Frau statt Mann

Geht es bei der Geschichte Sodoms um Homosexualität?
Lucas Cranach d.Ä.: "Lot und seine Töchter", 1533. Foto: akg-images/Erich Lessing
Lucas Cranach d.Ä.: "Lot und seine Töchter", 1533. Foto: akg-images/Erich Lessing
Wie jüdische Theologen die biblische Geschichte ausgelegt haben, in der die Männer Sodoms Lots männliche Gäste vergewaltigen wollen und Lot seine beiden Töchter als Ersatz anbietet, zeigt Admiel Kosman, Professor für Jüdische Studien an der Universität Potsdam und akademischer Leiter des dortigen Abraham-Geiger-Kollegs.

Die Geschichte von der Vernichtung Sodoms beginnt mit dem Besuch der "Gäste" in Abrahams Haus. Und Gott teilt Abraham mit, dass "das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra laut geworden ist und ihre Sünde schwer wiegt". Deswegen wolle Gott prüfen, ob alles wirklich so schlimm und es an der Zeit sei, Sodom und Gomorra zu vernichten.

Gleich zu Beginn von 1. Mose 19 wird beschrieben, wie Engel Gottes abends in Sodom eintreffen und dort auf Lot stoßen. Er überredet sie mit Nachdruck dazu, nicht im Freien zu übernachten, sondern in seinem Hause.

Noch bevor die Gäste zu Bett gegangen waren, wurde Lots Haus umstellt - und zwar von den "Männern Sodoms, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit. Sie riefen nach Lot und fragten ihn: Wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind? Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren."

Lot geht hinaus und fleht die Menge an: "Meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen!" Und Lot macht folgenden Vorschlag: "Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch bringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an; denn deshalb sind sie ja unter den Schutz meines Daches getreten." Die Menge lehnt den Vorschlag strikt ab, bedroht Lot und macht sich dran, die Tür aufzubrechen, die als symbolische Scheidewand die böse Menge von seiner Welt trennt. Hier greifen nun die Engel ein, schlagen die Menge mit Blindheit und beginnen, Lots Familie zu evakuieren, bevor Sodom vernichtet wird.

Zwei Fragen

Aus heutiger Perspektive wirft die Geschichte vor allem zwei Fragen auf. Die erste haben mit Schärfe feministische Bibelwissenschaftlerinnen gestellt: Was bedeutet der merkwürdige Vorschlag Lots, die Opfer der Vergewaltigung auszuwechseln? Warum bietet er statt der männlichen Gäste seine beiden Töchter an? Was für eine Botschaft möchte die Bibel mit dieser Geschichte dem Leser vermitteln? Wird der Vorschlag Lots erzählt, um ihn zu loben oder um ihn zu verurteilen?

John Skinner erklärt in seiner Interpretation des 1. Mosebuches, dass nicht die Preisgabe der Töchter durch Lot im Mittelpunkt der Erzählung stehe, sondern dessen Rolle als Gastgeber. Und dies entspricht auch früheren Auslegern. Daher nehmen einige Feministinnen wie Sharon Pace Jeansonne (Women of Genesis) an, dass männliche Interpreten eher dazu tendieren, Lot zu verteidigen, als die Torheit seines Vorschlags zu erkennen.

Die Erzählung von Lot, seinen Gästen und den Männern von Sodom legt einen Vergleich mit einer Geschichte nahe, die in Richter 19-21 steht und die Schandtat der Männer von Gibea berichtet. Auch dort wollte die Menge zunächst einen männlichen Gast vergewaltigen, akzeptierte dann aber eine Frau als Ersatz. Sie wurde die ganze Nacht vergewaltigt, bis sie an den Verletzungen starb. Und was lernt man, wenn man beide Geschichten miteinander vergleicht? Kann gesagt werden, Lot wusste, dass die Sodomiter homosexuelle Beziehungen bevorzugen - und darin offensichtlich die Bewohner von Gibea übertrafen, die immerhin eine Frau als Ersatz akzeptierten? Möglicherweise meinte Lot seinen Vorschlag ja nicht ernst, da er von vorneherein wusste, die versammelte Menge werde seine Töchter ohnehin nicht akzeptieren.

Augustins Auslegung

Einige christliche Denker wie Augustin meinten jedenfalls, die Erzählung wolle Lots Frömmigkeit betonen, indem sie ausführlich schildere, bis zu welchem Grade Lot das strenge Verbot des Geschlechtsverkehrs zwischen Männern bewusst war - nämlich so sehr, dass er bereit war, selbst die eigenen Töchter auszuliefern, um den Geschlechtsverkehr zwischen Männern zu verhindern.

Augustins Interpretation, die sich streng gegen homosexuelle Beziehungen richtet, bildet das Bindeglied zwischen der Auseinandersetzung mit dem Verhalten Lots und der eher allgemeinen Frage, welche Botschaft die Erzählung von Sodom dem Leser vermitteln möchte.

Das klassische Standardwörterbuch der modernen hebräischen Sprache, der Even-Schoschan, und das Webster Dictionary erklären, dass die Begriffe "Sodom" ("Ma'ase Sdom") und "Sodomie" in ihren verschiedenen Wendungen den Geschlechtsverkehr zwischen Männern umschreiben. Daraus lässt sich schließen, dass die Hauptsünde der Einwohner von Sodom nach weit verbreiteter Auffassung in homosexuellem Verhalten bestand. Doch meint die biblische Erzählung von Sodom mit dem "Klagegeschrei", das Gott aus Sodom vernimmt, wirklich die homosexuellen Neigungen der Bewohner? Ja, was führte zur Zerstörung Sodoms?

Hochmut als Hauptsünde

Ursprünglich wurde das Wort "Sodom" nicht mit dem Geschlechtsverkehr zwischen Männern assoziiert, weder in jüdischen, noch in christlichen Quellen. Wie Mark D. Jordan in seinem Werk The Invention of Sodomy in Christian Theology zeigt, bestand für den Kirchenvater Hieronymus die Hauptsünde Sodoms im Hochmut der Bevölkerung. Die sexuelle Sünde ist seiner Meinung nach dagegen nur eine Begleiterscheinung des Hochmuts, der zur Zerstörung Sodom führte. Entsprechend hatten bereits zuvor Josephus Flavius in Contra Apionem und Philon von Alexandria die Zerstörung Sodoms erklärt.

Der mittelalterliche Ausleger Nachmanides fasst in seinem Torakommentar die Haltung der frühen jüdischen Midraschim zusammen und kommt zum Schluss: Sodom wurde letztlich zerstört, weil die Bewohner der Stadt die Armen schlecht behandelten. Doch selbst in der Bibel, die Sodom 39 mal als Bespiel für Bosheit und Gewalttätigkeit erwähnt, ist nicht die Rede davon, dass homosexuelle Beziehungen den Hauptgrund für die Bestrafung der Stadt bildeten.

Der deutliche Beweis dafür, dass die jüdischen Gelehrten nicht auf die Idee kamen, Homosexualität als Grund für Sodoms Vernichtung anzunehmen, ist: In der Sprache der talmudischen Zeit diente das Wort "sodomitisch" lediglich als Bezeichnung für eine böse Tat oder einen schlechten Menschen. "Wenn ein Mensch schlecht ist, wird er Sodomiter genannt" (Bereshit Rabba, Ed. Theodor Albeck). Und der religionsgesetzliche Ausdruck "sodomitische Untugend" hat nichts mit Homosexualität zu tun, sondern bezeichnet vielmehr Bosheit und Unehrlichkeit im Allgemeinen und speziell im Zivilrecht. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass die heutige semantische Bedeutung von "Ma'ase Sdom" als Bezeichnung für homosexuelle Beziehungen lediglich ein Resultat der späten christlichen Literatur ist.

Gewalt und Homosexualität

Die antike Welt der Bibel und des Talmud kannte nicht homosexuelle Partnerschaften, die Gefühle von Zuneigung und Liebe auszeichnen, zu denen auch der Geschlechtsverkehr gehört. So kann man davon ausgehen, dass auch die jüdischen Gelehrten dieser Zeit in der Homosexualität eine Form von Bosheit und Gemeinheit erkannten. Ihnen ging es dabei aber nicht wie christlichen Autoren um eine sexuelle Anomalie, sondern um die Gewalttätigkeit, die ihrer Ansicht nach mit der Homosexualität verbunden war. Das geht aus den Midraschim hervor, die sich mit diesem Thema befassen und das Element der Gewalt betonen. So erzählt zum Beispiel der Midrasch von den "vier Menschen, die sich als weibliche Gottheiten verstellt haben und wie Frauen begattet wurden" (Midrasch Tanchuma, Ed. Buber, Wa-Erah).

Der Hinweis darauf, dass Joasch wie eine Frau begattet wurde, ist in 2. Chronik 24,24 zu finden. Hier wird die Eroberung Judäas und Jerusalems durch das Heer der Aramäer geschildert: "So vollzogen die Aramäer an Joasch das Strafgericht" und ließen ihn "schwer krank" zurück. Den Ausführungen eines Midraschs zufolge geht es um eine besondere Form der Demütigung: "Ein Mann wird zu einer Frau gemacht" und einem körperlichen "Strafgericht" unterzogen.

In der Midrasch-Literatur und in den mittelalterlichen Interpretationen dominieren zwei Auslegungen der Sodomgeschichte: Die eine versucht Lots Verhalten in Schutz zu nehmen. So wird zum Beispiel im Midrasch Pesikta Rabbi Eliezer vorgeschlagen, die Erzählung auf folgende Weise zu verstehen: "So wie Moses seine Seele für Israel dahingab, so gab auch Lot seine Seele für sie hin: Er nahm seine zwei Töchter und gab sie ihnen anstatt der zwei Engel heraus."

Neigung zur Blutschande

Dem modernen Leser dürfte freilich nicht ganz klar sein, was für ein treues und hingebungsvolles Verhalten das hätte sein sollen. Denn Lot hätte sich doch selbst der Menge zur Verfügung stellen können.

Im Midrasch Tanchuma wird eine andere Lesart von Lots Verhalten vorgeschlagen. Hier wird gesagt, dass Lot nicht ohne Grund ausgerechnet in Sodom wohnte: "Woher kann man wissen, dass Lot sich genauso wie die Bevölkerung von Sodom benahm? Als Lot sah, dass die Leute von Sodom ganz und gar von schlechten Gedanken ergriffen sind, wählte er Sodom zu seinem Wohnort, um sich so wie sie zu benehmen. Woher wird dies klar? Denn er sagt den Leuten von Sodom: Ich habe zwei Töchter' usw. Während es in der Welt üblich ist, dass ein Mensch bereit ist für seine Frau und für seine Töchter zu sterben, und bereit ist, deswegen andere zu töten oder selbst getötet zu werden, gibt Lot seine Töchter heraus, damit sie misshandelt werden" (Tanchuma, Ed. Buber, Wa-Yireh).

Dieser Midrasch kommt der eingangs erwähnten feministischen Kritik sehr nahe. Es scheint, dass er auf eine verborgene Neigung Lots zur Blutschande hindeutet - eine Lust, die ihn dazu brachte, seine Töchter als Sexualobjekte zu betrachten. Eine Bestärkung dieser Vermutung lässt sich auch an einer anderen Stelle dieses Midraschs finden. Dort heißt es, Lot wurde für seinen Vorschlag bestraft, indem Gott ihm sagte: "Siehe, du hebst sie für dich selbst auf [und du wirst damit bestraft werden, dass deine Töchter mit dir selbst schlafen werden], und später werden Kleinkinder des Lehrhauses [über dich] lachen und [über dich] lesen: Beide Töchter Lots wurden von ihrem Vater schwanger" (Tanchuma, Ed. Buber, Wa-Yireh). Dieser Interpretation stimmt Nachmanides in seinem Torakommentar mit kurzen, jedoch scharfen Worten zu: "... dass er aber die Stadtbewohner damit zu besänftigen versucht, indem er seine Töchter für herrenlos erklärt, geschieht aus boshaftem Herzen."

Komplexe Erwägung

Freilich, die Haltung, die Augustin und seine Zeitgenossen vertraten, fanden nach und nach ihren Eingang in die jüdische Auslegung. So betont der Midrasch Sechel Tov, der 1139 wohl in Italien von Rabbi Menachem ben Salomo herausgegeben wurde, die homosexuelle Lust der Sodomiter. Lots Aussage, "aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen", versteht dieser späte Midrasch als eine explizite Belehrung über das Verbot der Homosexualität und nicht als eine allgemeine Aussage über Bosheit und Gewalt: "Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen!' - Das heißt: Dies sollt ihr nicht machen, denn der Heilige, gesegnet sei er, betrachtet dies als eine außerordentlich schlimme Tat ... und er verwarnte auch die Söhne Noachs [die Nichtjuden], denn es steht geschrieben (1. Mose 2,24): Und [der Mensch] binde sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch sein' - also nicht an einen Mann, weil man nicht [durch das Zeugen von Kindern] ein Fleisch wird" (Sechel Tov. Ed. Buber).

Wie Augustin kommt dieser jüdische Ausleger zu dem Schluss, dass der Vorschlag von Lot völlig berechtigt war, da nach dem religiösen Gesetz der Geschlechtsverkehr eines Mannes mit einem unverheirateten Mädchen weniger schlimm ist, als der mit einem anderen Mann.

Aufgrund von komplexen religionsgesetzlichen Erwägungen und einer antihomosexuellen christlich-jüdischen Zusammenarbeit wurde Lots Bereitschaft, seine Töchter der wilden Menge auszuliefern, also von späteren Generationen als legitim betrachtet.

Admiel Kosman

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