Religionskritik

Ein Lehrbuch der klaren Art
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Wer sich "janz dumm" stellt, wird bei der Lektüre dieses Lehrbuches bald abgehängt. Gerade deshalb lohnt sie sich.

"Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder, dass es sie gibt, noch, dass es sie nicht gibt, noch, was für eine Gestalt sie haben; denn vieles hindert ein Wissen darüber: die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens" - am Ende seines Lehrbuches über die Religionskritik zitiert Michael Weinrich, Professor für Systematische Theologie in Bochum, Protagoras. Das hat er, wie er erwähnt, schon in einem seiner früheren Bücher getan, hier wie dort als eine Mahnung zur Bescheidenheit in Sachen religiöser Gewissheit, "nicht zur Resignation, sondern zur Ernüchterung".

Um vorerst beim Schluss des Buches zu bleiben: Da wird John Hick abgehandelt, in dessen Theologie der Religionen von 1980 alle Religionen als gleich wahr erscheinen, insofern die Götter und Absolutheiten, die die Gott-Zentriertheit des Menschen initiieren, "unterschiedliche Modi der Präsenz derselben letzten Realität sind".

Weinrich erläutert, dass "jedes denkbare religiöse Bekenntnis als etwas erscheint, das grundsätzlich durch ein anderes ersetzt werden könnte". In der Tat ließe sich darüber streiten, ob Hick ein Stomlinienmodell einer Metareligion geliefert hat oder bloß eine Umkehr der aufklärerischen Religionskritik, nach dem Motto "Über die Wahrheit einer Religion lässt sich nichts sagen, aber sie gehört zum Menschen und ist wichtig und nützlich".

Aber der Rösselsprung in ein religionsaffirmatives Endspiel ist eigentlich erst nach Lektüre des ganzen Buches erlaubt: Weinrich ordnet den Stoff nicht durchgehend chronologisch, sondern auch nach inhaltlichen Kriterien, er unterscheidet Kritik der Religion und Religionskritik; stellt Positionen nebeneinander, die die Ambivalenz der Religion hervorheben, und solche, die sie verteidigen - bis ins nur noch unzureichend zu systematisierende 20. Jahrhundert. Ganz am Anfang aber zeigt er, dass der Begriff "Religion" alles andere als eindeutig ist, dass es beinahe so viele Definitionen wie Religionskritiken gibt. Wo der Aufklärer die Religion ablehnte, indem er ihre rationale Unzugänglichkeit demonstrierte, dabei aber die eigenen religionskontaminösen Verletzungen verbarg, da beruft sich etwa ein Psychologe des 20. Jahrhunderts ganz auf die psychischen Kollateralschäden gesellschaftlich verankerter Religion und behandelt seine eigene rationale Distanz als Konsequenz derselben.

Zwischenüberschrift

Weinrich macht die Höhen, Tiefen und Seitentäler der Religionskritik durch exzellent ausgesuchte Textbeispiele zugänglich, die nicht nur hingeworfen, sondern erläutert werden. Am Ende eines jeden Kapitels bringt er das soeben Vorgestellte in eine Zwischenbilanz und führt dann in das folgende Kapitel ein. Dabei nichts von steriler Neutralität, eher ist Weinrich dem Pathos einer nüchternen Distanz verpflichtet, die sich in eine reflexiv gespannte Wissenschaftsprosa kleidet.

Klare Urteile fallen da gewissermaßen nebenher ab, und auch kritische Perspektiven ergeben sich ganz en passant - etwa wenn von der Möglichkeit einer verfassten Religion die Rede ist, "die in ihrer Erstarrung das Moment des ‚Religiösen' im Sinne eines vitalen Umgangs mit dem Kontingenzproblem bis zur Unerkennbarkeit verdunkelt hat, sodass sie ... zwar noch existiert, ohne aber tatsächlich eine vitale religiöse Sinnerschließung zu bieten".

Mit einem Wort: Leser werden nicht nur belehrt, sondern zum Mitdenken und gar Sich-Einlassen aufgefordert - um rechtzeitig wieder auf den Pfad wissenschaftlicher Tugend zurückgeholt zu werden. Wie das geht, zeigt beispielsweise das Unterkapitel über Schleiermacher. Der ist noch heute für viele unter den gebildeten Nichtverächtern der Religion ein Zentralstern. Weinrich stellt Textpassagen ("Zur Menschheit also lasst uns hintreten, da finden wir Stoff für die Religion") von ihm so kommentiert vor, dass man's von Herzen versteht und einen Augenblick vermeint, auch der Autor zähle noch zu Schleiermachers Trabanten. Doch in der Zwischenbilanz kommt die Abkühlung: Schleiermacher habe die Religion als ganzheitliche Anschauung bezeichnet, die Theologie aber konsequent auf das Gebiet der Religion beschränkt: "Der Preis der Beschränkung auf einen Teilbereich der Wirklichkeit scheint angesichts der damit erkauften Teilhabe am Allgemeinen vertretbar zu sein."

Jenes Protagoras-Zitat könnte dazu verführen, die Religionskritik versuchsweise als ein großes Spiel zu betrachten. Schon die Überschrift "Die funktionalistische Verteidigung der Religion" des sechsten Kapitels fordert dazu heraus. Schachfreunde könnten sich den Stoff wohl auch nach Art eines Schachlehrbuches präsentiert vorstellen: Die "Cherbury-Eröffnung", der "Toland-Angriff", das "Schleiermacher-Gambit", die "Luhmann-Verteidigung". Dies werden die nicht für despektierlich halten, die wissen, zu welchem Ernst der homo ludens fähig ist.

Doch natürlich ist es ein wissenschaftliches Buch, und eins ist deutlich: Für Weinrich führt jede Elementarisierung genau bis an die Grenze wissenschaftlicher Solidität und keinen Schritt darüber hinaus. Es handelt sich also nicht um ein leichtes Buch nach dem Feuerzangenbowlen-Prinzip - jetzt stellen wir uns mal janz dumm! -, denn wer's tut, wird bald abgehängt. Dennoch oder gerade deswegen ist es ein gutes Lehrbuch, also eines, an dem es nicht liegt, sollte ein Adept nach durchmessener Wegstrecke nicht zu einem ersten Durchblick gelangen. Und ein Repetitorium ist es ohnehin - für alle, die ahnen, was sie alles vergessen oder nie gewusst haben.

Michael Weinrich: Religion und Religionskritik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, 331 Seiten, Euro 29,90.

Helmut Kremers

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