Laien beteiligen oder sterben

Die Reform der Volkskirche muss mit einem Systemwechsel verbunden werden

Das Wort "Versorgung" meint etwas grundlegend Positives. Selbstverständlich ist es gut, dass Menschen sich um andere sorgen und Schwache und Bedürftige ordentlich versorgt werden. Und dies tut die Versorgungskirche beispielhaft. Zwar gibt es immer Dinge, die man besser machen könnte. Aber im Großen und Ganzen lässt sich konstatieren: Die Volkskirche macht gerade angesichts ihrer oft begrenzten Ressourcen versorgungstechnisch einen hervorragenden Job.

So versorgt sie Menschen mit Nächstenliebe. Erinnert sei an Kindergärten, Altenheime, Tafeln, Kleiderkammern, Flüchtlingshilfe, Besuchsdienste, Kranken- Notfall- und Gefängnisseelsorge und vieles mehr. Die Volkskirche versorgt Menschen mit Religion, durch Schulanfänger- und Weihnachtsgottesdienste, Religions- und Konfirmandenunterricht, Bachkantaten und Kunstausstellungen, Rundfunkandachten, Zeitungsartikel und Fernsehgottesdienste. So wird eine solide religiöse Grundversorgung gewährleistet. Die Volkskirche versorgt Menschen mit pastoralen Leistungen. An den Schaltstellen des Lebens - Geburt, Erwachsenenreife, Eheschließung und Tod - ist die Kirche da und begleitet sie mit Seelsorge und Predigt. Die Volkskirche versorgt die Menschen mit Gewissen. Es gibt kaum eine ethische Frage, auf die die Kirche keine Antworten gibt. Diese sind zwar keineswegs unumstritten, aber sie geben vielen Orientierung oder nötigen sie zumindest, sich ein Bild zu machen und auf die angesprochenen Fragen eigene Antworten zu formulieren.

Die Versorgungskirche ist wie eine nährende und pflegende Mutter. Solange das Kind unselbstständig ist, ist das wunderbar. Doch was ist, wenn es größer wird? Dann ist die Mutter immer noch Mutter. Aber ist Versorgung noch ein angemessenes Paradigma?

Oberflächliche Versorgungskirche

Die Versorgungskirche arbeitet flächendeckend - und darum zwangsläufig oberflächlich. So ist die große Chance der Volkskirche zugleich ihre große Schwachstelle. Sie generiert ein Angebot für möglichst alle, doch der best case wäre gleichzeitig ihr worst case. Denn würden alle ihre Leistungen wirklich abgerufen, hätte die Kirche ein großes Problem. Qualität und Intensität müssen in dem Maße abnehmen, in dem die Quantität der abgerufenen Dienstleistungen zu­nimmt. Je flächendeckender die Kirche arbeitet, desto oberflächlicher wird sie zwangsläufig.

Die Versorgungskirche zielt mehr auf Förderung der Schwachen als auf Herausforderung der Starken. Für die Schwachen und Zuwendungsbedürftigen ist das gut. Doch welche Angebote gibt es für Menschen in der Blüte ihres Lebens? Wer gerade keine Krise durchläuft und diakonische Angebote benötigt, fühlt sich von einer Kirche nicht wahr- und ernstgenommen, die sich in erster Linie als Versorgerin versteht. Schwache muss man fördern, darin ist die Kirche gut. Aber Starke muss man fordern. Und an diesem Punkt ist in unserer Kirche noch viel Luft nach oben.

Man kann die Menschen mit Liebe und mit Religion versorgen, aber nicht mit Christentum Denn dieses ist seinem Wesen nach Herausforderung, biblisch gesprochen: Ruf zur Nachfolge. Christsein heißt neu denken, umkehren, neu machen. Und das ist nichts, womit man Menschen versorgen kann. Denn wo die Dinge spezifisch christlich werden, ist Herausforderung gefragt. Und die funktioniert nicht flächendeckend, sondern nur individuell.

Die Versorgungskirche ist Kirche für das Volk, und nicht so sehr Kirche des Volkes. Doch das ist im Grunde eine Scheinalternative. Eine Kirche für das Volk kann sich nicht auf ein paar hauptamtliche Profis beschränken. Denn sie können bei aller Mühe und Professionalität selbst in einer 72-Stunden-Woche (die für viele Realität ist) nur einen Bruchteil der Arbeit leisten, die angesichts der vielen religiösen, sozialen und menschlichen Nöte notwendig ist. Kirche für das Volk kann nur funktionieren, wenn genug Menschen da sind, die für andere da sein wollen. Nur eine Kirche des Volkes kann letztlich eine Kirche für das Volk werden. Die Aufgabe der Hauptamtlichen sollte darum weniger darin bestehen, für die Bedürftigen da zu sein, als für jene Menschen, die - im Sinne des allgemeinen Priestertums Martin Luthers - zu den anderen hingehen und für sie da sind.

Statt Priestertum der Laien Laientum der Priester

Statt des allgemeinen Priestertums der Laien begünstigt die Versorgungskirche das allgemeine Laientum der Priester. Das Aufgabenprofil einer normalen Pfarrperson ist enorm: Es reicht von Predigt, liturgischer Kompetenz, Seelsorge und Unterricht bis hin zu Verwaltungstätigkeiten, Management, Vernetzungsaufgaben, Öffentlichkeitsarbeit, Repräsentation und vielem mehr. Das erfordert Charaktereigenschaften und Fähigkeiten, die selbst ein umfassend begabter Mensch kaum auf sich vereinigen kann. Trotzdem lässt die Versorgungserwartung in unserer Volkskirche kaum zu, dass der Pfarrer, die Pfarrerin einige ihrer Aufgaben einfach an begabte "Laien" delegiert. Obwohl die entsprechenden Gaben in der Gemeinde vorhanden sind, muss er/sie nahezu alles selbst machen, vieles davon recht, anderes - notgedrungen - eher schlecht. Dafür läuft es in den Gemeinden oft er­freulich gut. Und doch bleiben sie oft weit unterhalb ihres Potenzials - solange sie an ihrer Versorgungsmentalität festhalten.

So ist es nicht gut. So war es auch anfangs nicht gedacht. Und so geht es auch nicht weiter. Denn die Personalentwicklung in der Kirche zeigt: In den kommenden Jahren wird es unmöglich sein, eine breite pastorale und diakonische Versorgung aufrechtzuerhalten. Und wenn es schon nicht die theologische Überzeugung ist, die uns treibt: Allein die Personalentwicklung gibt ausreichend Anlass, sich mit der Beteiligungskirche auseinanderzusetzen.

Wenn ich im Folgenden die Beteiligungskirche etwas idealtypisch darstelle, dann deswegen, weil die Beteiligung möglichst vieler in der Volkskirche ein Ideal ist, dem wir uns annähern, das wir aber nie völlig umsetzen können.

Stärkung des Ehrenamtes

Ein Ideal ist mehr als nur eine gute Idee, die man umsetzt, sondern ein Polarstern, der die Richtung vorgibt und an dem man sich orientiert, obwohl man genau weiß, dass man ihn nie erreichen wird. Unter diesem Vorzeichen möchte ich die folgenden Thesen zur Beteiligungskirche verstanden wissen.

1. Die theologische Grundlage der Beteiligungskirche ist das von den Reformatoren ausgerufene allgemeine Priestertum der Gläubigen. Der Dienst eines Priesters, einer Priesterin ist es, zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln: das heißt ihnen das Wort Gottes nahebringen, für sie zu beten, sie zu be­gleiten und es ihnen leichter zu machen, an die Liebe Gottes zu glauben. Dies ist nach Luthers Auffassung eben nicht nur der Auftrag einiger speziell ausgebildeter Profis, sondern Aufgabe aller Gläubigen. Nur wenn viele für andere da sind, ist für jeden jemand da, der ihm glauben, hoffen und lieben hilft.

2. In der Beteiligungskirche übernimmt eine Vielzahl von Menschen Verantwortung für das Reich Gottes. "Reich Gottes" ist der Einflussbereich der Liebe Gottes in dieser Welt. Und damit dieser wächst, bedarf es nicht nur eines passiven Glaubens, sondern aktiver Jüngerschaft. Darum lautet Jesu Auftrag auch nicht: "Gehet hin und betreut die Menschen", sondern: "Macht die Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern". Ganz abgesehen davon: Wo niemand sich beteiligt, kann auch niemand versorgt werden. Und der moderne Mensch möchte nicht nur versorgt werden. So bequem dies im ersten Augenblick scheint, wirkliche Erfüllung finden wir erst dort, wo wir uns selbstverantwortlich beteiligen. Und gerade Menschen in der Mitte ihres Lebens werden sich nur in dem Maße mit ihrer Kirche identisch fühlen, wie sie Verantwortung übernehmen dürfen.

3. In der Beteiligungskirche arbeiten Menschen gemäß ihren Gaben und ihrer Persönlichkeit mit. Im Ersten Petrusbrief heißt es: "Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat." Wer von Gott eine Begabung bekommen hat, hat auch eine Auf-Gabe, bestimmte Fähigkeiten oder Ressourcen wie Zeit und Besitz: All das haben wir nicht nur für uns selbst. Es soll vielmehr anderen helfen. "Gottes Gaben sind Gottes Berufungen", sagte Gustav Heinemann einmal. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die im Bereich ihrer Gaben mitarbeiten, dies nicht nur mit großer Sachkompetenz tun, sondern auch mit großer Freude. Es ist keine lästige Pflicht, sondern bringt Erfüllung und Segen, wenn wir tun, wofür Gott uns speziell ausgerüstet hat.

4. In der Beteiligungskirche verstehen sich die Mitarbeitenden als Teamplayer. Kein Mensch ist so begabt, dass er oder sie Gottes großen Auftrag, für andere da zu sein, auch nur annähernd allein erfüllen kann. Darum ist es an der Zeit, das Modell des Apostel Paulus vom Leib und den Gliedern endlich umzusetzen: Jeder und jede arbeitet an der je eigenen Aufgabe und versteht sich nicht als Solistin oder Solist, sondern als Teil eines größeren Organismus. Die unterschiedlichen Gaben und Aufgaben treten nicht in Konkurrenz zueinander, sondern unterstützen und ergänzen einander. Und das geschieht im Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein - und vor allem demselben Haupt zu unterstehen und zu dienen: Christus. Das gilt auch für das Miteinander von Haupt- und Ehrenamt.

5. Die Beteiligungskirche lebt von der Vision für das Ganze. Sie kommt ohne Druck und schlechtes Gewissen aus. Sie speist sich vielmehr daraus, dass Menschen eine Reich-Gottes-Perspektive für ihr Leben entwickeln, aus Dankbarkeit, Gott etwas zurückgeben zu wollen, und aus der Freude daran, Gottes Liebe auszubreiten. Dazu muss man freilich eine solche Vision entwickeln und kommunizieren. Und das wird zukünftig eine Hauptaufgabe der Leitenden in Kirche und Gemeinde sein. Denn die Beteiligungskirche kommt nicht von selbst. Vielmehr bedarf es einiger entscheidender Weichenstellungen.

Die Stärkung des Ehrenamtes gehört heute zum Standardvokabular jeder gemeinnützigen Organisation und na­türlich auch der Kirche. Dass das gerade wieder entdeckt wird, hat allerdings oft mehr mit knapper werdenden Ressourcen zu tun als mit einer Vision fürs Ehrenamt. Und da liegt der Hase im Pfeffer: Denn die Leute merken, wenn sie als Lückenbüßer herhalten müssen, wo hauptamtliche Kräfte die Arbeit nicht mehr schultern können. Dabei wäre auf Grund des Neuen Testamentes und seines Bildes vom Leib und den Gliedern niemand besser gerüstet als die Kirche, eine Sicht fürs Ehrenamt zu entwickeln, die nicht in Konkurrenz zu Hauptamtlichkeit und Professionalität tritt, sondern in Ergänzung der gottgegebenen Gaben zugunsten eines gemeinsamen größeren Ganzen zusammenarbeitet.

In der Beteiligungskirche gibt es keine Pfarrerzentrierung im herkömmlichen Sinn. Dennoch spielen Pfarrerinnen und Pfarrer eine zentrale Rolle. In einer Kirche, die mit dem all­gemeinen Priestertum ernst macht, sind ausgebildete Pries­terinnen und Priester keineswegs überflüssig. Im Gegenteil: Ihnen kommt sogar eine Schlüsselstellung zu. In Epheser 4 wird die Hauptaufgabe aller benannt, die ein besonderes Amt in der Kirche innehaben: "Dazu hat Gott sie eingesetzt: um die Heiligen (sprich: die Gläubigen) zuzurüsten zum (priesterlichen) Dienst." Das bezahlte, speziell ausgebildete Priestertum ist also dazu da, das allgemeine Priestertum zu berufen, zu befähigen und zu begleiten. "Qualifikationskompetenz" nennt es das EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit". Von den Anglikanern könnten wir da viel lernen: "to equip the saints", die Heiligen zuzurüsten, ist dort in vielen Dienstbeschreibungen von Pfarrerinnen und Pfarrern zentral. In unseren kirchlichen Ausbildungsordnungen ist das noch nicht vorgesehen. Aber spätestens in fünfzehn Jahren wird es sich auch bei uns durchgesetzt haben.

Der Schritt von der Versorgungs- zur Beteiligungskirche ist nicht nur ein quantitativer, sondern vor allem ein qualitativer. Es geht nicht nur darum, dass sich mehr Leute mehr engagieren, um die anstehende Arbeit zu tun. Vielmehr geht es um einen Systemwechsel. Es geht darum, sich nicht mehr damit zu begnügen, dass Menschen getauft, konfirmiert und irgendwann kirchlich beerdigt werden. Aktives Christsein bedeutet, sich einmischen, beteiligen und für andere da sein. Das heute vorherrschende Modell, nach dem eine Handvoll hervorragend ausgebildeter Menschen einer großen Menge passiver Gläubiger gegenübersteht, hat darum ausgedient. Es sollte denen vorbehalten bleiben, die sich wegen Krankheit, Alter, Unmündigkeit, oder sonstiger Einschränkungen nicht beteiligen können. Dabei geht es nicht um eine Kirche der Starken, sondern um eine, in der Starke für Schwache da sind. Die Gemeinden dürfen sich nicht damit begnügen, Menschen zu betreuen. Vielmehr müssen sie ihre Mitglieder behutsam, aber bestimmt dahin führen, nach ihren Gaben und Möglichkeiten für andere da zu sein. Eine Kirche, die nicht in der Lage ist, ihre Mitglieder zu aktivieren, ist eine sterbende Kirche. Die Kirche von morgen wird also eine Beteiligungskirche sein - oder sie wird nicht mehr sein.

Literatur:

Klaus Douglass: Beten - ein Selbstversuch. adeo Verlag, Asslar 2011, 320 Seiten Euro 14, 99.

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