (Offenbarung 6,14)

In der Verhältnisbestimmung zu den Inseln geht es im Ersten Testament immer auch um das Kräftespiel zwischen den verschiedenen sozialen, politischen und religiösen Lebensräumen. Dabei herrscht die Unterstellung vor, jeder halte seine Insel für die Mitte der Welt. Wohl und Wehe der Völker hingen davon ab, dass selbst die entferntesten Inseln dabei den einen Gott anerkennen, so die Propheten. "Furchtbar wird der Herr wider sie sein, denn er wird hinschwinden lassen alle Götter der Erde; und alle Inseln der Nationen werden ihn anbeten, ein jeder von seiner Stätte aus", heißt es bei Zephania (2,11).

Schiffbruch mit Zuschauern

Es ist naheliegend, dass diese Kräftespiele zwischen Insel und Insel, zwischen Land und Land damals wie heute durch Schifffahrtsmetaphorik zur Sprache kommen. Schließlich bildete die Schifffahrt die Voraussetzung für den üppigen Handel im Mittelmeerraum, aber auch für kulturellen und religiösen Austausch.

So beschreibt Hesekiel die Stadt Tyrus in seinem berühmten Klagelied als ein Prunkschiff (Hesekiel 27): "Die du wohnst am Zugang zum Meer und für die Völker mit vielen Inseln Handel treibst! So spricht Gott, der Herr: ‚(...) die Bauleute haben dich aufs Allerschönste erbaut. Sie haben all dein Plankenwerk aus Zypressenholz von Senir gemacht und die Zedern vom Libanon geholt, um deine Masten daraus zu machen; deine Ruder haben sie aus Eichen von Baschan gemacht und deine Wände mit Elfenbein getäfelt, gefasst mit Buchsbaumholz von den Gestaden der Kittäer.'" Nachdem Hesekiel in einer schier endlosen Aufzählung besungen hat, welche Länder und Völker Tyrus sozial und wirtschaftlich durch Schifffahrt von Ufer zu Ufer erschlossen und integriert hatte, heißt es schließlich: "Nun aber bist du zerschmettert, hinweg vom Meer, in die tiefen Wasser gestürzt, dass dein Handelsgut und all dein Volk in dir umgekommen ist. Alle, die auf den Inseln wohnen, erschrecken über dich. Und ihre Könige sehen jämmerlich drein."

Schiffbruch mit Zuschauern - im jämmerlichen Blick der Könige wird die Abhängigkeit der Inselbewohner vom potenteren Festland sichtbar. Die Schifffahrt ist heute wie damals notwendig, um Inseln zu versorgen. Auch auf Amrum ist alles am Rhythmus der Fährverbindungen ausgerichtet. Und wenn einmal eine Sturmflut den Fährverkehr lahmlegt, heißt es nur: aushalten und warten.

Zeichen göttlicher Bewahrung

Vor dem Hintergrund dieses metaphorischen Schiffbruchs mit real tödlichem Ausgang bekommt der gezielte Schiffbruch des Paulus in der Apostelgeschichte (27,31ff) eine besondere Note. Dreimal hat Paulus den Schiffbruch überlebt - Zeichen göttlicher Bewahrung. Die Strandung auf der Insel ist in der Apostelgeschichte am ausgiebigsten geschildert. Und es ist eine Art des "in den Sand Setzens", eine kontrollierte Anlandung auf der Insel Malta - oder war es doch Kreta oder Korfu? Viele Inseln reklamieren die Legende für sich, aus gutem missionarischem Grund.

In jener Zeit des Paulus hatten die so genannten "Annona-Schiffe" die mit vielen Ruderern versehenen "Biremen", "Triremen" und "Quinqueremen" als römische Frachtschiffe abgelöst. Segelnde Frachter, so genannte "Corbitae", also schwimmende Körbe, hatten die Römer entwickelt, um die Getreideengpässe des römischen Reiches zweimal in der Sommersaison auszugleichen. Diese Schiffe waren aufgrund ihrer starken Belastung nicht immer die dichtesten. Nach jeder Reise mussten sie neu kalfatert werden. Trotzdem: Sie segelten wunderbar und konnten sogar halbwinds laufen, aber der Hilfsmotor der starken Ruderer fehlte. Zog ein Sturm auf, wurden zum Schutz die Ruderblätter heraufgezogen. Doch das Boot wurde gleichzeitig manövrierunfähig und trieb umher wie ein Korken. Die Historiker sind sich einig, dass Schiffbruch für eine "Corbita" das vorausschaubare Ende war. Ihre Ankunft war nie sicher, nur wahrscheinlich.

Paulus' Schiff kam wie die meisten Schiffe der Annona-Flotte aus Alexandria und fuhr nach Italien. Der Apostel hatte die Kapitäne noch gewarnt, so spät im Jahr die Reise anzutreten. Und tatsächlich wurde es unangenehm windig. Erst hätten sie auf der Höhe von Kreta beinahe ihr Beiboot verloren. Die Männer zurrten es an Deck fest. In Sturm und Wellengang rieben sich die Verbindungen des Schiffes auf. Die Mannschaft versuchte, den Rumpf zu stabilisieren, indem sie Taue um die Planken zog. Dann gingen die Ladung und allerlei Ausrüstung über Bord. Zurück blieben die 276 Passagiere. Nach vierzehn Tagen des Umhertreibens auf hoher See, ohne Sicht auf Sonne, Mond und Sterne, nahmen die Seeleute Land wahr. Sie loteten und warfen vier Anker aus, um nicht angetrieben zu werden. Die Mannschaft versuchte, sich im Dunkeln mit dem Beiboot abzusetzen. Doch Soldaten an Bord hielten sie davon ab. Paulus ermahnte die Passagiere, die geschwächt von der Seekrankheit waren, sich noch einmal zu stärken. Nie konnte man vorhersehen, ob Inselbewohner räuberische Interessen verfolgten oder es gar zu Kämpfen kommen würde. Am nächsten Morgen wurden die Anker gekappt, und der Steuermann setzte das Schiff mit achterlichem Wind im Vorsegel auf den Strand von Malta, wo es in der Brandung zerbrach. Wie die Erfolgsgeschichte des Apostels es will, wurden alle gerettet.

Ein unheimlicher Ort

Es ist bezeichnend, dass sogleich die Freundlichkeit benannt wird, die den Gestrandeten von den Inselbewohnern entgegen gebracht wurde. Sie war nicht selbstverständlich, denn schließlich zeigte sich der Schiffbrüchige den Inseleinwohnern gegenüber wehrlos - bei Robinson Crusoe bekanntlich in der Alternative "Fischfutter oder Kochtopf". Tatsächlich erweist sich die Insel doch noch einmal als unheimlicher Ort fremder Kräfte und Mächte: Nachdem den Schiffbrüchigen ein Feuer zum Wärmen entzündet worden ist, wird Paulus aus dem Feuer von einer Schlange gebissen. Und eine fremde Göttin kommt ins Spiel: "Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist" (28,4b), sagen die Leute. Paulus aber kann das Schlangengift nichts anhaben. Als ihm nichts geschieht, "änderten sie ihre Meinung und sprachen: Er ist ein Gott". Diese Geschichte ist ein großes Stück Erzählkunst, die den Einwohnern eine magische, schlichte Theologie unterstellt. Beinahe analog zu jener Legende, die erzählt, dass die Reformation aufgrund eines priesterlichen Gelübdes nach Amrum kam. Der Ortsgeistliche, der damals noch über den Wattenweg von Amrum nach Föhr ritt, um seine Pfarrei zu versorgen, hatte gesagt: "Wenn wahr ist, was Martin Luther behauptet, dann soll mir dies oder das geschehen!" Auf einem seiner nächsten Ritte brach er sich das Genick - und die Nordfriesen wurden daraufhin evangelisch - wird erzählt.

Eine magische Theologie: Der Leser wusste es schon damals besser und ergötzte sich doch an den Zeichen und Wundern, die Paulus in der Nachfolge verwirklichte. Sie erweisen, dass Gott durch seine Gesandten auch der Gott der Inseln ist. Paulus' Geschichte ist eine freundlichere Parabel auf den alttestamentlichen Propheten Zephania als die nordfriesische Legende: "Er wird hinschwinden lassen alle Götter der Erde; und alle Inseln der Nationen werden ihn anbeten, ein jeder von seiner Stätte aus." Auch heilen wird Paulus noch auf Malta, bevor er das nächste Schiff besteigt und mit Südwind gen Rom seine Reise fortsetzt.

Wo sich die Geister scheiden

Die neutestamentliche Insel ist zwar nicht Elysion, aber sie ist immerhin oder viel mehr die rettende Insel. Auch ein Ort, an dem Gott durch seine Schiffsreisenden Wunder vollbringt, folgt man der Apostelgeschichte. Deutet man das Inselgeschehen allegorisch, so ist die Insel ein Ort, an dem sich die Geister scheiden und klären.

Davon zeugt das letzte Inselereignis der Bibel. Die Apokalypse zeigt sie als einen Ort der Freiheit und der Vision: "Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die ‚Patmos' heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist Gottes ergriffen ..." (Apokalypse 1,9f), schreibt der Seher von Patmos. Das klingt beinahe so, als ob Johannes reif für die Insel gewesen wäre: hinaus aus der Bedrängnis, hinein in die Klarheit des Geistes. Abgeschieden von der Welt, lenkt ihn nichts ab von seiner Inspiration, und er bringt sie in seinen sieben großen Sendschreiben zu Papier. Ob die Joel-Verheißung "Und nach diesen Tagen, spricht der Herr, will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen" (Joel 3,1) auf der Insel leichter ankommt, direkter geschieht oder sich fröhlicher Bahn bricht? Das sollte man einmal den Inselpastor fragen - oder es selbst probieren.

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Marcus A. Friedrich

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