Hoffen auf Offenbarung?

Max Frisch rebellierte gegen ein Staatskirchentum, das Konformität und Anpassung verlangte
"Schreiben heißt, sich selber lesen": Max Frisch. Foto: dpa/keystone
"Schreiben heißt, sich selber lesen": Max Frisch. Foto: dpa/keystone
Am 15. Mai vor einhundert Jahren kam Max Frisch zur Welt. Der Schriftsteller war ein Agnostiker, der jedoch oft in der Zürcher Reformierten Kirche von der Kanzel predigte. Der Theologe Harald M. Nehb beschreibt die Botschaft des Schweizers.

Schreiben heißt, sich selber lesen." Das hat Max Frisch getan. Sein Leben war der Stoff seiner Kunst. Es passte zu Frisch, dass er dem intimsten seiner Bücher, Montauk, ein Montaigne-Zitat voranstellte: "Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser ..." Wer ihm begegnete, traf einen stets zum Lachen aufgelegten, wahrhaftigen Mann. Max Frisch - 1911 in Zürich geboren und dort 1991 gestorben - sprach und schrieb auf faszinierende Weise Klartext, verdichtet, ohne Pose, aufrichtig und integer. Unvergessen ist der Frisch-Sound: "Ich stelle mir vor." "Wo wollen Sie nochmals anfangen?" "Ich bin nicht Stiller." "Ich bin nicht schuld." "Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung." Das sind Chiffren für die Öffnung im Lebenslauf, den Weg ins Freie, für Veränderbarkeit und Verwandlung. Kaum je gelingt einer Frisch-Figur Liebe dauerhaft. Ihm selbst auch nicht. Entwaffnend gesteht er das ein. Immer aber weiß der Leser, wie Liebe hätte gelingen können.

Zwischenüberschrift

Doch Frisch hielt die Leser im Modus des Möglichen. Seine schmucklos lapidaren Texte sogen die Leser magisch an. Er berührte ein gebrochenes Bewusstsein mit seinem Denkspiel nach Alternativen aus vermeintlicher Unausweichlichkeit. Er traf den Grundton seiner Zeit, jene Veränderungswut der Sechzigerjahre, die Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume einer Generation, die sich von den verstaubten Fünfzigerjahren verabschiedete und spielerisch Revolution probierte.Frisch hatte als moralische Autorität Kultstatus. Er hielt nicht nur Identitäten, sondern ebenso restaurative Strukturen für auflösbar und wandelbar, verschwieg aber nicht die Fron des Unterfangens. Seine Stücke zeigen in Scheitern und Untergang verborgenes Gelingen. Erregend und erhellend.

Unvergessen auch der Frisch-Effekt: Er war fähig, das "latent im Bewusstsein vieler Dahinschlummernde zu aktualisieren und jenes Hier-bist-du-gemeint-Erlebnis zu erzeugen", stellte der Literaturkritiker Peter Wapnewski fest.

Das Ich, so variierte Frisch ohne Unterlass, sei eine Erfindung, die Biografie ein Spiel. Im gleichnamigen Stück fragt der Registrator gütig den Protagonisten Kürmann: "Wo wollen Sie nochmals anfangen?" Kürmann, bitte, könnte eine biografische Variante probieren, sich neu erfinden. Und Anatol Stiller, bitte, könnte ins gelebte Leben einwilligen, er müsste sich nicht als phantastischer Mr. White ausgeben. Aber Mr. White, der Stiller ist, sagt nur: "Ich bin nicht Stiller."

Aus Lebensstoff Kunst schaffen

Verstörend virtuos experimentierte Max Frisch mit Möglichkeiten - das gelebte Ich ist ihm Täuschung. Ein Vorschein von Trost in den Trostlosigkeiten der Verstrickung kommt ins Spiel. Martin Walser, der Kollege vom Bodensee, trifft Frischs Methode präzise: "Er formuliert nie eine Sache, sondern immer das, was man über eine Sache formulieren könnte." Und weiter: "In jedem Satz bei ihm ist der experimentelle Koeffizient enthalten ... Die uns aufgegebenen Gefechte müssen nicht durchkämpft, sie dürfen durchgespielt werden."

Frischs Genie, aus seinem Lebensstoff Kunst zu schaffen, ist faszinierend. Ehern galt seine normative Denkfigur: "Du sollst dir kein Bildnis machen." Du kannst ein anderer werden, heißt das, entfalte dich. In welche Unruhen und Rastlosigkeiten Frisch dadurch geführt wurde, hat er ungeschönt eingestanden. Im Leben wie im Werk blieben Frauen zurück - als die Stärkeren. Gleichwohl blieb die Glück verheißende Chiffre "Liebe" immer Max Frischs Gegenzauber. Liebe "allein" befreit aus dem "Bildnis". Darauf bestand er.

"Die Sehnsucht gibt die Richtung an für das, was wir tun." Damit kommt ein weiteres Frisch-Credo ins Spiel: Veränderung, Sehnsucht nach Erlösung. Träume und Hoffnungen "haben einen Hang zu etwas über uns Hinausreichendes". Ein säkularisiert eschatologisches Movens klingt an. Jedenfalls, fährt Frisch 1981 in seiner New Yorker Vorlesung fort, seine Sehnsucht sei "nicht ganz weit weg vom religiösen Glauben". Das waren zwischen Himmel und Erde funkelnde Andeutungen aus dem Mund eines Künstlers, der sich "Agnostiker" nannte, einer, der Gottes Sein nicht ausschließt, sich aber auf kein Glaubensbekenntnis einlässt. "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben", diese zum ungläubigen Thomas gesprochenen Worte legt Frisch dem jungen Pastor in Triptychon in den Mund. Ist es verwegen, darin eine versteckte Sehnsucht des Autors zu vermuten?

"Was hat in der Kirche ein Agnostiker zu sagen?" - fragte (sich) Max Frisch zu Beginn seiner Totenrede 1982 für den Freund Peter Noll. Frisch hielt die Rede gut evangelisch "als Person ohne Amt". Er endete mit dem Eingeständnis (s)einer Sehnsucht: "Der Verstorbene hat inzwischen eine Erfahrung ... die sich nicht vermitteln lässt - es geschehe denn durch eine Offenbarung im Glauben." Die Totenrede wollte keine Predigt sein, aber sie war es, weil Frischs Auftreten Compassion erschütternd erlebbar gemacht hat - und Trost. "Jeder, der einen andern tröstet, ist Christi Mund", schreibt Gottfried Benn.

Frisch fragte nach dem verborgenen Gott. Ein Nichts konnte er sich nicht vorstellen. Nach dem Besuch am Grab der Mutter notiert er: "Sicher sind die Toten nicht dort, wo ihr Name in Stein geschrieben ist." Mehr verriet er nicht. Er sprach säkular von Gott wie Albert Camus oder Gottfried Benn, etsi deus non daretur, als gäbe es Gott nicht. Gerade so aber war Frischs Sprache "offenbarungshaltig" (Martin Walser). Natürlich! In der Negation des Faktischen entwarf er in säkularer Sprache "Heilslandschaften" (Albrecht Schöne). Frischs Stücke belegen in den Katastrophen die bessere, Gelingen verheißende Möglichkeit.

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Der Zürcher Germanist Peter von Matt sieht seinen Freund Max Frisch als einen normativ der Aufklärung verpflichteten Liberalen. Frisch habe an die humanisierende Kraft der Aufklärung und deren zivilisatorischen Erfolg geglaubt. "Viel kann vermeiden Vernunft", singt der Chor im Biedermann. Das lässt sich als emphatische Fortschrittsprojektion verstehen. Prozesshaft bewegt sich die Welt auf die Verwirklichung der aufklärerischen Leuchtfeuer zu (als säkularer Eschatologie). Albert Camus' Sisyphus ist abgelöst, Nietzsches "ewige Wiederkehr des Gleichen" überholt, jetzt brennt die Fackel des Aufbruchs wie einst die Feuersäule vor den Israeliten. Peter von Matt sieht Frischs mehrdeutige Metaphorik als Ausdruck "seiner Selbsterlösungslehre" - womit er ihn, hätte er Recht, in einen Gegensatz zum Herzstück des Protestantismus stellte. Frisch geht es um "sittliche Vernunft", so betont er energisch in der Solothurner Rede 1986. Das lässt sich als Gebot zur Vervollkommnung von Welt und Mensch verstehen, zur Überwindung von Rassismus, Ausbeutung und Ancien Régime.

Schon mit seiner Friedenspreisrede 1976 "Wir hoffen" stand der Schweizer dicht neben Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung und noch näher an der Politischen Theologie von Moltmann und Johann Baptist Metz. Breit wurde von ihnen die Forderung des ersten Petrusbriefs diskutiert: "Seid allezeit bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Auskunft fordert über die Hoffnung, die in euch ist." Frisch wie Moltmann sprachen von einer "ins Gelingen verliebten" Hoffnung. Beide waren mit Ernst Bloch befreundet. Biblische und "säkulare" Eschatologie bewegten sich Tür an Tür. Schön war das!

Frischs theologieaffines Denken, frei und autonom, verweigerte sich der konfessionellen Fixierung. Aber er legte kryptische Spuren. Man hört ihn selbst, wenn er auf der Kanzel des Großmünsters Peter Noll, einen Liebhaber der Bergpredigt, zu Wort kommen lässt: "Das Gegenteil, das Jesus beispielhaft setzte, lässt sich nur setzen in der Anerkennung der Rebellion zur Freiheit ... Wer sich unter dieses Freiheitsgebot stellt, wird keine Ruhe haben; er wird immer Außenseiter sein ..."

Frischs "Rebellion" richtete sich gegen beharrungsstolzes, zähes Staatskirchentum, das Konformität reklamierte und Anpassung. Gleichwohl stieg der "Agnostiker" Frisch auf die Kanzel und hielt der Zürcher Reformierten Kirche seine verschärfte Botschaft entgegen, das von ihr verschwiegene jesuanische Freiheitsgebot. Besseres kann einer Kirche aus dem Mund von Agnostikern nicht passieren! Wann trägt sie ihre Freiheitsbotschaft so zu den Agnostikern, damit die sich ihr verbünden?

Braves, ehrliches Holz

Biblische Metaphorik zieht sich von Anfang bis Ende durch Max Frischs Werk. Vom Bilderverbot des Dekalogs (in: "Du sollst dir kein Bildnis machen" im Ersten Tagebuch) bis zum Motiv "Ich bin nicht schuld" (in Andorra und in Triptychon) - von der Paradiesgeschichte bis zum leugnenden Petrus, immer wieder dieses "Ich war's nicht". Bei Frisch kann man sehen, dass biblische Metaphern weder ihre moralische Dringlichkeit noch ihren beunruhigenden Anspruch verlieren, wenn sie im Gewand der Kunst auftreten. Im Dritten Tagebuch schreibt er: "Was mich geprägt hat, ohne mich gläubig zu machen: die Bergpredigt." Sympathie für den Nazarener und dessen Antithesen. Max Frisch wird deutlich: "Es geht darum, dass das Kruzifix nicht zum Götzen wird: es soll bleiben, ein braves und ehrliches Holz, das sich selbst nicht für Christus hält." Theologen werden an den jungen Dietrich Bonhoeffer denken: "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht."

Man tritt Max Frisch nicht zu nah, wenn man ihm unterstellt, für eine Welt gestritten zu haben, in der ein gepeinigter Andri (Andorra) nicht mehr klagen muss: "Gnade ist ein ewiges Gerücht." Es bedarf des Wortes, damit es dazu kommt. "Es bleibt noch immer das Wunder des Wortes, das Geschichte macht: 'Im Anfang war das Wort'." - Der Tübinger Germanist Jürgen Schröder sieht Frischs poetologische Programmatik in einem säkularisierten Johannes-Evangelium: Wie Christus unter dem göttlichen "Im Anfang war das Wort" steht, einem anfänglichen Wort, "das Geschichte macht, um den Menschen zurückzuholen in die göttliche Wahrheit", so lebt auch die Dichtung Max Frischs "vom Wunder des Wortes, das Geschichte macht, um alle Geschichte aufzuheben ...".

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Frischs programmatischer Schlüsselsatz und innerster Kern seiner Poetologie - "Schreiben heißt, sich selber lesen" und "Im Anfang war das Wort" stehen enigmatisch nebeneinander. Beide Sätze bedeuten: "Sich als das ursprüngliche Wort erkennen und wählen." Dann wäre Frischs Antrieb als Dichter "die unaufhörliche Suche nach der verlorenen Gotteskindschaft", so Schröder. Schreiben wird zur endlosen Reise durch vielfach vertauschbare Identitäten, und kein Ankerplatz scheint in Sicht. Das ist, zugespitzt, der veränderungsfromme, von den Antithesen der Bergpredigt in die Pflicht genommene Max Frisch. Der Agnostiker Frisch jedenfalls stand in einer großen Zahl von Predigten mit auf den Kanzeln, als gehörte er zur Zunft.

Am Agnostiker Frisch lässt sich ablesen, was der Philosoph Jürgen Habermas in seinem Bericht über Frischs Trauerfeier 1991 ("ohne Pfarrer und ohne Amen") in Lavaters Kirche St. Peter festhielt: "Säkularisierung hat weniger die Funktion eines Filters, der Traditionsgehalte ausscheidet, als die eines Transformators, der den Strom der Tradition umwandelt." So ein Verwandler war Frisch!

Säkularisierung war für ihn schöpferischer Antrieb, nicht Bedrohung und Verfall. Aber man muss die religiöse Metaphorik seiner Dichtung nach Herkunft und Funktion deuten. Einerseits gilt dann die Einsicht des großen Germanisten Albrecht Schöne: "Die ungeheure Prägekraft religiöser Sprachformen erlahmt nicht ..."

Solche Sprachformen bewegen den offenbaren wie den verborgenen Gott. Andererseits hat der Dichter die Verborgenheit Gottes beklagt. Daher rührt seine Offenheit für "eine Offenbarung im Glauben" - im Tiefsten klingt das wie Sehnsucht nach Gewissheit. Deshalb hat der Theologe Lothar Perlitt Recht, wenn er religiöse wie säkularisierte Wahrnehmung nicht als "ein absolutes Gegeneinander, sondern als ein ... Nebeneinander" bestimmt: "Das Leben im Schatten des verborgenen Gottes ist nie ohne ein Verlangen nach dem offenbaren; und die Erfahrung des offenbaren Gottes ist nie ohne den Schatten des verborgenen. Es ist derselbe Gott, der sich verbirgt und offenbart."

Harald M. Nehb

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