Treffen an der Tafel

Lutherdekade: Frauen diskutieren über die Zukunft der Kirche
Frauenmahl in Marburg. Foto: Diana Dickel
Frauenmahl in Marburg. Foto: Diana Dickel
In zehn Städten haben sich in den vergangenen Monaten Frauen zu so genannten Frauenmählern getroffen. Sie diskutieren beim Essen über die Zukunft von Kirche und Religion. Eine Idee, die immer mehr Nachahmerinnen findet, wie die Marburger Theologieprofessorin Ulrike Wagner-Rau erläutert.

Schon der Reformator Martin Luther hielt Tischreden in seinem Haus in Wittenberg. In ihnen brachte er Theologie und Alltag oft besonders überzeugend zusammen. In dieser Tradition stehen die so genannten "Frauenmähler", zu denen landauf landab in den Landeskirchen eingeladen wird. Der Hintergrund: Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal Luthers Thesenanschlag. Zehn Themenjahre - kurz: die Lutherdekade - bereiten den Weg zu diesem Jubiläum und entscheidenden Datum der Reformation. Doch im Rahmen der Reformationsdekade kommen frauenpolitische Themen und Geschlechterfragen so gut wie nicht vor. Dabei brauchen das Reformationsjubiläum und seine Organisatoren kompetente Gesprächspartnerinnen. Schließlich gilt: Alle Religionen leben nicht zuletzt von den Gedanken und der Praxis gläubiger Frauen. Deshalb sollen Frauenmähler einen Raum schaffen, in dem die Stimme der Frauen deutlich zu hören ist.

Die Idee ist, bei diesen gemeinsamen Mahlzeiten Frauen in Tischreden zu Wort kommen zu lassen. Diese Rednerinnen leben zumeist ihren Alltag in unterschiedlichen Kontexten der Gesellschaft. Sie haben ihre eigene Perspektive auf religiöse Fragen, sie bringen ihre eigenen Erwartungen an Religionsgemeinschaften und Kirchen mit. Die Reden sollen im Gespräch an den Tischen aufgenommen werden. Alle anwesenden Frauen können mit ihren Gedanken und Anliegen zu Wort kommen. Einige unter ihnen werden nach dem Frauenmahl aufschreiben, was sie wichtig und weiterführend fanden. Die Dokumentation dessen ist auf der Homepage www.frauenmahl.de nachzulesen.

Zusammen essen und rasten, einander zuhören und miteinander reden - das Frauenmahl soll den Alltag unterbrechen, einen Spielraum schaffen, um Standpunkte auszutauschen und Ideen zu entwickeln. So entsteht ein Diskurs, in dem viele zu Wort kommen: über die Zukunft der Kirchen, über Bedeutung und Verantwortung der Religionen in den dringenden Fragen der Gegenwart. Alle Teilnehmerinnen sind gebeten, ein kurzes, schriftliches Votum zum Thema des Abends mitzubringen und sich in die Gespräche an den Tischen einzumischen. Im Anschluss an Martin Luthers Gedanken des Priestertums aller Gläubigen soll ein breiter demokratischer Meinungsbildungsprozess angeregt werden.

Teilen und austauschen

Doch warum bei einem gemeinsamen Essen? Das Essen vorbereiten, den Raum festlich herrichten, die Musik bestellen und die Einladungen versenden - das gehört zur Gastfreundschaft, die unterschiedliche Menschen an einem Tisch zusammenführt. Gastfreundschaft ist wesentlicher Teil vieler religiöser Traditionen, denn gemeinsam zu essen ist ein Hoffnungszeichen. Alle werden satt. Man lernt einander kennen. Verantwortung für das Leben und Lebenslust sind gleichermaßen gegenwärtig.

Das Frauenmahl ist kein Abendmahl. Aber der symbolische Horizont von Versöhnung und Frieden steht auch über diesem gemeinsamen Essen. Religiöse Differenzen und Konflikte behindern nicht selten das Zusammenleben der Menschen. Teilen und Austauschen an einem Tisch kann dazu beitragen, Verschiedenheit auszuhalten und schätzen zu lernen.

Die Idee des Frauenmahls, entwickelt von Frauen der Theologischen Fakultät Marburg und des Frauenstudien- und -bildungszentrums der EKD sowie der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, soll ausstrahlen und weiter wirken. Bislang werden Frauenmähler in zehn Städten in Deutschland veranstaltet. Während im vergangenen Herbst in Wermelskirchen, Köln, Marburg und weiteren Städten schon Frauenmähler stattfanden, wird die Evangelische Frauenarbeit in Baden am 24. Juni ein gemeinsames Essen in Karlsruhe vorbereiten, und die Schwäbisch-Haller Tischreden werden am 26. Oktober gehalten.

Insgesamt trafen sich bis jetzt über eintausend Frauen. Und die Idee wirkt ansteckend. Überall können Gastmähler gefeiert werden, die Menschen zusammenbringen, die sich einmischen wollen, denen Glaube und religiöse Fragen wichtig sind, die Zukunft in Kirche und Gesellschaft mitgestalten wollen.

Die Reden, Voten, Termine sowie praktische Anregungen und Kontaktadressen können Interessierte im Internet auf www.frauenmahl.de lesen. Vielleicht gelingt es, darin eine gemeinsame Botschaft sichtbar zu machen. Wer die Idee des Frauenmahls weiterentwickeln will, kann die Internetpräsenz dafür nutzen, um aus dem einen Mahl einen Weg zu machen, den viele mitgehen und beleben.

Ulrike Wagner-Rau

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