Der Weg zum Ich

Hesse und die Religion
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Ein lesenswertes Buch - wenn man von der Vereinnahmung Hesses als "Intensivprotestant" absieht.

Am 9. August jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Hermann Hesse. In seinem Porträt verzichtet der Theologe und Journalist Ezzelino von Wedel bewusst auf biographische Vollständigkeit. Sein Schwerpunkt liegt mehr auf Hesses grundlegenden Lebenseinsichten. Dass der aus protestantisch-pietistischem Elternhaus stammende Autor für ihn unbedingt in die Reihe "bedeutender Protestanten" gehört, begründet von Wedel im Vorwort: Hesse sei trotz seiner Hinwendung zu fernöstlicher Spiritualität doch "ein Protestant durch und durch" gewesen. Mehr noch: Obwohl er die pietistische Frömmigkeit seiner Eltern abgelehnt habe, gebe es "keinen pietistischeren Schriftsteller als ihn". Ob allerdings Hesse selbst sich am Lebensende dieser eigenwilligen Deutung angeschlossen hätte, darf angesichts zahlreicher Selbstzeugnisse bezweifelt werden.

Hesses Verhältnis zur Religion, sein Weg "zu einem vertieften Verständnis des Christentums" bleibt gleichwohl die Folie, auf der der Autor Hesses Vita beschreibt. Die eigentliche Konstante in diesem stets unkonventionellen Leben ist jedoch die Liebe zur Literatur. Trotz zahlreicher Misserfolge, insbesondere mit den Erstlingswerken, trotz zeitweilig harscher Kritik durch die Fachwelt hat Hesse nie an seiner Berufung zum Dichter gezweifelt. Der Weg bis zum ersten literarischen Erfolg mit dem Roman "Peter Camenzind" war freilich ein langwieriger, von Umbrüchen und heftigen Krisen geprägter. Von Wedel gibt daher der Kindheit und Jugend Hesses gebührenden Raum.

Der Mittelteil beschreibt die Erfolgsjahre und die intensivste Schaffensperiode des späteren Nobelpreisträgers, die Entstehung der Romane wie "Unterm Rad", "Siddharta" und "Steppenwolf". Deren Inhalte fasst von Wedel anschaulich zusammen und setzt sie zu den Veränderungen in Hesses Leben in Beziehung: Seine viermonatige Reise nach Indonesien, die ihn mit asiatischer Spiritualität in Berührung bringt, gleichzeitig aber seine Vorbehalte gegenüber jeglicher Form von institutionalisierter Religion verstärkt. Die ersten beiden Ehen, die am Unabhängigkeitsdrang Hesses scheitern.

Der Biograph zeichnet ein anrührendes Bild des Menschen Hermann Hesse. Oftmals zerrissen zwischen dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und dem Drang nach Einsamkeit und Rückzug. Beflügelt vom literarischen Erfolg und doch immer wieder voller Zweifel und Unglück. Derselbe Mensch, der mit seinen Büchern Generationen von jungen Leuten zur eigenen Identität verholfen und so vielen Menschen Rat und Trost gespendet hat, musste sich selbst wiederholt in psychoanalytische Behandlung begeben.

Nicht unerwähnt lässt von Wedel auch Hesses soziales Engagement im Ersten Weltkrieg, seinen Pazifismus und seine eindeutige Haltung zum aufkeimenden Nationalsozialismus in Deutschland, durch die er sich trotz des genialen Alterswerkes "Das Glasperlenspiel" für Jahre ins literarische Abseits manövriert. Aber auch seine späte Rehabilitierung lässt den großen Schriftsteller letztlich unbeeindruckt. Alles in allem ein lesenswertes Buch, wenn man von der eingangs erwähnten posthumen Vereinnahmung Hesses und gelegentlichen Begriffsblüten wie zum Beispiel "Intensivprotestant Hesse" absieht.

Ezzelino von Wedel: Hermann Hesse. Wichern-Verlag, Berlin 2011, 144 Seiten, Euro 14,95.

Matthias Hoof

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