Singt und spielt

Musik gehört zum Menschsein
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Christian Lehmann reitet ein musikpädagogischer Eros für die Wendung zurück zu mehr Musizieren und Singen. Im Alltag, in Schulen, Familie, Auto, Stadion und Lehrerausbildung, überall. Ein gelungenes Plädoyers das dazu aufruft, mehr Musik zu wagen.

David tanzt vor der Lade des Herrn, seine Frau findet das lächerlich. Da war die Musik raus aus ihrer Beziehung und die damit tot, berichtet die Bibel (2. Samuel 6). Ein Beispiel, das der Musikforscher Christian Lehmann mit Lehrauftrag an der Universität München in dem Buch Der genetische Notenschlüssel zwar nicht bringt, obwohl dies gut gepasst hätte, dafür aber das von Davids besänftigendem Saitenspiel vor Saul (1. Samuel 16). Leichthändig und wohlgesetzt bringt er noch viele weitere, die den stringenten Band unterhaltsam machen und harmonisch das zentrale Motiv entwickeln helfen - pünktlich zum EKD-Jahr der Musik 2012.

"Warum Musik zum Menschsein gehört", wie programmatisch bereits der Untertitel verrät, will Lehmann darin zeigen. Das gelingt ihm gut. In einem tänzerischen Praeludium mit drei Motiven gibt er eine Melodie vor, die er dann gleichsam in vier Sätzen ausarbeitet. Systematisch und einprägsam, auch streitbar, aber nie suggestiv. Wobei er immer darauf zielt, dass Musik zur conditio humana gehört.

Im "Natur" betitelten Auftakt schreitet er an Erkenntnissen von Ethologie, Evolutionsbiologie und -psychologie sowie der Wahrnehmungsforschung die biologischen Grundlagen von Musik ab, deren Wesen er auf dem Weg erklärt. Einfach, nachvollziehbar und mit gehöriger Zurückhaltung, wo es verschiedene Erklärungsansätze gibt. Das Bild wird dennoch deutlich, ist unterhaltsam und führt vom biologischen Nutzen zum sozialen in der von Lehmann genüsslich geschilderten frühzeitlichen Gruppe (Mutter-Kind-Bindung im Wiegenlied oder Tanz und Gleichschritt zur Synchronisierung von Aggression und Verteidigungskraft).

Zauber und Geheimnis gehen über soviel Biologie dennoch nie verloren, im Gegenteil. Das kenntnisreiche, dabei ansprechend schlaglichtartige Kapitel über "Musikalische Kultur", also deren Rolle und Entfaltung in der so genannten "menschlichen Zivilisation" vertiefen sie eher. Lehmann spannt einen Bogen von der pythagoreischen Maß-Zahl-Klang-Berechnung der Welt und via Instrument erfolgender Ablösung der Musik von der Kommunikation hin zu purer Lust über gregorianischen Gesang und barockes Konzert, Schubertiade, Liederkranz und Sängerbund bis zu dem vereinsamenden Walkman-/CD-/ Mp3-Player-Musikkonsumismus heute.

Modischen Esoterizismen erteilt er da ebenso Absagen wie kulturpessimistischem Gejammer über den (Un-)Wert aktueller Popmusik oder der Zwölftoner wegen deren Verkopfung. Stattdessen würdigt er die stärkende Wirkung der Musik für das Individuum - expressiv, therapeutisch und natürlich kommunikativ. Das ist angemessen, auch wenn man in seiner heftigen Ablehnung von Adornos Verdikt gegen gemeinsames Musizieren und Singen wohlfeile 68er-Schelte mutmaßen mag. Doch Lehmann ist nicht unfair, macht Adorno vor dem Hintergrund des Nazi-Missbrauchs von Musik vielmehr nachvollziehbar.

Ihn reitet vielmehr musikpädagogischer Eros für die Wendung zurück zu mehr Musizieren und Singen. Im Alltag, in Schulen, Familie, Auto, Stadion und Lehrerausbildung, überall. Er befürchtet menschliche Verarmung. "Mehr Musik wagen" heißt (frei nach Willy Brandt) denn auch das Schlusskapitel des gelungenen Plädoyers für Musik, während dessen Lektüre es schon in den Fingern juckt, die endlich wieder zur Gitarre greifen oder einen Songtext nachlesen wollen - damit aus einem Summen im Treppenhaus wieder Singen wird. Und wer in dem milde vermittelten, jedoch entschieden gebildeten Traktat wegen des Akzents auf der anthropologischen Konstante Musik (wert-)konservative Töne herauszuhören meint, hat ihn gründlich missverstanden. Der Tenor ist eher fast spontanistisch: Bildet Banden! Singt, geht in Chöre, lernt Instrumente, gründet Bands, tanzt vor dem Herrn - oder eurer Frau!

Christian Lehmann: Der genetische Notenschlüssel. F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2010, 254 Seiten, Euro 19,95.

Udo Feist

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