Landbesitzer wie Abraham

Für die Qom-Indianer im Gran Chaco ist die Bibel auch ein politisches Buch
Qom-Pastor Oscar Garcia vor seinem Haus in Miraflores. Foto: Michael Grau
Qom-Pastor Oscar Garcia vor seinem Haus in Miraflores. Foto: Michael Grau
Die weißen Argentinier sind über wiegend katholisch, viele der Qom-Indianer dagegen evangelisch. Wie sich das auf ihr Leben auswirkt, hat der Hannoveraner Journalist Michael Grau beobachtet.

Ein warmer Wind weht über den Schulhof und bringt die argentinische Fahne zum Flattern. Lehrer José Celin muss sie am einen Ende festhalten, damit zwei Jugendliche das andere am Mast befestigen können. Wie jeden Morgen hissen die Schüler in der kleinen Siedlung der Qom-Indianer am Rio Salado in Nordargentinien zwei Flaggen. Oben weht die blau-weiß-blaue Argentiniens mit der Sonne in der Mitte, und unten, mit 49 kleinen Quadraten in sieben Farben, die der Indigenen, der Ureinwohner, zu denen das Volk der Qom gehört.

Die Schule am Rio Salado ist ein schlichter Steinbau mit nur einem Raum, außen weiß und innen hellgrün getüncht, mit abgewetzten Bänken und Stühlen. An der Wand kleben bunt bemalte Zettel mit den Buchstaben des lateinischen Alphabets. Vielleicht ein Dutzend Kinder und Jugendliche lernen hier Lesen und Schreiben. Lehrer Celin schreibt mit Kreide einen Satz in der Qom-Sprache an die Tafel: "Sa'amaxasoqchigui ra qomi' qauauattone." Er geht in die Hocke und setzt die spanische Ver sion darunter: "Estamos contentos que nos conocen." Das richtet sich an die Be sucher und heißt soviel wie: "Wir freuen uns, dass ihr uns kennenlernen wollt!"

Zweisprachige Schulen

Erst seit einigen Jahren werden die Jugendlichen hier im Urwald des Gran Chaco, wo es im Sommer nicht selten weit über 40 Grad heiß wird, in ihrer Muttersprache unterrichtet. Und José Celin hofft, dass zweisprachige Schulen für indigene Völker die Regel werden, "damit wir unsere Geschichte aufarbeiten und weitertragen können". Sonst gibt es fast nur spanischsprachige Schulen, in denen die Überlieferungen der Indigenen jedoch nicht vorkommen. Und nur wenige Qom haben die Möglichkeit, überhaupt eine Schule zu besuchen.

Celin ist stolz darauf, ein Qom zu sein. Der Name bedeutet schlicht "Mensch". Der 48-Jährige ist einer von 60.000 Qoms in Argentinien. Sein volles pechschwarzes Haar fällt ihm, links gescheitelt, in die Stirn. Und über der braun gebrannten Haut sitzt ein locker geknüpftes Hemd. "Wir waren die ersten, die dieses Land entdeckt haben", betont Celin, "und das schon vor 8000 Jahren". Jedenfalls lange bevor die Weißen ka men. Denn mit denen begann das Unglück der Qom.

Tanz, Gebet, Gesang

Dass es heute wieder eine Zukunft für sie gibt, hat auch mit ihrem Glauben zu tun. Denn das kleine indianische Volk im Urwald ist - mindestens zur Hälfte - evangelisch. Die Spiritualität der Qom erinnert an die der Pfingstler. Doch sie haben nicht einfach Frömmigkeitsformen der Weißen übernommen, sondern eigene aus ihrer Tradition heraus entwickelt - mit viel Tanz, Gebet und Gesang. Das hat sie selbstbewusst und stark gemacht und die Bereitschaft geweckt, für ihre Rechte zu kämpfen. Es ist ein Kampf für die Erhaltung ihrer Kultur und - ganz zentral - um Land.

Einer, der die ganze Geschichte kennt, ist Pfarrer Daniel Silvestre. Der 66-Jährige lebt in einer kleinen Siedlung am Rio Bermejito nahe der Grenze zu Paraguay, eine Autostunde entfernt von der Stadt Castelli. Auch hier gibt es eine schlicht ausgestattete Schule und sogar ein Wohnheim, in dem Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden Dörfern übernachten, weil die Wege so weit sind. Aus den Bäumen, die das Dschungelinternat umgeben, zwitschert und zirpt es vielstimmig, Affen mit hellbraun glänzendem Fell springen von Ast zu Ast.

Das Land versprochen

Pfarrer Silvestre setzt sich auf die Holzbank im Schatten des Schulhauses. Das graue Haar bedeckt ein Sonnenhut. "Es gab Missionare, die uns gepredigt haben, dass wir Land besitzen, aber im Himmel", erzählt er bedächtig, "das hier sei dagegen nicht unser Land. So haben die Weißen uns viel Land weggenommen." Viele ältere Qom wie er können sich noch an die Geschichten der Eltern erinnern, die erzählten, wie die Weißen vor achtzig Jahren begonnen hatten, den Wald zu roden und zu besiedeln, der bis dahin den Indigenen gehört und ihnen Schutz und Nahrung geboten hatte. Als Jäger, Sammler und Nomaden zogen die Qom von Ort zu Ort. Und wenn sie zurückkamen, hatten Siedler ihr Land schon besetzt und zeigten ihnen Papiere der Regierung. Die Weißen schlugen Teile des Urwaldes ab, um an das begehrte Holz des Chaco zu kommen und Felder für Baumwolle zu schaffen.

Für Pfarrer Silvestre und viele andere Qom war es eine große Entdeckung, dass in der Bibel von irdischem Land die Rede ist: dem, das Abraham und Mose von Gott versprochen wird. Nun wollen sie genauer wissen, wie das gemeint ist. Deshalb ist es wichtig, dass möglichst viele zur Schule gehen. "Damit sie nachlesen können, was wirklich in der Bibel steht."

Nicht zufällig war die Bibel das erste Buch, das 1980 in die bis dahin nur mündlich überlieferte Qom-Sprache übersetzt wurde. "Sie hat uns einen Weg gezeigt, wie wir im Wald und am Wasser leben können", erinnert sich der Geistliche.

Militärisch besiegt

Vor siebzig Jahren war das Volk der Qom auf wenige Tausend Angehörige zusammengeschmolzen. Militärisch waren sie besiegt worden, und von Weißen eingeschleppte Krankheiten rafften viele dahin, berichtet der methodistische Missionar Willis G. Horst. Die Heiler der Qom erwiesen sich als machtlos. Und der Alkohol tat ein Übriges: Die Straßen der Provinzhauptstadt seien von betrunkenen Indianern bevölkert gewesen.

Foto: Michael Grau
Foto: Michael Grau

Lehrer José Celin beim Fahnenappell in der Schule der Qom am Rio Salado. Neben der argentinischen Nationalflagge wird auch die der Indigenen gehisst.

Foto: Michael Grau
Foto: Michael Grau

Marianne lebt in einer kleinen Siedlung am Rio Salado.

In dieser Situation, zu Beginn der Vierzigerjahre, lauschten viele Qom den Predigten von Pfarrern mit pfingstlichem Hintergrund, ließen sich taufen und gründeten unabhängige Kirchen. Ihre Anführer unterstützten die neue Bewegung und sahen darin die einzige Chance zum Überleben. "Das Evangelium hat uns geholfen, uns zusammenzuschließen und nach vorne zu gehen", erzählt Pfarrer Silvestre.

Und die Qom werden von Kirchen und ihren Hilfsorganisationen unterstützt. Eine der wichtigsten ist die "Junta Unida de Misiones" (JUM) in Castelli am Rand des Chaco. Anders als der Name vermuten lässt, will die Organisation keinerlei Mission im Sinne einer Bekehrung von Ungläubigen betreiben, sondern die Qom und ihre Eigenheiten respektieren. Methodistenpfarrer Jorge Collet, Nachkomme Schweizer Einwanderer und einer von sechs Mitarbeitern der JUM, sieht sich eher als eine Art helfender Missionar wie Albert Schweitzer.

Gottes Gerechtigkeit

Vor allem bei praktischen Fragen will die Organisation den Indigenen zur Seite stehen - bei Problemen mit Behörden ebenso wie bei der Gründung einer Farm. Doch für Pfarrer Collet ist klar: "Die Basis des Kampfes ist die Bibel." Für den 58-Jährigen wird hier konkret, "was es mit dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit" auf sich hat. Unterstützt wird die JUM nicht nur von Methodisten, sondern auch von Lutheranern, Waldensern und den "Disciples of Christ" aus den USA.

Über die kleine lutherische Kirche Argentiniens fließen auch Spendengelder der deutschen evangelischen Hilfsorganisation "Brot für die Welt" in den Gran Chaco. Die Indigenen benötigen die Hilfe. Denn in der von Weißen dominierten Gesellschaft Argentiniens fühlen sie sich als Bürger zweiter Klasse. Als "Faulpelz", "Säufer" und "dreckiger Indio" müssen sie sich in Castelli beschimpfen lassen. Dort haben sich inzwischen rund 10.000 von ihnen angesiedelt, das ist jeder vierte Einwohner, in der Hoffnung auf Jobs, Sozialhilfe und ein besseres Leben. Ihr Leben im Urwald haben sie gegen eines in den Armenvierteln Castellis eingetauscht und in den Müllkippen am Stadtrand suchen sie nach Verwertbarem. Denn "Jobs gibt es für Indigene nur gegen kleines Geld", berichtet Lehrer Celin, der eng mit der JUM zusammenarbeitet.

Das ganze Land

Immerhin hat die argentinische Verfassung 1994 die Rechte der indigenen Minderheiten festgeschrieben. Und das beflügelt viele Qom im Kampf für ihre Sache. Auch Oscar Garcia und Timoteo Medrano. Gemeinsam mit anderen Männern aus dem Chaco-Dorf Miraflores haben sie sich an einem sonnigen Tag in einer Halle versammelt, die an eine Garage erinnert, aber als Kirche genutzt wird.

Das Problem der rund 9000 Qom in und um Miraflores: Ihnen verspricht der Staat seit Jahrzehnten ein Reservat rund um ihr Dorf, doch sie können nur einen Teil des Landes nutzen. Der Rest gehört weißen Siedlern. Aber die Qom wollen das ganze Land, denn hier liegen ihre Vorfahren begraben. Auch deswegen sollen in Chaco keine Plantagen entstehen.

Kontakt über das Radio

Timoteo Medrano (40), der mit seinen kurzen Haaren und der durchtrainierten Figur wie ein Soldat wirkt, vertritt die Interessen der Indigenen in der staatlichen Kommission für Landfragen. Hier pochen die Qom auf ihre historischen Rechte. Die Provinzregierung könnte den Siedlern das Land abkaufen oder sie entschädigen. Doch sie sträubt sich, denn die Siedler haben hier viel Geld investiert.

Medranos Mitstreiter Oscar Garcia hat noch andere Ideen. Ihm schwebt ein Lokalradio vor, "damit wir mit den Qom von Castelli Kontakt halten können". Und auch einen Transporter möchte der 45-Jährige erwerben, "damit die Frauen ihr Kunsthandwerk auf die Märkte bringen können". Und natürlich brauchen sie Baumaterial, um ihren kargen Kirchenraum zu verschönern.

Garcia ist Pfarrer der Gemeinde "Sonne der Gerechtigkeit", einer von rund hundert evangelischen Geistlichen, die aus den Reihen der Qom kommen. Zum Abschluss der Versammlung ruft er zum Gebet auf. Die Augen geschlossen und die Hände zum Himmel erhoben, erbitten die Männer und Frauen den Segen Gottes. Jeder laut, auf seine Weise. Und schließlich mündet das Stimmengewirr in ein Amen.

"Der Glaube an Gott gibt mir Hoffnung", sagt Timoteo Medrano später, denn: "wenn Gott will, dass wir das Land bekommen, dann bekommen wir es auch."

Information & Literatur

Ute und Frank Paul (Hg.): Begleiten statt erobern. Neufeld Verlag 2010, 190 Seiten, Euro 16,80.

Junta Unida de Misiones (JUM) (Spanisch)

Michael Grau

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