Göttlicher Geldfluss

Vom Nutzen und Nachteil des Mammons für die Christenmenschen
Tizian: "Der Zinsgroschen", um 1516. Foto: akg-images/Erich Lessing
Tizian: "Der Zinsgroschen", um 1516. Foto: akg-images/Erich Lessing
Der Umgang mit dem Geld wird an vielen Stellen im Neuen Testament thematisiert. Neben einer grundsätzlichen Aversion und Skepsis gegen den "ungerechten Mammon" in den Gleichnissen Jesu finden sich auch Stellen, die den Nutzen des Geldes für die frühen christlichen Gemeinden beschreiben. Dieses Spannungsverhältnis beleuchtet Friedrich Avemarie, Professor für Neues Testament an der Universität Marburg.

Ein betrügerischer Geschäftsführer, dem gekündigt wird, als seine Machenschaften auffliegen, nutzt seine Vollmachten rasch noch, um ein paar Seilschaften zu knüpfen. Diese dürften sich als nützlich erweisen, wenn er demnächst auf der Straße steht ... Die Anständigen unter den Zuhörern dieser Geschichte warten nun gespannt darauf, wie den üblen Burschen die verdiente Strafe ereilt. Aber nein: "Der Herr" - anscheinend der Eigentümer des Betriebs, in gewisser Weise aber auch Jesus, der die Geschichte erzählt, - "lobte den frevlerischen Verwalter, denn er hatte klug gehandelt." Und dann gibt Jesus noch den Ratschlag, es diesem Menschen gleichzutun: "Ich sage euch, macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!" (Lukas 16,1-9).

Dient den Anständigen also, die ihr Hab und Gut mit redlichen Mitteln erworben haben, ein Wirtschaftsbetrüger zum Vorbild? Der Ratschlag klingt erst recht skandalös, wenn man sich klarmacht, dass "Mammon" in der aramäischen Alltagssprache ein völlig harmloser, unverfänglicher Ausdruck war, mit dem man die Habe eines Menschen bezeichnete, sein materielles Vermögen, seinen rechtmäßigen Besitz. Von einem "Mammon der Unredlichkeit" sprach man allenfalls, wenn jemand, etwa ein bestechlicher Richter, mit kriminellen Methoden zu seinem Geld gekommen war. Doch Jesus unterstellt hier seinen Zuhörern ganz grundsätzlich, ihr Mammon sei ungerecht. Die Botschaft soll offenbar sein, dass materieller Besitz immer irgendwie anrüchig ist und dass es darum in erster Linie auf das ankommt, was man daraus macht.

Woher kommt diese Aversion gegenüber dem Geld? Die Einwände, die sich in den Evangelien teils unterschwellig, teils auch deutlich vernehmen lassen, liegen auf zwei sehr verschiedenen Ebenen, einer spirituellen und einer wirtschaftlich-sozialen. Zum einen lassen sich Menschen durch ihre Sorgen um den Besitz davon abhalten, ihr Leben auf Gott auszurichten, obwohl ihnen der Besitz nicht einmal eine zuverlässige Absicherung bieten kann. Das Musterbeispiel liefert der reiche Kornbauer in Lukas 12,16-21, der in seinem Glück über üppige Ernten und kluges Wirtschaften vergessen hat, dass ihm sein Reichtum im Grabe nichts nützen wird.

Strenges Entweder-Oder

Deshalb die Mahnung: "Macht euch Geldbörsen, die sich nicht abnutzen, einen Schatz im Himmel, der nicht ausgeht, wo kein Dieb hingelangt und keine Motte frisst. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz" (Lukas 12,33-34). Und dabei geht es zweifellos nicht um ein moderates Sowohl-als-auch, sondern um ein strenges Entweder-Oder: "Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich für den einen einsetzen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!" (Matthäus 6,24).

Gleichzeitig gibt es ein klares Empfinden dafür, dass das, was die einen zu viel haben, den anderen fehlt. Dass Eigentum Diebstahl sei, behaupten die Evangelien zwar nicht, aber es lebt in ihnen die Hoffnung und Gewissheit, dass Gottes Zukunft durch gerechten Ausgleich die ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Welt überwinden wird. Dem Trostwort: "Selig seid ihr Armen, denn euer ist das Gottesreich!" steht spiegelbildlich die Drohung gegenüber: "Wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost schon gehabt!" (Lukas 6,20.24). Der reiche Mann in der Feuerhölle, der von ferne sieht, wie der arme Lazarus in Abrahams Schoß Erquickung findet, wird von dem Erzvater belehrt: "Mein Kind, bedenke, dass du dein Gutes während deines Lebens empfangen hast, so wie Lazarus sein Böses. So wird er hier getröstet, du aber leidest Pein" (Lukas 16,25).

Gerechte Verteilung

Es gilt offenbar, dass jedem Menschen das gleiche Quantum an Gutem und Bösem zugemessen ist und nur der Zeitplan variiert, nach dem ein jeder das Seine empfängt. Das heißt aber nicht, dass das eigene Schicksal unabänderlich ist. Denn hätte der Reiche - so muss man zwischen den Zeilen lesen - seinen Reichtum geteilt, wäre ihm die Hölle erspart geblieben. Ähnlich wird auch Jesu Antwort an den reichen Jüngling motiviert sein, der ihn fragt, wie er das ewige Leben erlangen könne: "Geh hin, verkaufe, was du hast und gib es den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!" (Markus 10,21). Wenn Jesus auf das Abwinken des Mannes hin resigniert bemerkt, ein Kamel komme leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Gottesreich (Markus 10,25), mag dabei beides mitschwingen, der sozialkritische Vorbehalt wie der spirituelle.

Die Häufigkeit und breite Streuung, mit der solche und ähnliche Äußerungen in den Evangelien überliefert sind, lassen darauf schließen, dass wir es nicht mit bloß theoretischen Betrachtungen zu tun haben. Vielmehr lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass im Kreise Jesu und seiner Jüngerinnen und Jünger der Verzicht auf Reichtum auch praktisch gelebt wurde. Wenn es historisch zutrifft, dass es eine von Judas verwaltete "Kasse" gab (Johannes 13,29), wäre dies ein sicheres Indiz dafür, dass man kein Privateigentum kannte, sondern Gütergemeinschaft pflegte, und dass man Geld zwar als nützliches Mittel gebrauchte, aber seinen Besitz und erst recht seine Mehrung nicht als sinnvollen Zweck betrachtete. Bezeichnend wäre dann wohl auch, wie sich Judas mit seiner Kritik, die er als besorgter Kassenwart an der Verschwendung eines kleinen Vermögens übt, sogleich dem Verdacht der Unlauterkeit aussetzt (Johannes 12,6).

Da man anspruchslos lebte, war die Versorgung mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft nicht notwendigerweise ein Problem. Galiläa blickte auf eine Friedenszeit von über sechs Jahrzehnten zurück. Archäologische Funde lassen auf entsprechenden Wohlstand schließen. Wer arbeiten konnte, hatte in der Regel keine Not zu leiden, und wer etwa ein Handwerk oder eine kleine Landwirtschaft betrieb, dem blieb nach den üblichen Abgaben an den Landesherrn Herodes Antipas und den Jerusalemer Tempel gewiss noch genug, dass er einem gottgesandten Wanderprediger Kost und Logis gewähren konnte.

Jesu Währung war nicht Geld

Von Jesus und den Seinen wurde diese Unterstützung als Fürsorge des himmlischen Vaters begriffen (Matthäus 6,25-34), und genaugenommen war sie das auch. Denn die Währung, in der sie rechneten, war nicht Geld, sondern die Kraft der anbrechenden Gottesherrschaft: Sie predigten, trieben Dämonen aus, heilten und vergaben Schuld, und wenn der betrügerische Verwalter in jenem Gleichnis seine Verbindungen knüpfte, indem er ebenfalls Schuldnern ihre Schulden erließ, verkörperte er damit vielleicht nicht nur kriminelles Talent, sondern in gewisser Weise auch das provozierende Auftreten Jesu selbst. Das Vertrauen auf die Macht der Gottesherrschaft reichte soweit, dass die Jünger, wenn es darauf ankam, bei ihren Predigtreisen sogar demonstrativ auf lebenswichtige Ausrüstung verzichten konnten: Keinen Rucksack, keine Wegzehrung, kein Notgroschen, nur ein einziges Gewand, Sandalen und einen Stab, gebietet Jesus in Markus 6,8-9. Und in Lukas 9,3 und 10,4 untersagt er auch die Sandalen und die Verteidigungswaffe gegen wilde Tiere, den Stab. So radikale Direktiven waren wohl nur für den Sonderfall gedacht, aber im Rückblick konnte man feststellen: Selbst unter solchen Extrembedingungen hatte man keinen Mangel zu leiden (Lukas 22,35).

Als sich nach Ostern das junge Christentum verstetigte und die ursprüngliche Wanderbewegung allmählich auch sesshafte Gemeinden ausbildete, musste allerdings die spontane Unterstützung durch Sympathisanten um längerfristige Versorgungsmaßnahmen ergänzt werden. Verstreute Nachrichten aus der zweiten Generation lassen darauf schließen, dass der Zusammenhang zwischen dem eigenen Verzicht und Gottes Fürsorge jetzt nicht mehr als so selbstverständlich wie früher empfunden wurde. In Jerusalem, so weiß die Apostelgeschichte, verkauften wohlhabendere Christen ihre Grundstücke, um den Unterhalt der Gemeinde zu sichern (4,34-37). Andere, die ihren Besitz verheimlichten, wurden drastisch gerügt (5,1-6). Und trotz regelmäßiger Essensausteilungen, die man offenbar eingerichtet hatte, regte sich Unmut darüber, dass alleinstehende Frauen in der Gemeinde bei diesen Speisungen zu kurz kamen (6,1).

Dass derartiges vor allem aus Jerusalem berichtet wird, rührt wohl nicht nur von daher, dass in der Stadt die Versorgung naturgemäß schwieriger gewesen sein muss als im ländlichen Galiläa mit seiner Subsistenzwirtschaft. Auch die Bereitschaft zur Armut scheint in der Jerusalemer Gemeinde größer gewesen zu sein als anderswo, und größer das Vertrauen auf den Beistand des Herrn, der schon früher Tausende satt gemacht hatte. Größer dann aber auch die Verletzlichkeit bei akuter Not. Aus Antiochia jedenfalls, wo das Christentum wenig später ebenfalls Fuß fasste, gibt es solche Nachrichten nicht. Die antiochenische Gemeinde war vielmehr so wohlsituiert, dass sie für die notleidenden Jerusalemer eine Spendensammlung veranstalten konnte (11,27-31; 12,25). Für die Jerusalemer Gemeinde hingegen scheint die Bezeichnung "Die Armen" zeitweise geradezu ein Ehrentitel gewesen zu sein (Galater 2,10; Römer 15,26).

Akt der Solidarität

Der Evangelist Lukas, dem wir die Apostelgeschichte verdanken, hatte für solche Zusammenhänge und Notwendigkeiten einen besonders wachen Blick. Man sieht es daran, dass er Überlieferungen, die die Bedeutung des finanziellen Engagements hervorhoben, auch in sein Evangelium aufnahm. In den anderen Evangelien fehlen diese Überlieferungen. Dazu gehörte, dass der Hauptmann von Kapernaum die örtliche Synagoge gestiftet hatte (7,5), dass der Zöllner Zachäus nicht nur das unrechtmäßig Erworbene vierfach zurückerstatten, sondern auch das Übrige zur Hälfte den Armen spenden wollte (19,8), und nicht zuletzt, dass einige Frauen des Jüngerkreises auch ihr Vermögen in den Dienst der Verkündigung stellten (8,3).

Während aber Lukas an solchen Stellen ganz pragmatisch denkt, erkennt Paulus in der geschwisterlichen Unterstützung auch einen tieferen, theologischen Sinn. Aufschlussreich sind besonders Kapitel 8 und 9 des 2. Korintherbriefs, in denen er in mitreißenden Worten um reiche Beteiligung an seiner Spendenaktion für Jerusalem wirbt: "Gott vermag es, euch alles im Überfluss zu schenken, damit ihr jederzeit an allem völlig genug habt und so im Überfluss geben könnt zu jedem guten Werk. ... In jeder Hinsicht seid ihr reich gemacht zu jeglicher rechtschaffenen Tat, und diese bewirkt durch uns Danksagung an Gott. Denn dieser Dienst, den ihr verseht, hilft nicht nur den Nöten der Heiligen (in Jerusalem) ab, sondern bringt auch dadurch, dass viele Dank sagen, für Gott Überfluss. Indem ihr euch in diesem Dienst bewährt, verherrlicht ihr Gott dafür, dass sich euer Bekenntnis nach dem Evangelium Christi und nach der Lauterkeit der Gemeinschaft mit ihnen und allen richtet. Und auch sie zeigen, indem sie für euch beten, Sehnsucht nach euch, wegen der überschwänglichen Gnade, die Gott euch gegeben hat. Dank sei Gott für sein unbeschreibliches Geschenk!" (9,8.11-15).

Was Paulus hier beschreibt, ist weit mehr als ein Akt der Solidarität zwischen zwei Gemeinden, und zwar deshalb, weil von Anfang bis Ende auch Gott daran beteiligt ist, ja genaugenommen Gott die eigentliche Ursache und das eigentliche Ziel des Geschehens ist. Er ist es, dem die korinthische Gemeinde ihren Wohlstand verdankt, und Gott hat ihn gewährt, dass sie die Jerusalemer Christen daran teilhaben lässt, was aber nicht nur diesen, sondern wiederum auch Gott selbst zu Gute kommt, da der tatkräftige Einsatz der Korinther ebenso seinem Ruhm dient wie der stürmische Dank aus Jerusalem und aus dem Munde des Paulus. So können wir hier Gott gleichsam in der Rolle eines intelligenten Kapitalisten beobachten, der die Gesetze der Wertschöpfung souverän beherrscht: Er investiert, es wird gearbeitet, und der Investor empfängt das Investierte in vielfachem Wert zurück.

Kann man sagen, dass sich Paulus mit einer solchen Geldfluss-Theologie von Jesu Kritik am ungerechten Mammon verabschiedet hat? Ich denke, nein. Denn auch wenn er gewiss nicht im Mindesten daran denkt, materiellen Besitz als ungerecht oder auch nur bedenklich zu brandmarken, so ist für ihn, anders als für den Kapitalisten, das Geld weder das Investitionsgut noch das, was am Ende als Gewinn herausspringt. Es ist vielmehr nur ein nützliches Mittel, um zu erreichen, worauf es eigentlich ankommt, dass Menschen Anlass haben, Gott zu rühmen. Aber solches bleibt es immer nur Nebensache. Denn hier wird Gott gedient, nicht dem Mammon.

Literatur

Christfried Böttrich: Ideal oder Zeichen? Besitzverzicht bei Lukas am Beispiel der "Ausrüstungsregel", in: New Testament Studies, Jg. 49, 2003, S. 372-392.

Eckart Reinmuth: Der beschuldigte Verwalter - Lk 16,1-8, in: Kompendium der Gleichnisse Jesu, hrsg. v. Ruben Zimmermann, Gütersloh 2007, S. 634-647.

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Friedrich Avemarie

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