Drei Inseln in einer

Als Inselschreiber auf Sylt - nicht immer ein reines Vergnügen
TRAK Wendisch: "Fischträger", Rantum, 2008. Foto: kunst:raum sylt quelle
TRAK Wendisch: "Fischträger", Rantum, 2008. Foto: kunst:raum sylt quelle
Der Schriftsteller Gernot Wolfram war im vergangenen Jahr "Sylter Inselschreiber" und lebte längere Zeit als Stipendiat des "kunst:raum sylt quelle" auf der Insel. Seine Erfahrungen hat er aufgeschrieben.

Sylt ist auf den ersten Blick eine Provokation. Die Insel ist sauber, teuer und offenbart jene heile Welt, die der Logik von Tourismusprospekten entspringt. Weiter Himmel, makellose Strände (für die man Eintrittsgeld bezahlen muss) und eine Stimmung distanziert-entspannter Gelassenheit, die sich scheinbar durch nichts und niemanden durcheinanderbringen lässt. Vor den teuren Restaurants parken die Limousinen und Geländewagen, in den Restaurants, sofern man überhaupt einen Blick in die Küche erhaschen kann, sieht man Karotten schnipselnde Afrikaner, von denen man einige am Abend in den überfüllten Pendlerzügen wiederfinden kann, Züge, die zuverlässig das Personal zurück aufs Festland bringen.

Am Nachmittag kreisen unzählige Möwen über den Strand; in der Ferne ziehen langsam Schiffe im Glast vorbei. Sind das Klischees? Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich nein. Denn bekanntlich erschließen sich Orte nicht nur über das Augenfällige. Gerade Sylt ist eine Insel, für die man Zeit braucht, um ihre spezifischen Geheimnisse und Schönheiten zu entdecken. Dennoch ist eines gewiss: Um auf der Insel zu leben, bedarf es solider Finanzmittel - oder den Status des "Sylter Inselschreibers", den ich für ein Jahr lang innehatte. Geschenkte Zeit, um zu schreiben, nachzudenken und zur Ruhe zu kommen.

Im Hof ein Bücherautomat

Auf Einladung des "kunst: raum sylt quelle" bezog ich ein kleines ruhiges Apartment auf dem Gelände der Mineralwasserfabrik, die auch den von der Literaturwissenschaftlerin Indra Wussow ins Leben gerufenen kunst:raum sylt quelle beherbergt. Vom Fenster der Apartments aus ist die gläserne Herstellungshalle zu sehen. Gegenüber befindet sich ein mit großen Fenstern ausgestattetes Restaurant, im Hof steht ein Bücherautomat, und wenn man Lust hat, kann man mit den anderen Stipendiaten am Abend zwischen den Skulpturen umherwandern und sich über seine Arbeit unterhalten.

Ein absolut freier Raum, in dem es keine Erwartungen, Zwänge oder Rituale der Eitelkeit gibt. Man ist Teil eines gewöhnlichen Lebens, in dem es an- und abfahrende Transporter, Alltagsstimmen, Küchengerüche und lange, gute Gespräche gibt. Und gerade deshalb kann hier etwas wachsen und entstehen. In einer solchen Umgebung können Worte zu wirklichen Worten werden. Statt des Geschwätzes tauchen plötzlich Sätze auf, die belastbar sind. Statt bloßen Auskünften entsteht, im besten Fall, Poesie. Daher ist es fast verwunderlich, dass Sylt so wenig mit diesem Kunstraum in Verbindung gebracht wird.

Nachdem ich in der ersten Woche die Insel erkundet hatte, Kampen gesehen, die Seehundkolonien bewundert und den Leuchtturm in Keitum besucht hatte, entschloss ich mich, die verbleibende Zeit meines Stipendiums im engeren Radius der sylt quelle in Rantum zu verbringen. Ich genoss es, am Morgen draußen auf der Terrasse zu sitzen und in der Sonne zu frühstücken, die letzten Korrekturen an meinem Romanmanuskript Das Wüstenhaus abzuschließen, und mich nicht weiter um das merkwürdige Leben der oberen Gesellschaftsschichten zu kümmern, das auf Sylt allgegenwärtig ist. Ein naives Vorhaben, das bald unterbrochen wurde.

Ein Anruf aus Athen, der Stadt, in dem ein Teil meiner Familie lebt, zwang mich dazu, für ein paar Tage die Koffer zu packen und in den Süden zu fliegen. Aus der Ruhe der Insel gerissen, fand ich mich plötzlich in der vollkommen gegensätzlichen Welt der griechischen Hauptstadt wieder und erschrak über die vielen Menschen, die nachts am Omonia-Platz in den Gängen der Geschäftshäuser auf Kartonagen schliefen. Die ersten Demonstrationen gegen die Regierung begannen sich in den Straßen zu formieren. Wenn griechische Freunde mich fragten, was ich gerade mache, traute ich mich nur zögerlich, zu erzählen, dass ich zurzeit auf Sylt als Inselschreiber lebte. "Ist das nicht diese reiche deutsche Insel? Wie überlebst du da?" - "Ich versuche, zu schreiben", antwortete ich, und hielt das für eine reichlich banale Entgegnung.

War es obszön, nur zu schreiben?

Ich lief durch die Straßen Athens und dachte darüber nach, wie privilegiert ich meine Tage verbrachte und ob dieser Begriff von Kunst, wie ich ihn in mir als Entwurf hatte, tragfähig sei, angesichts der gespaltenen Wirklichkeit um mich herum. Sah ich nicht zwei Welten, in denen es geradezu obszön war, "nur" zu schreiben? Würde nach meiner Rückkehr nach Sylt irgendetwas Sinnvolles niedergeschrieben werden können? Ich erinnerte mich an die berühmte Szene in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, in der die Fischer von Balbek am Abend ihre Nasen an den Scheiben der edlen Restaurants platt drücken und auf das Leben der Bevorzugten starren. Proust schreibt, dass diese Restaurants wie große Aquarien seien, in dem molluskenartige Wesen schwimmen, und dass die Fischer allen Grund hätten, darüber nachzudenken, dieses Aquarium einfach umzukippen und auf den Kopf zu stellen.

Freilich, das war eine Idee des 19. Jahrhunderts, aber warum war es, ein ganzes Jahrhundert später, so schwer, eine Formulierung zu finden, warum man sich unwohl fühlte, angesichts einer solchen Kluft von Differenz innerhalb des Lebens, in dem man steckte? Schreiben ist der Versuch ei-nes In-die-Tiefe-Gehens, das sich dem Schweigen ebenso aussetzt wie den hundert Bildern und Geräuschen, die sich der Sehnsucht nach Stille entgegenstemmen. Im Widerspruch kommen Sätze zu sich selbst. Im Widerspruch zu der Welt um einen herum wird die innere Stimme erst glaubwürdig.

Die Dinge zum Schweben bringen

Nach meiner Rückkehr nach Sylt, lernte ich meine Nachbarin im Stipendienhaus kennen, Mary Sibande, eine junge Künstlerin aus Südafrika, die bereits mehrere Preise in ihrem Heimatland gewonnen hatte. Mary ist ein äußerst fröhlicher und zugleich zurückhaltender Mensch. Als wir uns auf ein paar Flaschen Bier am Abend am Strand trafen, sagte sie zu mir: "Komisch, außer den Leuten des kunst:raums interessiert sich hier keiner für mich. Über dich haben sie immerhin was in der Zeitung geschrieben, ich scheine gar nicht da zu sein." Ich fragte sie, ob sie Bilder male. "Oh nein, ich male keine Bilder, ich fertige Kleider an." "Kleider?" "Ja, wenn du magst, zeige ich dir später einige Fotos." Zurück im Stipendienhaus, holte sie eine Mappe mit Aufnahmen, auf denen sie selbst zu sehen war, in prächtige, königinnenhafte Kleider gehüllt. Die Modelle wirkten jedoch seltsam, weil sie trotz ihrer bauschigen Pracht die Form von klassischen Dienstmädchenkleidern hatten.

"Meine Vorfahren haben in Südafrika alle für weiße Familien als Dienstpersonal gearbeitet, vor allem die Frauen. Ich sehe in diesen Frauen Königinnen. Und diese Würde will ich ihnen mit diesen Kleidern zurückgeben." Sie lächelte mit einem Augenzwinkern. Ich war begeistert. Marys kritischer Blick auf ihre Gesellschaft hatte nichts Drohendes oder Verzweifeltes, im Gegenteil, ihre Kunst bot einen anderen Blick an, präzise analysierend, mit mächtiger Geste und mit jener Form von Ironie, die die Dinge zum Schweben bringt. Wie schade, dachte ich, dass kaum jemand auf der Insel versteht, wer da gerade zu Gast ist, welche Möglichkeiten des Gesprächs und des Nachdenkens sich in dieser Kunst verbergen. Und zugleich dachte ich, wie wichtig für Sylt dieser Ort ist.

Innere Flugzeuge

Zunehmend mehr bewunderte ich auf meinen Spaziergängen in den nächsten Tagen diesen klug komponierten, komplexen Ort der sylt quelle in Rantum, bestehend aus Wegen, Pfaden, Bildern, Texten und Ideen. Und was gab es hier nicht alles zu entdecken: Wenn man etwa auf dem weiten grasbewachsenen Vorplatz steht und plötzlich das Schild mit dem Wort "Airpoet" erblickt. Für welche inneren "Flugzeuge" ist es aufgestellt? Oder wenn man die überdimensionale Fotografie der hundert Arbeiter in der Mineralwasserfabrik betrachtet, die sich schlafend, trinkend, dösend oder eilig in der Halle hin und her bewegen, bis man erkennt, dass es sich um ein und denselben Arbeiter handelt. Durch eine geschickte Montagetechnik wird das Leben eines einzelnen Menschen vor uns aufgefächert, und wir können uns selbst in ihm erkennen. In den erschöpften Gesichtszügen dieses einen Mannes liegt mehr über das Wesen der Kunst verborgen als in hundert Beschreibungen über die multiplen Identitäten unseres Ichs. Gehören solche Blickfänge nicht zu den eigentlichen Schätzen einer Insel, die in Deutschland so gern als reines Naturparadies verkauft wird?

Mit der Hilfe von Mary begann ich zu verstehen, dass es gerade auf Sylt darauf ankommt, einen anderen Blick zu entwickeln, Kunst als ein Angebot zu verstehen, sich nicht von übermächtigen Wirklichkeiten täuschen zu lassen. Dass auf dem Gelände in Rantum keine großen Touristenbusse parken, dass auch viele der offiziellen Sylter Tourismusexperten eher etwas despektierlich auf diesen Ort blicken (eben weil er nicht ins Gesamtkonzept passt), ist vielleicht gerade Ausdruck der besonderen Störung und Irritation, den er auszulösen vermag. Kunst ist hier nicht Dekoration oder Schmuck, sondern eine Anfrage an den einzelnen Betrachter, sich aus vertrauten gedanklichen Positionen zu lösen.

Künstler als Exoten

Im Grunde genommen besteht Sylt aus drei Inseln. Jener der Einheimischen, jener der Touristen und jener der Künstler, die hierher kommen, um in der außergewöhnlichen Stille des Eilands Zeit und Ruhe für ihre Arbeit zu finden. Und vielleicht sind die Künstler die exotischsten Inselmenschen. Ich habe auf Sylt, außer den Korrekturen an meinem Roman, kaum etwas geschrieben. Ich habe für mich herausgefunden, dass die Sprache, der ich trauen kann, auch einen Ort braucht, der das Geschriebene nicht ständig in Frage stellt.

Als ich eines Abends in einem Restaurant einen älteren Sylter Zahnarzt traf, der mich erkannt hatte und nach meiner Rolle als Inselschreiber fragte, war ich erstaunt, dass eine seiner ersten Sorgen meiner generellen beruflichen Existenz galt. "Können Sie denn vom Schreiben leben?" Ich zögerte einen Augenblick, dann sagte ich: "Jedenfalls kann ich nicht ohne das Schreiben leben." In diesem Moment wurde mir bewusst, wie stark sich die Vorstellung der künstlerischen Arbeit mittlerweile innerhalb eines Rechtfertigungsdiskurses bewegt. Und hatte der Zahnarzt nicht Recht? Ohne das Stipendium hätte ich keine Woche auf der Insel überlebt. War meine Existenz als Schreibender hier nicht zwangsläufig etwas Groteskes? So viel Zeit darauf zu verwenden, "Nutzloses" zu tun? Denn das ist vielleicht die Freiheit der literarischen Sprache, dass niemand auf sie wartet, dass sie keinen Zweck verfolgt, keine ökonomischen Absichten proklamiert, sondern ihren Sinn in den magischen Verwandlungen findet, die am Ende von Sätzen Schiffe ankern lassen, wie es bei dem Dichter Reiner Kunze heißt. Schiffe, die uns zu Orten bringen, zu denen Gespräche leider nur selten tragen. Auf diese Schiffe habe ich auf Sylt gewartet. In ihrem Ausbleiben habe ich einmal mehr ihren Wert verstanden. Dafür bin ich Sylt dankbar.

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Gernot Wolfram

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