Du musst dein Leben ändern

Zschokkes Klagen, Wölfe im Theater
Was verbindet Theater ohne Menschen in einer alten Kaserne mit den E-Mails eines Autoren?

In Hannover machen jetzt Pflanzen Theater. Die Schauspielabteilung des Niedersächsischen Staatstheaters bietet ein "botanisches Langzeitprojekt" an. Unter dem Titel "Die Welt ohne uns" soll gezeigt werden, wie es ist, wenn der Mensch die Bühne verlassen hat. Man spielt auf einem aufgegebenen Kasernengelände vor zerbrochenen Fenstern, vor Wänden mit Brandspuren und Graffiti.

Vierzehn Folgen soll das Theaterprojekt haben, vier wurden schon gespielt. Alle paar Monate ist wieder eine Premiere. Man bemüht sich zu zeigen, wie es zehn, zwanzig, hundert Jahre nach dem Verschwinden des Menschen auf der Erde zugehen könnte. Ganz einfach ist das nicht, denn die Theatermacher wollen sich dem Thema zwar mit einer gewissen künstlerischen Aufrichtigkeit nähern, andererseits wissen sie auch, dass Theater ohne Menschen auf der Bühne recht langweilig ist. Jüngst hat man sogar Wölfe durch die Brache trotten lassen. Abendfüllend war das zwar nicht. Aber das Nachdenken über eine Welt ohne den Menschen - die ja möglicherweise auch eine Welt ohne Gott wäre - ist sinnvoll und selbstverständlich eine Angelegenheit des Theaters.

Aufgabe der Kunst ist es, das Undenkbare zu denken, Aufgabe des Theater ist es, das Unspielbare zu spielen. Wahrscheinlich müssen Künstler heute mehr denn je Gegenpositionen einnehmen.

Und sei es nur aus Trotz. Die sozialen Medien wie Facebook und Twitter sind dabei, die Welt so lieb und allgemein unterhaltsam zu machen. Jedermann kann jedermanns Freund sein, man kommuniziert nett und freundlich miteinander und bringt einander, wo immer es geht, zum Lachen. Da können andere Stimmen ganz gut tun.

Einblicke in eine Dichterexistenz

Vor kurzem ist im Göttinger Wallstein Verlag ein bemerkenswertes Buch erschienen. Matthias Zschokke, ein sträflich wenig beachteter Schriftsteller, hat seine E-Mails veröffentlicht, die er im Lauf von sieben Jahren an einen befreundeten Dramaturgen und Publizisten geschrieben hat. Das Buch gibt Zeugnis von den Nöten eines heutigen Autoren: Selten reicht das Geld, immer ist zu viel Lärm, zu viel Literaturbetriebsamkeit, immer haben andere den Erfolg, der einem selbst so fehlt. Zschokke gewährt intimen Einblick in eine zeitgenössische Dichterexistenz. Wie sehr ihn nach Anerkennung dürstet! Wie neidisch er auf andere, erfolgreichere Autoren ist! Manchmal beginnt er in Thomas-Bernhard-Manier auf alles zu schimpfen. Den Betrieb, den Verleger, die anderen Dichter!

Zschokkes E-Mailtagebuch entwickelt beim Lesen einen merkwürdigen Sog. Erstaunlich, wie gut das tut, jemandem zuzuhören, der aufbegehrt. Der sich nicht zufrieden gibt, mit dem was ist; der die Welt nicht klaglos erträgt, sondern sein Leid an ihr nur so aus sich herausströmen lässt.

Es sind nur kleine Utopien, die der Dichter entwickelt; es geht nur darum, dass Künstler von ihrer Kunst leben können, dass nicht alles immer teurer wird, während die Honorare gleich bleiben und sinken und darum, dass Wohnungen bezahlbar sind. Das ist nicht viel, aber immerhin.

Am Staatstheater Hannover dagegen geht es ums große Ganze. Auch das Spiel vom Ende der Welt vermag einen gewissen Sog zu entwickeln. Man will wissen, wie es weitergeht und was sich die Theaterleute nach den Wölfen wieder haben einfallen lassen, um die Welt ohne Menschen auf die Bühne zu bringen. Beide Kunstwerke sind auf ihre Art engagiert, aber weit vom Verschwitzten und Bemühen der engagierten Kunst vergangener Jahre entfernt. Beide Kunstwerke mahnen. "Du musst Dein Leben ändern" heißt es am Ende von Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos". Daran zu erinnern, ist immer noch, immer wieder Aufgabe der Kunst.

Ronald Meyer-Arlt

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