Denkfigur

Über eine globale Ethik
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Gesucht wird der "Referenzrahmen für eine Theorie, die nach der Bedeutung normativer Muster für individuelles Handeln und gesellschaftliche Prozesse fragt".

Eine Ethik, die in der globalen Gesellschaft Anerkennung beansprucht, darf nicht dogmatisch daherkommen. Doch auf normative Ansprüche wird sie gleichwohl nicht verzichten können. Methodisch nimmt Michael Haspel für seine Ethik mit globaler Geltung die Diskursethik von Jürgen Habermas in Anspruch, dessen "Theorie kommunikativen Handelns" ebenso wie die Rechtsethik "Faktizität und Geltung" zustimmend zitiert werden. Aber auch John Rawls' Fairness-Gebot aus seiner "Theory of Justice" kommt in diesem Zusammenhang zur Geltung. Das hätte allerdings etwas breiter entfaltet werden können. Dass dieser Weg einer ethischen Verständigung - wenn nicht völlig herrschaftsfrei so doch - weitgehend friedlich vonstatten gehen kann, ist prima vista einsichtig.

Haspel kann dabei auf einige Vorarbeiten zurückverweisen, von denen er allein 25 im Literaturverzeichnis anführt. Diesmal will Haspel systematischer vorgehen, um "konzeptionelle Fäden zu verknüpfen, die sonst oft nur lose und unübersichtlich neben- und durcheinander liegen". Gesucht wird der "Referenzrahmen für eine Theorie, die nach der Bedeutung normativer Muster für individuelles Handeln und gesellschaftliche Prozesse fragt". Dafür bieten sich - um es kurz zu machen - für den evangelischen Ethiker die "neuzeitliche soziale Gestalt des Protestantismus ... als kommunikative Lebensform" sowie das protestantische Schriftprinzip und die evangelische Rechtfertigungslehre als Argumentationsbasis an. Was Letztere anlangt, entkräftet Haspel die alte ethische Kritik an der Rechtfertigung allein aus Glauben durch den Hinweis auf die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" zwischen Lutheranern und römisch-katholischer Kirche, in der der Zusammenhang von Glauben und Werken hinlänglich geklärt sei.

Die inhaltliche Qualität dieser auf Globalität ausgerichteten Ethik wird von der aus der Gottebenbildlichkeit abgeleiteten Menschenwürde hergeleitet, die für die internationale Menschengemeinschaft in die Rechtsgestalt der Menschenrechte mündet. Das hat man auch schon anderswo gelesen, was Haspel nicht bestreiten wird. Er kann aber darauf verweisen, dass sich von diesem Ausgangspunkt aus der Dekalog als normative Ausgestaltung des Menschenrechtsgedankens entfalten lässt, ohne dabei die Zehn Gebote als Gesetz zu gebrauchen.

Selbst das protestantische Schriftprinzip vermag Haspel als ethische Begründungsinstanz in seinem Entwurf unterzubringen. Nicht nur die Formula Concordiae habe die Schrift auf Anregung Melanchthons als Richtlinie für ein sittliches Leben verstanden, sondern auch und vor allem Schleiermacher, der sich damit bereits jenseits von Pietismus und Orthodoxie auf einen diskursiven Schriftgebrauch eingelassen habe. Für die Übertragung dieses Auslegungsprinzips auf die globale säkulare Gesellschaft bedient sich Haspel der Lehre vom dreifachen Gebrauch des Gesetzes. Dabei handelt es sich zwar um eine theologische Denkfigur, die zur lutherischen Tradition gehört. Doch heute wirkt sie ziemlich weit hergeholt.

Überhaupt liest sich das alles etwas mühsam, weil Haspel einerseits häufig zu viel in einen einzigen Satz packt; solche von zwölf Zeilen Länge sind keine Seltenheit. Zum anderen gebraucht er gern ausgefallene Fremdwörter wie "Idiosynkrasie" oder "politische Remedien" oder noch ungewohnter: "emergent" oder "Obsoleszenz". Das zeugt gewiss von Bildung, fördert aber nicht die kommunikative Kompetenz, um die es ihm doch geht.

Michael Haspel, Sozialethik in der globalen Geselllschaft. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2011, 237 Seiten, Euro 22,80.

Götz Planer-Friedrich

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