Mit der Chipkarte an die Urnenwand

Warum Menschen heute wieder in Kirchen bestattet werden
Gemeinde- und Urnenkirche zugleich - die evangelische St. Pauli-Kirche im westfälischen Soest. Foto: Dirk Pieper
Gemeinde- und Urnenkirche zugleich - die evangelische St. Pauli-Kirche im westfälischen Soest. Foto: Dirk Pieper
Anknüpfend an eine alte Tradition setzt man heute wieder Menschen in Kirchen bei. Kolumbarien heißen diese Urnenkirchen, die seit 2006 in Deutschland entstehen. Der Journalist Thomas Krüger beschreibt warum.

Glasgestrahlte Edelstahlseiten, die Verschlussplatte der Urnen aus Baumberger Sandstein: Insgesamt acht Stelen mit 672 Urnenkammern gruppieren sich um die Säulen im Westteil der Soester St. Pauli-Kirche. Im Halbkreis öffnen sie sich zum Kirchenschiff der gotischen Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert. Seit Dezember 2009 finden hier Urnenbeisetzungen statt. Mit St. Pauli beherbergt zum ersten Mal eine denkmalgeschützte evangelische Kirche ein Kolumbarium.

Der Begriff Kolumbarium stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Taubenschlag". Wegen ihrer optischen Ähnlichkeit mit Taubenschlägen wurden altrömische Grabkammern mit Nischen zur Bestattung von Urnen so bezeichnet. Kolumbarien auf kommunalen Friedhöfen gibt es in Deutschland schon seit Einführung der Feuerbestattung im 19. Jahrhundert. 2006 wurden mit den katholischen Kirchen St. Konrad im westfälischen Marl und St. Josef in Aachen erstmals Gotteshäuser zu Urnenfriedhöfen umgewidmet. Seither sind etwa zehn - zumeist katholische - Kolumbarien entstanden, so in Erfurt, Hannover, Dortmund und Osnabrück.

Für diesen Trend sieht Reiner Sörries, Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, sowohl ökonomische als auch seelsorgerliche Gründe: "Wenn Kirchen aus finanziellen Gründen zur Disposition stehen, taucht neben anderen Möglichkeiten die Funktion eines Bestattungsraumes auf." Dahinter stehe aber auch das pastorale Anliegen, dass Kirchgebäude einen besonderen Beitrag zur Bestattungskultur leisten könnten.

Auch wirtschaftliche Gründe

In der Petri-Pauli-Kirchengemeinde in Soest kommen beide Anliegen zusammen. Mitte des vergangenen Jahrzehnts wurde klar, dass man St. Pauli ohne Nutzungserweiterung kaum würde halten können, verfügt die Gemeinde doch mit der noch älteren St. Petri-Kirche auch über die Hauptkirche der Stadt, deren Erhalt kostspielig genug ist. "Wir brauchten ein wirtschaftlich sinnvolles und zugleich zur Kirche passendes Konzept", sagt Pfarrer Dr. Christian Welck. Mit dem Kolumbarium knüpfe man an die alte Tradition der Beisetzung in Kirchen an, nun aber für jeden Christen und nicht als Privileg für wenige, erklärt Welck und zeigt die historischen Grabplatten in St. Pauli. Wesentlich für das Konzept ist: St. Pauli bleibt zugleich Gemeindekirche. Jeden Samstag und an den hohen Feiertagen finden Gottesdienste statt, regelmäßig auch Taufen und Trauungen. "Durch diese Doppelnutzung wird die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen neu erfahrbar: Im Haus Gottes sind Lebende und Tote unter einem Dach vereint", so der Pfarrer.

Die Gestaltung des Urnenfriedhofs hat die Petri-Pauli-Gemeinde in enger Zusammenarbeit mit der westfälischen Landeskirche entwickelt. Diese verlangte eine schlüssige theologische und ästhetische Konzeption. Die baulichen und künstlerischen Lösungen wurden in einem Ideenwettbewerb mit Künstlern und Architekten gefunden. "Mir kam es darauf an, dass die Gestaltung ein Niveau erreicht, das einer mittelalterlichen Kirche gerecht wird", sagt der Leiter des landeskirchlichen Baureferates, Reinhard Miermeister.

Inzwischen haben 21 Menschen in dem neuen Kolumbarium ihre letzte Ruhe gefunden. An vier Nachmittagen in der Woche und zu den Gottesdiensten sind Kirche und Friedhof für alle geöffnet. Angehörige haben mit einer Chipkarte ganztägig Zutritt - ein Summen, und die Glastür öffnet sich. Der Weg zu den Urnenkammern führt an dem Glaskunstwerk "Auferstehung" vorbei: Hier können Blumen abgelegt und Kerzen entzündet werden.

An diesem Gedenkort ist auch das einzige Bibelwort im Kolumbarium angebracht: "Ich lebe und ihr sollt auch leben". Es signalisiert: Wer hier bestattet ist, gehört zu Christus. Grundsätzlich können auf dem Kolumbarienfriedhof nur Mitglieder christlicher Gemeinden bestattet werden, Ausnahmen aus seelsorgerlichen Gründen sind möglich. Die Nutzungsgebühr für zwanzig Jahre liegt für ein Einzelgrab bei 2700 Euro. Danach werden die Aschekapseln in den Erdboden unterhalb der Kirche zur "Ewigen Ruhe" gebettet.

Schon zu Lebzeiten

Durch die Einnahmen soll sich der Friedhofsteil der St. Pauli-Kirche selbst erhalten, der Gottesdienstraum darf laut Friedhofsgesetz damit nicht querfinanziert werden. Daher legte das Landeskirchenamt Wert darauf, dass Gottesdienstbereich und Friedhof erkennbar getrennt sind. Zugleich wollte die Gemeinde die optische Einheit des Kirchraumes bewahren. Die Grenze bildet nun das ein Meter hohe und 32 Meter lange abstrakte Glaskunstwerk "Lebenslinien"; bei Trauergottesdiensten wird darin ein kleines Portal geöffnet.

Das neue Bestattungsangebot stoße in- und außerhalb Soests auf positive Resonanz, berichtet Pfarrer Welck. Nach der Eröffnung haben viele Menschen zu Lebzeiten Nutzungsrechte an einer Urnengrabstelle erworben. Immer wieder führen die Gemeindepfarrer oder die Aufsichtskräfte interessierte Gruppen und Einzelpersonen durch die Kolumbariumskirche.

Von einer ungebrochenen Nachfrage berichtet auch Johannes Kollenda, Geschäftsführer des katholischen Kolumbariums "Heiligstes Herz Jesu" in Hannover. Seit Inbetriebnahme des Urnenfriedhofs in der ehemaligen Pfarrkirche im Februar 2010 sind hier 27 Menschen beigesetzt worden, 140 Grabstellen hat Kollenda schon verkauft. Für das große Interesse hat er zwei Erklärungen: "Zum einen wünschen sich viele Menschen, auch nach ihrem Tod 'dabei' zu sein, wenn in der Kirche Gottesdienst gefeiert wird", zugleich wollten sie den oft auswärts lebenden Nachkommen die Grabpflege ersparen.

Vor mehreren Jahren hatte das Bistum Hildesheim "Herz Jesu", erbaut 1905, als eine jener Kirchen eingeordnet, die aus finanziellen Gründen zu schließen seien. "Ein weiterer Betrieb kam nur in Frage, wenn die Gemeinde eine sich selbst tragende Lösung findet", erinnert sich Kollenda. Nach der Umgestaltung ist Herz Jesu zwar keine Pfarrkirche mehr, doch werden weiter wöchentlich Messen und Wortgottesdienste mit Eucharistie gefeiert.

Urnenkammern als Himmelsleiter

In den Seitenschiffen des neoromanischen Gotteshauses sind jeweils sieben mal acht Urnenkammern zu so genannten Himmelsleitern angeordnet, getragen von dünnen Stangen aus Edelstahl. Hinter einer Glasscheibe glänzt silbern eine von einem Kreuz gezierte Urne. Hier ist Marlies S. bestattet, verkündet in goldfarbenen Lettern die in die Frontscheibe der Urnenkammer eingravierte Schrift. Darunter liest man die Lebensdaten der Verstorbenen; das Psalmwort "Er führte mich hinaus ins Freie" spendet den Hinterbliebenen Trost. "Die Glasscheibe hat hier die gleiche Aufgabe wie ein Grabstein" erläutert Johannes Kollenda. Nach und nach sollen hier 1500 solcher Begräbnisplätze entstehen - die Gebühren betragen 2900 Euro für eine Liegezeit von zwanzig Jahren. Bestattet werden in Herz Jesu auch "religionsfreie" Menschen. Es müsse aber, so Kollenda, eine christliche Beisetzung erfolgen. Während der Öffnungszeiten stehen ehrenamtliche Trauerbegleiter zum Gespräch bereit.

Urnenfriedhöfe in Kirchen finden sich bisher in Nord- und Westdeutschland sowie in Erfurt. Friedhofs-Fachmann Reiner Sörries glaubt, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Auch in stärker christlich geprägten Regionen des Südens werde sich die Kirchenbindung lockern, Probleme mit dem Erhalt von Kirchen dürften zunehmen. Hinzu kommt überall der wachsende Anteil an Urnenbeisetzungen. In Städten wie Hamburg, Berlin oder Dortmund liegt er bei 70 Prozent und mehr. "Zwar werden wir nicht schon morgen eine Vielzahl von Kolumbariumskirchen haben, doch die Entwicklung ist nicht aufzuhalten", so Sörries. Bisher hätten Gemeinden, die Kolumbarien betreiben, keine negativen Erfahrungen gemacht: "Es zeichnet sich ab, dass sich das rechnet."

Der westfälische Baudirektor Reinhard Miermeister zweifelt allerdings daran, dass die alleinige Nutzung durch ein Kolumbarium zumindest bei mittelalterlichen Kirchen deren Erhalt finanzieren kann. Er plädiert daher für eine Mischnutzung, sofern dahinter ein ausgereiftes Gemeindekonzept stehe. Mittelfristig rechnet der Architekt durchaus mit weiteren Urnenfriedhöfen in Kirchen. Die Landeskirche wolle aber zunächst das Projekt in Soest auswerten. "Kolumbarien sind keine Patentlösung für überflüssige Kirchen", warnt Miermeister. Solche Zurückhaltung scheint in der evangelischen Kirche vorzuherrschen. Aktuell wird lediglich im rheinischen Hückeswagen eine Kirche zum Urnenfriedhof umgebaut, auch andernorts gibt es nur vereinzelt Ideen oder Pläne. Die Entscheidungswege in der evangelischen Kirche seien halt länger als bei den Katholiken, meint Helge Adolphsen, bisheriger Präsident des Evangelischen Kirchbautages. "Aber es fehlte auch an theologischer Grundlagenarbeit", fügt er hinzu.

Lehm und Bronze

Erst jetzt legte die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck als erste EKD-Gliedkirche eine Ausarbeitung vor: Grundsätzliche Einwände haben die Mitglieder der Theologischen Kammer nicht, würden aber die Einrichtung von Kolumbarien in gemeindlich genutzten Kirchen gegenüber reinen Friedhofskirchen bevorzugen. Die Studie aus Kassel legt - wie der Präsident des Kirchbautages - großen Wert auf die Verbindung eines stimmigen theologischen Konzeptes mit anspruchsvoller architektonischer und künstlerischer Gestaltung. Danach strebt auch Gunnar Jahn-Bettex, Pastor der Gemeinde Markoldendorf im hannoverschen Kirchenkreis Leine-Solling. Für ihre Marienkapelle erhält die 1400-Seelen-Gemeinde keine Finanzzuweisung der Landeskirche mehr, da sie noch über eine zweite - größere - Kirche verfügt. Ein Arbeitskreis entwickelte die Idee zur Umnutzung der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Kapelle zum Kolumbarium mit christlicher Symbolik.

Zur Konkretisierung wandte sich die Gemeinde an die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden. Studierende der Architektur erarbeiteten zehn verschiedene Gestaltungsvorschläge. Vorgabe war, Materialien zu wählen, die der Lage des Kolumbariums im ländlichen Raum Rechnung tragen: Lehm und Bronze stehen stellvertretend für "Erdung" und "Unvergänglichkeit". Anfang des Jahres haben die Studierenden der Gemeinde ihre Entwürfe präsentiert, die Platz für 600 Urnen und einen Andachtsbereich für zwanzig Trauernde vorsehen. Ihre - so Helge Adolphsen - "sehr geglückte Zusammenarbeit" stellten Gemeinde und Hochschule auf dem Kirchbautag in Rostock vor.

Ein Dutzend Voranfragen

Über ein Dutzend Voranfragen für Urnenplätze hat Pastor Jahn-Bettex schon auf dem Tisch. Nächstes Jahr möchte er den Umbau vornehmen lassen. Die Stadt Dassel hat dem Vorhaben schon zugestimmt. Sobald die Finanzierung endgültig geklärt ist, kann die Landeskirche das Vorhaben genehmigen, an dem sie durch ihr Amt für Bau- und Kunstpflege beratend mitgewirkt hat.

Die HAWK bescheinigt dem Kolumbarium gute wirtschaftliche Machbarkeit, vorausgesetzt es kümmert sich jemand professionell um den Verkauf der Grabstellen in der gesamten Region Südniedersachsen. Der Pastor ist zuversichtlich, denn auch auf dem Land verändert sich die Bestattungskultur: "Binnen fünf Jahren ist der Anteil der Urnenbestattungen hier von 30 auf 50 Prozent gestiegen." Bei der Belegung strebt Jahn-Bettex größtmögliche Offenheit an: Auch Konfessionslose sollen in der Marienkapelle bestattet werden können, sofern das christliche Konzept des Kolumbariums akzeptiert werde. "Wir müssen großzügig sein, weil wir ja nicht wissen, wie großzügig Gott ist", sagt der Gemeindepfarrer.

LITERATUR

Birgit Franz / Georg Maybaum / Walter Krings (Hg.): Gotteshäuser als letzte Ruhestätte? Kolumbarien in Kirchen und Kapellen. Jörg Mitzkat Verlag, Holzminden 2011, 128 Seiten, Euro 19,80.

Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck: "... ich habe lieb die Stätte deines Hauses ...". Überlegungen zur Einrichtung von Kolumbarien in Kirchen. Kassel 2011.

Kunst und Kirche, Heft 3/2011: Neue Orte für die Toten. Springer-Verlag GmbH, Wien.

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Thomas Krüger

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