Wo die Leute sind

Volkskirche muss mehr sein als eine Ansammlung von Ortsgemeinden
Typisch Volkskirche: Keine Beschränkung auf die Ortsgemeinde. Hinweis auf die Kirche im Zürcher Hauptbahnhof. Foto: dpa/Oppitz
Typisch Volkskirche: Keine Beschränkung auf die Ortsgemeinde. Hinweis auf die Kirche im Zürcher Hauptbahnhof. Foto: dpa/Oppitz
Der Weg in die Freikirche wäre für die Landeskirchen ein Holzweg, meint Roland Beat Diethelm, Pfarrer in Zürich und Landessynodaler. Er sieht eine Pflicht zur Volkskirche und beschreibt, wie die Volkskirche der Zukunft aussehen könnte.

Mit der Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse im Kanton Zürich hat die behäbige evangelisch-reformierte Landeskirche mit ihren 470.000 Mitgliedern und 179 Kirchgemeinden auf das reagiert, was euphemistisch "Entflechtung" von Kirche und Staat genannt wird: Personal und Liegenschaften werden von der Kirche aus ihren eigenen Steuermitteln berappt, und der Staat gewährt nur noch einen Beitrag für die gesellschaftlichen Leistungen der anerkannten Religionsgemeinschaften. Und noch fließen für ihre kulturellen und sozialen Leistungen Unternehmenssteuern, aus denen die Institution Landeskirche etwa einen Drittel ihres Finanzbedarfs decken kann. Die im 19. Jahrhundert geschaffenen landeskirchlichen Strukturen gehören weitgehend zur Vergangenheit.

Den öffentlich-rechtlich verfassten Kirchen bläst der Wind entgegen. Der Prozess kann auch als Liebesentzug der gesellschaftlichen Eliten beschrieben werden. Gelebte reformierte christliche Religion ist abgesehen vom weltberühmten Sujet für den Tourismus im Stadtleben öffentlich kaum mehr sichtbar und faktisch zur Privatsache geworden. Kirche hat den Stellenwert einer transzendental-diakonischen Versicherung: gut für gefallene Schicksale. Kirche hat für die anderen da zu sein. Doch die "Kirche für die anderen" wird immer mehr zur "Kirche der anderen", vor allem der Großeltern. Und dies in einer Stadt, in der jedes Jahr über 3000 zumeist jüngere Menschen mehr leben und die zu den wohlhabendsten Flecken dieser Erde gehört.

Zwar scheint die breite Bevölkerung an ihrem christlichen Herkommen zu hängen, wie das Referendum gegen die Abschaffung des Religionsunterrichts an der Volksschule und die Debatten darüber, ob im öffentlichen Raum noch Weihnachtsbräuche zulässig sind, aufzeigen. Als Teil der Erziehung findet die reformierte Landeskirche im Kanton Zürich Akzeptanz. Gleichwohl verliert sie aber jedes Jahr eine mittlere Kirchgemeinde durch den Sterbeüberschuss und Kirchenaustritte in die Konfessionslosigkeit. Die Konfessionslosen bilden die größte konfessionelle Minderheit in der einstigen Zwingli-Stadt - noch vor Katholiken und Reformierten. Und von denen verstehen sich viele weiterhin als Christen mit Distanz zur Kirche.

Volkskirche ohne Volk?

Aber selbst die Kirchentreuen nehmen kaum am kirchlichen Leben teil: in der ganzen Stadt besuchen von den knapp 100.000 Reformierten regelmäßig um die 2500 Menschen einen der rund vierzig Sonntagsgottesdienste. Ist die Volkskirche so gesehen nicht längst zu einer Fiktion geworden, zu einer Volkskirche ohne Volk? Müsste die Kirche diesem Trend nicht mit einer Schärfung ihres Profils begegnen und konsequent von der Volkskirche zur Mitgliederkirche werden, wie die Ratgeber der Kirchenreformen unisono ra­ten? Evangelikale und charismatische Gemeinden wie die Party- und Jugendkirche ICF wachsen und versammeln sonntags mittlerweile etwa gleich viele Menschen wie die reformierte Landeskirche. Soll also auch in ihr der Weg frei ge­macht werden für evangelikale Gemeinden?

Vor diesem Hintergrund scheint die neue Zürcher Kirchenordnung von 2009 in ihrem fünften Artikel weltfremd festzuhalten: "Die Landeskirche ist den Menschen nah und spricht sie in ihrer Vielfalt an. Als Volkskirche leistet sie ihren Dienst in Offenheit gegenüber der ganzen Gesellschaft." Ist Offenheit nun ein Programm oder die Fußfessel jeder Entwicklung?

Volkskirche gewinnt hier eine theologische Dignität für das Selbstverständnis als weltoffene Kirche, deren Mission dem ganzen Volk gilt. Ihre Mitglieder wollen vielleicht ein klares Dogma von ihrer Kirche - aber zugleich eines, das Pluralität und gesellschaftliche Weite verinnerlicht hat. Denn eines würden die verbliebenen Reformierten ganz sicher nicht mitmachen: den Weg in eine sektiererische Verengung. Man darf in der Volkskirche evangelikal sein - aber nur ohne seine Frömmigkeit zu verabsolutieren. Die große Mehrheit, schweigend, abwartend, aber ihren Obolus immer wieder beisteuernd, würde eine Mitgliederkirche mit engem freikirchlichem Profil nicht goutieren. Entsprechend lehnte die Zürcher Landessynode alle Versuche ab, die auf Gesinnungsgemeinden hinauslaufen könnten. So ist eine Profilierung als Abgrenzung von der Gesellschaft durch ein freikirchliches Bekenntnis ausgeschlossen.

Kirche leidet unter Milieu-Sklerose

Nun stellen sich zwei grundlegende Fragen: An welches "Volk" richtet sich die Kirche - und mit welchem Pfund kann die reformierte Kirche wuchern? Die Soziologie bescheinigt der reformierten Kirche eine akute "Milieu-Sklerose". Denn sie erreiche nur noch ein bis zwei von zehn Lebensstil-Milieus. Orgelumrahmter biblisch inspirierter Vortrag nach dem Gusto der Genügsam-Traditionellen. Und dies unisono in allen Kirchgemeinden. In der Tat gleichen sich die Programme aller städtischen Gemeinden bis aufs Haar.

Heute leben die Reformierten der Stadt Zürich in Strukturen, die nach den verschiedenen Eingemeindungen für über eine Viertelmillion Gemeindeglieder geschaffen wurden: 34 Kirchgemeinden mit 47 Kirchen und 40 Kirchgemeindehäusern. Und der Schrumpfungsprozess - einzelne Kirchgemeinden weisen noch ein Siebtel des Bestandes von 1950 auf - wird weitergehen. Bis 2030 könnte die Zahl der Reformierten auf 75.000 sinken. Und die Folgen sind allgemein bekannt: Wenn jede der Stadtteilgemeinden ein umfassendes Angebot aufweisen muss, ist nicht nur die Finanzierung infrage gestellt. Es lassen sich vielmehr auch kaum noch Engagierte für die verschiedenen Gemeindeämter finden, um die immer anspruchsvoller werdenden Verwaltungsaufgaben zu erfüllen. Auch verschlingt der Unterhalt von Liegenschaften den größeren Teil der Mittel. Und die fehlen fürs Inhaltliche. Pfarrstellen werden gekürzt, und die Häuser bleiben leer. Und das verbleibende Angebot gleicht sich noch stärker einander an.

Volkskirche verstehe ich als eine Eigenschaft, wie sich die evangelische Kirche selber verstehen will: Grundsätzlich für alle Menschen in Stadt und Kanton offen zu sein und immer wieder neu zu versuchen, auf die Leute zuzugehen, die unsere Botschaft noch nicht gehört haben oder - viel öfter - nicht mehr verstehen, weil die Kirche für sie eine Fremdsprache spricht oder nicht da ist, wo sie sind: am Wohnort, am Arbeitsplatz, dort wo sich die Leute bilden und weiterbilden oder ihre Freizeit verbringen. Dass das ganze Volk heute reformiert sei, ist realitätsfern. Umso mehr gehört die Kirche dorthin, wo die Leute sind. Und die leben in der Stadt oder fahren dorthin, um zu arbeiten, sich zu vergnügen oder ausbilden zu lassen. Jeden Tag füllt sich die Stadt mit 200.000 Pendlern. In Zürich arbeiten und studieren mehr Menschen, als dort wohnen. Und nach wie vor besteht die Großstadt aus Dörfern. Längst sind es nicht mehr die traditionellen Wohnbezirke, sondern Netzwerke von ganz unterschiedlicher Reichweite. Sie gleichen eher Wasserlöchern oder Brunnen als fest ummauerten Gebieten. Und eine Kirchenreform muss diese Bevölkerung vor Augen haben. Die Parochie, die Orts- und Stadtteilgemeinde, ist ein Spezialfall.

Mehr Partnerschaften

Was nun bei den betroffenen Kirchgemeinden in eine breite Anhörung geht, die "Vernehmlassung", könnte ziemlich revolutionär werden. Mit verschiedenen Leitideen ließe sich in der Großstadt eine neue Kirche bauen, die sich hauptsächlich an soziologischen Milieus orientiert. Milieu- oder Profil-Kirchen gibt es schon heute, etwa die Bahnhofkirche im Hauptbahnhof und die Jugendkirche "Streetchurch". Das sind Kirchen am Arbeit-, Freizeit- und Bildungsort. Eine weitere Leitidee für die Gemeindereform sind mehr Partnerschaften, zum Beispiel mit Schulen. Da sich ihr Einzugsbereich kaum noch mit dem der Kirchgemeinden deckt, müssten mehr Partnerschaften auch zu neuen Gemeindegrenzen führen. Und schliesslich ergibt sich eine Entwicklungsmöglichkeit durch Kommunitäten. Solche kirchliche Gemeinschaften strahlen auf einen bestimmten Stadtteil aus. Ein funktionierendes Beispiel ist das von Schweizern gegründete Stadtkloster Segen im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Auch in Zürich ließen sich einige der rund zwanzig Kirchen als Kirchengebäude erhalten, die nach der Reform nicht mehr im bisherigen Rahmen genutzt werden.

Die Zürcher versuchen eine Reform ihres Kircheseins, die nicht religiös profiliert. Das Paradigma ist vielmehr ein soziologisches. Wenn Kirche der Raum der Kommunikation des Evangeliums ist, dann bilden sich die Gemeinden eben nicht entlang des Bekenntnisses oder der Frömmigkeitsmuster, sondern entlang der Alltagssprache und der alltäglichen Kommunikationsstile. Dies ist die Stunde der Sinus-Mi­lieus: frommer Sauerteig, der in die säkulare Lebenswelt hineinwirkt und sich nicht zu Gesinnungsgemeinden absondert. Im Rahmen der Sinus-Milieu-Studie wurden 160 Leute interviewt. Gefragt wurde nach den Formen von Religiosität in den verschiedenen Lebenswelten.

Entstopfte Kommunikationskanäle

Ich konnte mehrere Gruppeninterviews beobachten. Da fanden Leute, die sonst religiös sprachlos sind, in ihrem Milieu sofort zu einer Verständigung über Glaubenserfahrungen und prägende Werte. Es geschah das, was das in der Öffentlichkeit sonst nicht geschieht: Menschen, die sich vorher nicht kannten und nicht vertraut waren, sprachen mit­einander über die Hoffnung, die sie trägt, und die Ohnmacht, die sie ängstigt. Diese Art religiöser Verständigung stellte sich selbstverständlich nur ein, weil jemand nachfragte und ab und zu die Bibel ins Spiel brachte. Aber die Gruppe nahm den Ball sofort auf. Und da saßen keineswegs Fromme, sondern mehrere Kirchenferne, einige Konfessionslose und ein oder zwei Bekenntnisnahe. Die Energie, die im Alltag ge­bunden wird, um sich über Lebensstil und Kommunikationsmuster hinweg erst zu verständigen, war frei für den Inhalt. Die Entstopfung der Kommunikationskanäle führte zu einer Bereitschaft, über die eigene Religion zu sprechen, wie ich sie sonst nur aus dem dem geschützten Seelsorgegespräch und aus Freikirchen kenne.

Doch das kann keine Freikirche bieten: zusammen mit einer Mehrheit agnostischer, aber am christlichen Glauben interessierter Menschen bilden einige Bekenntnisnahe eine Profilgemeinde. Die Volkskirche bildet insofern die Weite eines christlichen Selbstverständnisses ab, aber sie akzeptiert auch, wie die Kommunikation innerhalb der Milieus funktioniert.

Kirche heißt institutionalisierte Verständigungsbemühung und nicht Rückzug in profilierte Bekenntnisreinheit. Wir müssen die Fiktion aufgeben, für alle zu reden in einer Gesellschaft, die soziologisch längst in verschiedenen Sprachen zuhause sind. Gemeinde ist eine permanente Kommunikationsleistung, ein hermeneutischer Prozess und nicht ein konfessionelles Produkt. Soziologie und eigene Erfahrung lehren uns: Die Nähe zur Kerngemeinde hat oft wenig mit der Überzeugung zu tun, sondern viel damit, sich in einer Gemeinschaft verstanden und wohlzufühlen.

Vielleicht hat die Partykirche ICF ihren Erfolg nicht we­gen ihrer Verkündigung, sondern trotz ihrer engen Theologie. Vielleicht hat die reformierte Landeskirche ihre Schwierigkeiten nicht wegen ihrer weltoffenen und angeblich profillosen Theologie, sondern wegen ihrer nicht einladenden Formen entlang veralteter Dorfgrenzen. Das nimmt ihrer Verkündigung alle Energie.

Die Beobachtung der Reformprozesse in anderen Städten fördert eine Einsicht: es braucht in der Großstadt eher mehr Gemeinden als weniger - aber mehr verschiedene Gemeinden, neben den großen Standardgemeinden in parochialer Tradition kleine Gemeinden mit hoher Profilschärfe. Bei künftigen Reformen geht es also streng genommen um zwei verschiedene Prozesse: Zum einen um einen Fusionsprozess zwischen traditionellen Parochien und zum anderen um einen Ausdifferenzierungs- und Entwicklungsprozess, in dem neue Leute gewonnen werden können, die Gestaltungsmöglichkeiten finden, Verantwortung übernehmen und sagen: "Wir sind die Kirche!"

Die herkömmliche Volkskirche gibt es mangels Volk nicht mehr: es verschwindet aus der Kirche und differenziert sich - drinnen und draußen - in Lebensmilieus aus. Wenn die reformierte Kirche diejenigen umfasst, die miteinander auf das Wort Gottes hören, es anerkennen und je auf ihre Weise einander bezeugen, wie die Zürcher Kirchenordnung feststellt, tut sie gut daran, der jetzt noch passiven Menge der Gemeindemitglieder zuzugestehen, ein aktives Kirchenvolk zu werden. An der Selbstverpflichtung, Kirche für die ganze Gesellschaft - in ihrer Verschiedenartigkeit - zu sein, hält sie dann mit Recht fest.

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Roland Beat Diethelm

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