Gemeinsam beten

Verschiedene Gottesbilder
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Eine strukturierte und verständlich geschriebenen Darstellung des interreligiösen Dialoges, das von der auf allen Seiten erkennbaren Erfahrung des Autors lebt.

Angesichts vereinfachender Gleichsetzungen wie "Wir glauben doch alle an den gleichen Gott" auf der einen Seite und fundamentalistischer Zurückweisung abweichender Gottesvorstellungen andererseits votiert Andreas Renz für eine differenziertere Betrachtung der Frage, wie kompatibel Gottesbilder sind. Der katholische Theologe und Religionswissenschaftler aus München widmet aus diesem Grund jeder der drei monotheistischen Religionen ein eigenes Kapitel, um jeweils konsequent in vier Schritten die spezifische Gottesvorstellung einer Religion darzustellen.

Getreu dem Grundsatz "Lex orandi, lex credendi - Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens" setzt der Autor bei der "Anbetung Gottes in Gebet (und Gottesdienst)" an, um die Grundfrage seines Buches "Beten wir alle zum gleichen Gott?" zu beantworten. Erst danach unterzieht er die heiligen Schriften und Traditionen, aus denen sich die liturgische Praxis speist, einer Untersuchung. Die Theologie befragt der Autor erst in einem dritten Schritt nach ihrer Gotteslehre, bevor er abschließend Antworten aus der jeweiligen Religion zu seiner Grundfrage vorstellt. Dabei sieht Renz durchaus trennende Unterschiede, als Stichworte seien die Trinität und die Bedeutung Jesu genannt, aber auch weitreichende Gemeinsamkeiten, die er zum Beispiel hinsichtlich der Ethik in einem Exkurs näher beleuchtet. Letztlich - so Renz - sei sogar das Trennende als unterschiedliche Lösung identischer Probleme verstehbar. Jede Religion stehe nämlich vor der Frage, wie sie das Nebeneinander von Immanenz und Transzendenz Gottes erklären kann, ohne das Offenbarung nicht denkbar sei. In ähnlicher Weise ringen Judentum, Christentum und Islam um die Frage, wie die Allmacht Gottes mit dem freien Willen des Menschen zusammengeht.

In einem abschließenden Resümee differenziert Renz zwischen der Frage, ob die drei Religionen zum gleichen Gott beten, und der Frage, ob ein gemeinsames Gebet von Juden, Christen und Muslimen möglich sei. Während er die erste Frage von christlicher Seite aus eindeutig bejahen kann und auch zunehmend bei Vertretern von Judentum und Islam Zustimmung wahrnimmt, sieht er hinsichtlich der zweiten Frage große Bedenken. Denn "das Gebet ist die innerste und sensibelste Dimension jeder Religion [...] Es eignet sich daher nicht für Experimente und sollte auch nicht verzweckt werden". Auch dürfe für das gemeinsame Gebet nicht einfach der kleinste Nenner ausschlaggebend sein, denn das laufe darauf hinaus, die trinitarische Grundstruktur christlichen Betens aufzugeben.

Renz liegt damit auf einer im christlichen Diskurs mehrheitlich vertretenen Linie. Auch sonst liegt die Stärke des Buches in seiner strukturierten und verständlich geschriebenen Darstellung und in der auf allen Seiten erkennbaren Erfahrung des Autors im interreligiösen Dialog. Renz zeigt höchsten Respekt vor den beiden anderen Religionen, ohne seine christliche Identität zu verschweigen. Kritisch ist jedoch anzumerken, dass die von Renz referierte christliche Position vor allem katholische Züge trägt: Die postulierte Priorität des Gottesdienstes vor der Heiligen Schrift, die Betonung der eucharistischen Hochgebete und die überdurchschnittlich häufige Berufung auf Verlautbarungen des kirchlichen Lehramts sind aus evangelische Perspektive ein kleiner Wermutstropfen bei einem ansonsten lesenswerten Buch.

Andreas Renz: Beten wir alle zum gleichen Gott? Kösel Verlag, München 2011, 208 Seiten, Euro 14,99.

Ralf Lange-Sonntag

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