Mär von der Vielweiberei

Zwei Mormonen wollen US-Präsident werden. Über die Sekte gibt es einige Vorurteile
Der berühmte Tabernakel-Chor der Mormonen in Salt Lake City. Foto: dpa
Der berühmte Tabernakel-Chor der Mormonen in Salt Lake City. Foto: dpa
Die Mormonen in den USA polieren ihr Image auf. Ob sie damit Erfolg haben und Vorbehalte bei den Evangelikalen ab­bauen können, dürfte sich auch bei den Vorwahlen der Republikaner zeigen. Zu den Hintergründen Washington-Korrespondent Konrad Ege.

Auf dem Times Square in Manhattan überwältigt grelle Reklame die Nacht. Coca Cola, Samsung, hsbc Bank. Angepriesen werden auch neue Broadwaystücke, Spielfilme und Virgin-Wodka. Models werben für Designer-Unterwäsche. Doch dann erscheint eher unerwartet eine Leuchttafel mit der Aufschrift "I am a Mormon", Ich bin ein Mormone. Und schnell wechselnde Bilder zeigen Frauen und Männer, junge und alte, manche extravagant gekleidet, manche in Anzug und Krawatte, viele mit schicken Frisuren und modischen Brillen. Anscheinend soll so das verbreitete Image von den altmodischen und langweiligen Mormonen relativiert werden. Sie sind cool, soll da vermittelt werden.

Der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", wie sich die Mormonen nennen, wendet beträchtliche Summen auf, ihre Botschaft auch im Outdoor-Tempel des krassen Kommerzes an die Leute zu bringen.

Die Mormonen sind im Kommen. Die Missionsarbeit zahlt sich aus, die nicht so cool wirkenden jungen Männer in dunklen Anzügen, weißen Hemden, Krawatten und kurzen Haaren ehrenamtlich leisten. Mit sechs Millionen Mitgliedern, Tendenz steigend, unterscheiden sich die Mormonen auch darin von den klassischen protestantischen Kirchen der USA, die Mitglieder verlieren. Die "Kirche der Heiligen der Letzten Tage" ist die viertgrößte US-Kirche nach der römisch-katholischen, der Südlichen Baptisten- und der Vereinigten Methodistenkirche.

Das "Jahr der Mormonen"

Im religiösen Amerika gehört es heute zum guten Ton, dass man den persönlichen Glauben der Mitbürger respektiert und Andersgläubigen nicht das Recht streitig macht, am politischen Leben teilzunehmen. Doch das war nicht immer so. 1960 wurde in den protestantisch geprägten USA mit John F. Kennedy zum ersten Mal ein Katholik Präsident, und das, obwohl manche fürchteten, der neue Bewohner des Weißen Hauses werde Anweisungen aus Rom bekommen und befolgen.

Das kommende Jahr könnte so etwas wie das "Jahr der Mormonen" werden. Denn erstmals in der Geschichte bemühen sich zwei von ihnen um das Präsidentenamt, der Republikaner Mitt Romney, Altgouverneur des Staates Massachusetts, und sein Parteifreund Jon Huntsman, Altgouverneur von Utah.

Gewählt wird der Präsident erst im November 2012. Doch die Vorwahlen beginnen bereits im Januar. Und ganz gleich wie sie ausgehen: Die Präsenz von Mormonen im Wettstreit um das höchste politische Amt ist ein starkes Indiz dafür, dass die lange als Kult oder Sekte kritisierte und verspottete "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" in den USA zunehmend akzeptiert wird.

Für Romney ist es der zweite Anlauf auf das Präsidentenamt. 2008 gewann er bei den republikanischen Vorwahlen in elf der fünfzig Bundesstaaten, zog aber schließlich gegen Senator John McCain den Kürzeren. Für Huntsman, den Mit­eigentümer des gleichnamigen Chemieunternehmens mit einem Umsatz von 2,6 Milliarden Dollar im ersten Quartal dieses Jahres, ist es der erste Tanz auf den Parkett der großen Politik.

Fünf Senatoren

Die Mormonen stellen 2 Prozent der Bevölkerung und fünf der hundert US-Senatoren, darunter der Mehrheitsführer der Demokraten Harry Reid. Die Mormonenkirche möchte offenbar, dass Huntsman und Romney nicht primär als ihre Kandidaten gesehen werden und geht betont auf Distanz. So wies die Kirchenführung Ende Juli 2011 alle Amtsträger "und ihre Ehefrauen" an, sich vollständig aus dem Wahlkampf herauszuhalten: Keine Spenden, keine ehrenamtliche Tätigkeit, keine Statements zugunsten von Kandidaten.

Mit der Wählbarkeit von Mormonen haben sich die Demoskopen ausführlich beschäftigt. Etwa ein Viertel der Befragten würden nicht für einen mormonischen Präsidentschaftskandidaten stimmen, ermittelte das Institut "Pew Center". Und "Public Policy Polling" kam auf 20 Prozent. Derartige Erhebungen haben freilich nur begrenzte Aussagekraft: Besonders liberale, sprich: linke Amerikaner würden nicht für einen Mormonen stimmen. Aber sie würden ohnehin keinen Republikaner wählen.

Die Mormonen sind die wohl konservativste große Glaubensgemeinschaft der USA. Zwei Drittel verstehen sich als Republikaner. Wohlhabender und gebildeter als der Durchschnitt, pflegen sie Familienwerte mit dem Mann als Haushaltsvorstand. Auch bekämpfen sie außerehelichen Sex, Homoehe und Abtreibung.

Ehen für die Ewigkeit

Nach einer Erhebung des Pew Center sind 71 Prozent der erwachsenen Mormonen verheiratet, verglichen mit 54 Prozent der restlichen Bevölkerung. Scheidung ist absolut Tabu, denn Mormonen glauben, dass Ehen auch nach dem Tod, in der Ewigkeit, weiter bestehen. Mormonen haben im Schnitt auch deutlich mehr Kinder als die anderen Amerikaner, Präsidentschaftsanwärter Huntsman hat sieben, sein Konkurrent Romney fünf.

Wichtig ist für beide, wie sich die Evangelikalen verhalten. Denn die stellen etwa die Hälfte der Abstimmenden bei den republikanischen Vorwahlen. Und vielen Evangelikalen sind die Mormonen ein Dorn im Auge: Sie sehen die missionierenden Mormonen als Rivalen. Und viele Evangelikale stellen die Frage, wie ein Präsident Romney und Huntsman sich von ihrer Kirche und deren Lehre beeinflussen lassen. Der in evangelikalen Kreisen viel gelesene Publizist Warren Cole Smith warnte: Romneys "religiöse Weltanschauung ist bestimmend für seine Regierungsphilosophie".

Smith und andere Theologen betrachten die 1830 gegründete Gemeinschaft der Mormonenkirche nicht als christliche Kirche. Denn sie gründet sich nicht allein auf die Bibel, sondern auch auf das Buch Mormon, das der Gründer der Mormonen, Joseph Smith, von einem Engel erhalten haben will. Die Mormonen betrachten die Bibel, "so weit richtig übersetzt", und das Buch Mormon gleichermaßen als Wort Gottes. Sie glauben, dass Gott durch den amtierenden Präsidenten ihrer Kirche noch immer Wahrheiten offenbare, so wie er das durch Smith getan habe. Und die Mormonen behaupten, Gott und Jesus Christus seien 1820 dem 14-jährigen Smith in einem Wäldchen im Staat New York erschienen.

Vereint gegen die Homoehe

Trotz vieler Bedenken arbeiten konservative Evangelikale, Katholiken und Mormonen in der Alltagspolitik zUSAmmen. So führten sie vor drei Jahren in Kalifornien gemeinsam eine Kampagne gegen die Homoehe - erfolgreich.

Der evangelikale Publizist Mark DeMoss, Medienberater der Star-Prediger Billy und Franklin Graham, hat vor einem reflexhaften Nein zum mormonischen Kandidaten Romney abgeraten. Dieser vertrete schließlich konservative Familienwerte, betont DeMoss und darum gehe es, nicht um Theologie.

Zu kämpfen haben die Mormonen damit, dass viele Amerikaner wenig von ihrem Glauben wissen. In den ersten Jahrzehnten lebten viele Führer der Mormonen polygam. So hatte ihr Gründer Smith mindestens 33 Frauen. 1890 erhielt der Präsident der Mormonenkirche dann aber eine "Offenbarung", wonach mit der Vielweiberei Schluss zu machen sei. Wenn auch - theologisch gesehen - nicht ganz. Denn verwitwete Männer dürfen noch einmal heiraten. Und das bedeutet Polygamie im Himmel, denn mormonische Ehe werden auf Erden ja für ewig geschlossen. Verwitwete Frauen müssen dagegen allein bleiben.

Das Ende der Polygamie

Im öffentlichen Bewusstsein ist das Ende der Polygamie auf Erden wohl nur begrenzt angekommen. Taucht die Vielehe doch im Fernsehen auf, in der Reality Show "Sister Wives", in der Kody Brown, der einer von den Mormonen abstammenden Sekte angehört, vorführt, wie das Familienleben mit vier Frauen und 16 Kindern abläuft. Im August haben Mormonen nun in dem von ihnen gegründeten Bundesstaat Utah eine "Verteidigungsliga" gegründet, um Medienberichte sofort zu kontern, die nach ihrer Ansicht Falsches über ihre Religionsgemeinschaft berichten. Ein Problem war für die Mormonen, dass im Sommer der Fall des polygamistischen Sektenführers Warren Jeffs wochenlang die Schlagzeilen der US-Presse beherrschte. Er wurde in Texas wegen Missbrauchs minderjähriger Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt. Mit den Mormonen hat Jeffs' Sekte nichts zu tun, aber in den Meldungen hieß es oft, er sei der Anführer einer mormonischen Splittergruppe.

Die Republikaner Romney und Huntsman gelten als ausgesprochen wirtschaftsfreundlich und sozial konservativ, wie man es von den Mormonen erwartet. Doch gleichzeitig wird deutlich, dass das Mormonentum kein monolithischer Block ist. Romney steht im Wahlkampf zu seinem Mormonentum und betont dabei die Familienwerte seiner Religion. Huntsman stellt sich dagegen als "Mormone light" dar. "Ich bin ein sehr spiritueller Mensch", sagte er dem Nachrichtenmagazin Time, und betonte, er sei "stolz" auf seine "mormonischen Wurzeln". Unter seinen Vorfahren habe es Betreiber von Saloons und Prediger gegeben.

Huntsman und Romney sind nicht die einzigen republikanischen Vorwahlkandidaten und -kandidatinnen, deren Glauben auffällt. Die evangelikale Kongressabgeordnete Michele Bachmann will auf Anweisung Gottes kandidieren. Und der Gouverneur von Texas, Rick Perry, organisierte kurz vor Ankündigung seiner Kandidatur eine Gebetsveranstaltung mit 30.000 Menschen, um für die "Umkehr" der USA zu beten und eine für Jesu Wiederkunft unerlässliche Bekehrung der Juden. Im Frühjahr hatte Perry, der den Klimawandel leugnet, zu einem Gebetstag gegen die anhaltende Dürre in Texas aufgerufen. Da durften allerdings Juden und Muslime mitbeten. Geregnet hat es in den Wochen nach dem Gebetstag nicht. Mal sehen, wie es mit der Umkehr der USA wird.

Konrad Ege

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