Stadt ohne Arme

Auch sechs Jahre nach dem Hurrikan Katrina ringen noch viele Menschen ums Überleben
Als sei es gestern passiert: Weite Teile im Osten von New Orleans sind noch zerstört. Foto: Martin Egbert
Als sei es gestern passiert: Weite Teile im Osten von New Orleans sind noch zerstört. Foto: Martin Egbert
Noch immer sind weite Teile von New Orleans von den Schäden gezeichnet, die der Hurrikan Katrina vor sechs Jahren über die Stadt am Mississippi brachte. Das trifft vor allem die arme afroamerikanische Bevölkerung, wie Klaus Sieg und Martin Egbert bei einem Besuch feststellen konnten.

Sechs Jahre ist es her. Doch Louis Antony Alexander erzählt, als sei es erst gestern passiert. "Bis hier oben stand das Wasser." Mit zittrigen Fingern zeigt der 80-Jährige auf die Oberkante der Wohnzimmertür. "Früh morgens stand ich am Küchenfenster und kochte Kaffee, dann sah ich das Wasser über die Straße fließen", erzählt Alexander im typischen Südstaaten-Singsang. "Ich sagte zu meiner Frau: 'Du stehst jetzt besser auf'; bevor sie die Schuhe anhatte, schwappte das Wasser schon über die Türschwelle." Alexander grinst. Doch dann werden seine Augen feucht.

Ende August 2005 traf der Hurrikan Katrina auf die Küste von Louisiana und richtete die schwersten Schäden an, die je ein Wirbelsturm in den usa verursacht hat. Mehr als 1800 Menschen starben, und der Sachschaden belief sich auf 125 Milliarden Dollar. Am schlimmsten traf es New Orleans: In Folge des Hurrikans brachen die Deiche des Industrial Canals. Er verbindet den Lake Pontchartrain im Norden der Stadt - der Brackwassersee ist dreimal so groß wie der Bodensee - mit dem Mississippi. Das Wasser überflutete weite Teile des Stadtgebietes. Drei von vier Einwohnern mussten New Orleans verlassen. Besonders betroffen war das Viertel Ninth Ward im Osten der Stadt. Hier standen überwiegend die einfachen Häuser afroamerikanischer Familien mit niedrigem Einkommen.

Erschwingliches Bauland

Das ehemalige Plantagenland war nach dem Bau des Industrial Canal in den Zwanzigerjahren besiedelt worden. Kanal und Hafen boten Arbeit. Und das niedrig gelegene Bauland war erschwinglich. "Als ich hier aufwuchs, gab es weder asphaltierte Straßen noch Elektrizität, wir hielten Tiere und fingen Krebse im nahen See." Louis Antony Alexander lächelt.

Foto: Martin Egbert
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Louis Antony Alexander zeigt, wie hoch das Wasser in seinem Haus stand.

Foto: Martin Egbert
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Zerstört und intakt gegenüber: Bei vielen der einfach gebauten Häuser lohnt sich der Wiederaufbau nicht.

Selbst als das Wasser immer höher stieg und der Kühlschrank im Haus umher schwamm, wollte er sein Haus nicht verlassen und kletterte aufs Dach. Die Autos und Straßenschilder vor dem Haus waren da schon längst nicht mehr zu sehen. Zwei Tage und Nächte verbrachte der hagere, alte Mann dort oben. Und als die Armeehubschrauber kamen, versteckte er sich. Er wollte nicht evakuiert werden.

Sein Haus konnte Louis Antony Alexander wieder aufbauen. Schließlich versteht er als ehemaliger Gipser etwas vom Bauen. Über das "Road Home Program" der Regierung gab es einen Zuschuss für die Kosten. Doch viele seiner ehemaligen Nachbarn sind bis heute nicht zurückgekehrt. "In unserem Block sind gerade einmal zwei Häuser bewohnt."

Kreuz mit Zahlen

Sechs Jahre ist es her. Weite Teile des Ninth Ward sehen immer noch so aus, als sei es gestern passiert. Aufgerissene, mit Unkraut überwucherte Straßen, eingebrochene Dächer und mit Spanplatten vernagelte Fenster. Rost frisst an den schmiedeeisernen Geländern der Veranden. Auf den Bretterwänden der Holzhäuser ist häufig noch das Kreuz mit den Zahlen zu sehen. Ein Zeichen der Rettungsmannschaften, um sich gegenseitig zu informieren, über den Zustand des Gebäudes und die Zahl der Verletzten, die sie im Inneren gefunden hatten. Und die der Toten.

Vor Katrina zählte New Orleans um die 450.000 Einwohner, noch 2010 waren es gerade einmal 350.000. "Die Menschen kehren nur sehr langsam zurück, vor allem viele junge Afroamerikaner haben die Stadt für immer verlassen", sagt Pfarrer Alfred Ayem. Den Menschen fehlt das Geld, ihre Häuser wieder aufzubauen. Ihre Jobs waren nach Katrina weg. Viele fanden Arbeit in Houston, Dallas oder im Norden der USA.

Foto: Martin Egbert
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Auf den versprochenen "Change" warten viele Afroamerikaner in New Orleans schon lange.

Die Gemeinde von Pfarrer Ayem liegt mitten im Ninth Ward. Der aus Ghana stammende römisch-katholische Priester war kurz nach Katrina aus Texas nach New Orleans gekommen. Kirche und Pfarrhaus waren in einem ähnlich desolaten Zustand wie die meisten Häuser in der Umgebung. Es gab weder Gas noch Strom, die Versorgung mit Essen und Trinken war schwierig.

Fast eineinhalb Jahre lebte Ayem in einem Wohnwagen. Das hat ihn und die Gemeinde zusammengeschweißt. Der Geistliche führte unzählige Gespräche, brachte Menschen zusammen, organisierte gegenseitige Hilfe. Doch selbst bei denen, die ihr Zuhause wieder aufbauen konnten, ist die Empörung über das Versagen der staatlichen Stellen groß.

Widerstand im Shotgun House

Yvonne Johnson verschränkt die Arme. "Anstatt uns zu helfen, wollten sie unsere Grundstücke kaufen, anscheinend hat die Stadt andere Pläne für das Ninth Ward." Die 77-Jährige steht auf dem Rasen vor ihrem wiedererrichteten shotgun house. So heißen im Süden der USA die langen, schmalen Holzhäuser, weil man mit einem einzigen Schuss durch alle Zimmer schießen kann.

"Wir Afroamerikaner haben die Stadt New Orleans und ihre weltberühmte Kultur maßgeblich geprägt - und nun sollen wir einfach weg?" Yvonne Johnson war vor drei Jahren die erste in ihrem Block, die zurückkehrte. "Ich bleibe um jeden Preis, ich bin hier aufgewachsen und liebe diese Stadt." Auch Johnson wohnte zunächst in einem Wohnwagen auf ihrem Grundstück. Mit Geld von der Versicherung, Zuschüssen vom "Road to Home Program", vor allem aber einem neuen Kredit, konnte die ehemalige Kassiererin das Haus wieder aufbauen. "Vor Katrina wäre es in fünf Jahren abbezahlt gewesen, nun ist es für die nächsten dreißig Jahre belastet", sagt Yvonne Johnson mit heiserer Stimme. "Und ich bin eine alte Frau!"

Foto: Martin Egbert
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Eine nicht instand gesetzte Sozialbausiedlung wartet auf den passenden Immobilieninvestor.

Foto: Martin Egbert
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Hilfe à la Hollywood: Wie UFOs sehen die Häuser aus, die von einer von Brad Pitt gegründeten Stiftung im Ninth Ward nach den Plänen internationaler Architekten gebaut wurden.

Foto: Martin Egbert
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Auch vor Katrina zählte New Orleans zu den heruntergekommenensten Städten in den USA.

Für viele hier im Ninth Ward ist das "Road to Home Program" ein "Road to Nowhere Program". Die Anträge wurden nur schleppend bearbeitet, die Höhe der Zuschüsse häufig nach den Marktpreisen vor dem Hurrikan berechnet, nicht nach den tatsächlichen Kosten für die Wiederherstellung. Das benachteiligte vor allem Afroamerikaner. Häuser in ihren Vierteln sind auf dem Markt weniger wert. Viele waren zudem unterversichert. Oder ihre Versicherungen zahlten nicht.

Auch Lichtblicke

Will New Orleans sich seiner armen Bevölkerung entledigen? Dafür spricht auch, dass kurz nach der Katastrophe fast alle "Public Housing Projects" in der Stadt abgerissen wurden. Dabei waren die meisten der soliden Steingebäude aus der Zeit des New Deal nach Meinung vieler Kritiker nicht so beschädigt, dass man sie nicht hätte wieder herrichten können. Um die 20.000 Menschen hatten in diesen Sozialquartieren ihr Zuhause. Manche glauben deshalb sogar, die Deiche seien absichtlich beschädigt worden, um diesen Teil der Bevölkerung los zu werden und die höher gelegenen Viertel der Wohlhabenden vor den Fluten zu schützen.

Sechs Jahre ist das her. Es gibt aber auch Lichtblicke. Eine Woche nach dem Hurrikan begann die Nichtregierungsorganisation "Common Ground Relief" den Wiederaufbau beschädigter Häuser mit privaten Spenden und der Arbeit freiwilliger Helfer aus dem ganzen Land zu organisieren; in den ersten Monaten kamen pro Woche fünfhundert. Seitdem konnte die Organisation 3000 Häuser wieder aufbauen. Und immer noch kommen Helfer, überwiegend Studenten in ihren Semesterferien. Das Büro von "Common Ground Relief" befindet sich im Lower Ninth Ward. Wenige Meter entfernt brach der Deich zum Industrial Canal. Ganze Häuser schwammen umher.

Foto: Martin Egbert
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Wiederaufbau in Selbsthilfe: Viele Hausbesitzer bauen ihr Zuhause in Eigenregie wieder auf.

Foto: Martin Egbert
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Immer noch kommen zahlreiche freiwillige Helfer nach New Orleans, überwiegend

Der frische Beton des Deiches leuchtet in der Sonne. Die Reparatur ist abgeschlossen. Mit dem Aufbau der Infrastruktur im Lower Ninth Ward lässt die Stadt sich Zeit. "Erst eine von einst zehn Schulen hat wieder geöffnet, und die ist völlig überfüllt", berichtet Thom Pepper von "Common Ground Relief". Die meisten Kinder müssen immer noch mit Bussen in andere Viertel zur Schule fahren.

"Es geht um Bauland"

"Es geht um bestes Bauland in der Nähe von Downtown und dem French Quarter", sagt Ken Scott. Für eine Woche ist der Betreuer des College of Saint Rose, einer von Ordensschwestern gegründeten Universität im Staat New York, mit einer Gruppe Studenten nach New Orleans gekommen. Hinter ihm arbeiten junge Männer und Frauen in farbbeklecksten Jeans und T-Shirts. Sie spachteln und streichen das Wohnzimmer eines wieder instandgesetzten Shotgun-Hauses. Vor der Tür steht schon der Container mit den Möbeln. "Die 80-jährige Frau, die hier bald einzieht, hat drei Jahre lang für ihr Wiederaufbaugeld kämpfen müssen." Ken Scott schüttelt den Kopf. Dann taucht er den Pinsel wieder in den Farbeimer und steigt auf die Leiter.

Foto: Martin Egbert
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Alternative Stadtführung am wieder aufgebauten Deich des Industrial Canal.

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Zerstörtes Krankenhaus im Osten der Stadt. Hier gibt es immer noch keine angemessene medizinische Versorgung.

Text: Klaus Sieg / Fotos: Martin Egbert

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