Schöpfung aus dem Nichts

Geld kommt als Kredit zur Welt und benötigt den Glauben an die Zukunft
Ge… Narr als Bildmotive: Notgeld der Braunschweigischen Staatsbank, Mai 1921. Die Werte, die das Geld decken, gibt es noch nicht, sondern sie werden erst für die Zukunft erwartet. Foto: akg-images
Ge… Narr als Bildmotive: Notgeld der Braunschweigischen Staatsbank, Mai 1921. Die Werte, die das Geld decken, gibt es noch nicht, sondern sie werden erst für die Zukunft erwartet. Foto: akg-images
Neues Geld entsteht nicht nur in den Druckmaschinen, die Banknoten herstellen, also unter der Regie des Staates, sondern vor allem in den privaten Geschäftsbanken. Wie das geschieht, wie es dazu gekommen ist und welche Risiken das birgt, beschreibt der Theologe und Journalist Christoph Fleischmann.

Wie kam das Geld in die Welt? Durch den Opferkult, durch den Tauschhandel oder entstand es aus der Belastung von Eigentum? Die Anfänge des Geldes liegen im Dunkeln. Die Frage nach dem Ursprung reizt Ökonomen wohl deswegen, weil der Ursprung einer Sache etwas von ihrem Wesen zu enthüllen scheint. Es ist aber doch wohl eher so, dass Dinge eine je nach Zeit und Ort unterschiedliche Funktion haben - und das umso mehr bei einer "Sache" wie dem Geld: Denn Geld ist ja kein Gegenstand, den man vor sich hinstellen kann. Auch wenn man die Münzen und Scheine auf dem Tisch stapeln kann (wenn man sie hat), so ist Geld doch vor allem ein Verhältnis, wie Menschen miteinander ihr wirtschaftliches Verhalten organisieren. Von daher ist es naheliegend, dass das Geld in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Funktionen hat. Und doch kann man aufgrund von ähnlichen Gelderfahrungen über die Jahrtausende auch fragen, ob dem Geld nicht eine Dynamik oder Tendenz zu eigen ist, die sich in unterschiedlichen Kontexten Bahn bricht.

Schon einer der ersten Analytiker des Geldes, der griechische Philosoph Aristoteles', hat Kategorien geschaffen, die immer noch viel Erklärungspotenzial haben. Auf europäischem Boden begannen die ersten Metall-Münzen wohl in der Mitte des siebten Jahrhunderts vor Christus zu klimpern, zur Zeit des Aristoteles im vierten Jahrhundert war das Bezahlen mit Geld in den griechischen Stadtstaaten also schon Alltag. Aristoteles unterschied die Haushaltskunst von der Geldwirtschaft. Die erste Weise zu wirtschaften, betrachte die Dinge nach dem Gebrauch, den man von den Dingen machen könne: Ein Schuh sei zum Anziehen da. Die zweite Art mit den Dingen zu handeln, ziele auf den in Geld darstellbaren Wert; also den Schuh als Tauschobjekt. Die Hauswirtschaft zeichne sich durch natürliche Grenzen aus: Man erwerbe nur so viele Dinge, wie man sinnvollerweise gebrauchen kann. Die Gelderwerbskunst aber habe "kein Ende und keine Schranke", denn Geldwerte könne man beliebig viele sammeln - in der Illusion, sich damit das "gute Leben" sichern zu können.

Das gute Leben oder der wahre Reichtum aber bestehe darin, soviel zu haben, wie man gebrauchen kann, und nicht im Überfluss zu besitzen. Und vor allem sei es eine Verkehrung des guten Lebens, wenn man die Dinge um ihres Tauschwertes willen erwerbe und nicht wegen ihres spezifischen Gebrauches: "Denn die Mannhaftigkeit zum Beispiel soll nicht Schätze häufen, sondern Mut verleihen, und ebenso wenig soll das die Feldherrnkunst und die Heilkunst, sondern die eine soll den Sieg, die andere die Gesundheit bringen. Jene Menschen aber machen aus allen diesen Dingen einen Gelderwerb, als wäre das das Ziel, worauf alles bezogen werden müsste."

Hoffnung auf Vermehrung

Es ist nicht schwer in Karl Marx' Analyse vom Tausch- und Gebrauchswert der Güter eine Fortschreibung dieser Gedanken zu sehen. Im Kapitalismus sei das gesellschaftliche Verhältnis des Tauschwertes verdeckt, der Tauschwert erscheine dafür als eine Eigenschaft, die den Waren von Natur aus zukommt. Und dass die Dinge um ihres Tauschwertes willen begehrt werden, was Aristoteles bei "jenen Menschen", also einer Gruppe von Menschen, beobachtete, war zu Marx' Zeiten zu einem allgemeinen Phänomen geworden, dem sich kaum jemand entziehen konnte.

Diese Veränderung hängt mit der veränderten Bedeutung des Geldes zusammen. Für Aristoteles lag der spezifische Gebrauch des Geldes darin, Tauschgeschäfte zu erleichtern. Also ein allgemeines Maß zu haben, das den Wert aller Güter bemessen kann, so dass ich nicht mehr denjenigen finden muss, der mein Produkt haben will und zugleich auch das anbietet, das ich gern haben möchte. Marx aber analysiert das Geld nicht mehr als Tauschmittel, Wertmaßstab und Wertaufbewahrungsmittel, wie es manche Ökonomen immer noch tun. Er analysiert vielmehr das Geld in seiner Funktion als "Kapital", also als Geld, das mit der Hoffnung auf Vermehrung investiert wird.

Geld wird Kapital

Dass das Geld zum Kapital wurde, ist wohl die entscheidendste Metamorphose in der langen Geschichte des Geldes - und sie fing lange vor Marx an. Aber es braucht ja oft Zeit, bis die Dinge klar erkannt werden. Im Mittelalter entwickelte sich trotz des offiziellen Zinsverbotes der Kredit, vornehmlich um Kriege und Unternehmungen des Fernhandels zu finanzieren, was mitunter Hand in Hand ging: "Krieg, Handel und Piraterie / Dreieinig sind sie, nicht zu trennen", wusste Mephisto in Goethes Faust. Damit wurde die Wirtschaft, die nach bis dahin vorherrschender Meinung der Bedürfnisbefriedigung der Menschen dienen sollte, unter den Imperativ der ständigen, also grenzenlosen Geldvermehrung gestellt: Kapital wurde investiert mit dem Ziel, mehr zurückzuerhalten als man gegeben hatte. Da das Aufbringen von Kapital die Voraussetzung von solchen Unternehmungen war, musste gehandelt werden, was den größten oder sichersten Wertzuwachs erwarten ließ, was aber nicht immer dasselbe ist, wie das, was der größte Teil der Bevölkerung am dringlichsten braucht. Gerade der Luxuskonsum war ein wichtiger Stimulus für den Handel. Ausgehend von den Fernhändlern, deren Unternehmungen kleine kapitalistische Inseln in einem Meer des Feudalismus waren, wurden immer mehr Bereiche der Gesellschaft von diesen Geldvermehrungsinteressen bestimmt.

Ein entscheidender Schritt bei der Ausbreitung des Kapitalismus war die Dematerialisierung des Geldes, also die Lösung des Geldes vom Metall. Vor der Einführung des Papiergeldes war die Geldmenge durch die Fördermenge der für die Münzen benötigten Metalle beschränkt. Vorformen des Papiergeldes waren die ”Goldsmith Notes", die Londoner Goldschmiede im 17. Jahrhundert für das Gold ausgaben, das man bei ihnen deponierte, wobei die Goldschmiede schnell mehr Zettel ausgaben, als durch Einlagen gedeckt waren, da ja niemals alle Kunden zugleich ihre Einlagen zurückforderten. Das nominell erste Papiergeld gab die 1656 gegründete Schwedische Reichsbank aus, später die Bank of England (1694). Beide konnten über den Wert ihrer Metallreserven hinaus Darlehen gewähren.

Womit aber war und ist das Geld dann gedeckt, wenn nicht durch das Gold? Hat es seinen Wert - wie immer wieder behauptet wird - nur durch den Glauben der Menschen, die mit ihm zahlen, also aus einer allgemeinen Konvention, um nicht zu sagen: aus einem kollektiven Wahn? Oder ist es der Glaube an den mächtigen Emittenten des Geldes, also den Staat, der im Ernstfall die vielen Papierzettel (und später auch die Zahlenkolonnen auf Bildschirmen) wieder in Gebrauchswerte tauschen könne? Beides wäre ein sehr leichtfertiger Glaube. Diese Erklärungen verkennen zudem die im Kapitalismus dominante Funktion des Geldes als Investitionskapital. Die Werte, die das Geld decken, gibt es noch nicht - sie werden aber für die Zukunft erwartet!

Der Gläubiger muss glauben

Das Geld kommt heute als Kredit zur Welt. Die privaten Banken schöpfen Geld fast aus dem Nichts, das heißt, durch die Gewährung eines Kredites entsteht zu hundert Prozent neues Geld, da kein Guthaben auf einem anderen Konto dadurch reduziert wird, der Kredit wird also nicht - wie es eine populäre Darstellung will - von A nach B geschoben, also von den Einlagen fleißiger Sparer zum Kreditnehmer. In der Summe vergrößert sich mit einer Kreditgewährung die Geldmenge. Die Fähigkeit der Banken zur Geldschöpfung resultiert daraus, dass sie nur relativ wenig Geld als Barkasse halten müssen, um Auszahlungen vornehmen zu können. Wenn eine Bank nun einen Kredit ausgibt, wird sie zum Gläubiger - hier steckt der Glaube im Geldsystem, man muss sich nur an das Naheliegende, die Sprache, halten! Die Bank glaubt, dass der Kreditnehmer den Kredit in einer festgelegten Zukunft mit Zinsen zurückzahlen kann. Das kann er als Einzelperson, wenn er Geld verdient, oder als Unternehmen, wenn es Gewinn erwirtschaftet. Beides funktioniert dann, wenn es Unternehmen gibt, die neue Produkte schaffen, die man gegen Geld verkaufen kann und die auf diesem Wege natürlich auch Löhne an ihre Arbeiter und Angestellten zahlen.

Damit wird ein zweiter wesentlicher Schritt zur Verbreitung des Kapitalismus sichtbar: Die Lohnarbeit. Je mehr diese zum dominanten Erwerbsmodell wurde, desto umfassender wurde die Macht des Geldes in der Gesellschaft, weil die Menschen schließlich nur noch über Geld ihren Lebensunterhalt sichern konnten. Für die Unternehmer war es außerdem möglich, mit der Lohnarbeit eine Ware zu kaufen, die mehr einbrachte als sie kostete. Man kann das in der Sprache der Betriebswirtschaft beschreiben: Ein Unternehmen stellt einen Mitarbeiter nur dann ein, wenn dessen Arbeit mehr einbringt als der gezahlte Lohn. Man kann es aber auch in der Sprache von Karl Marx als Abschöpfen des Mehrwertes der Arbeit durch den Unternehmer bezeichnen. Dazu kommt die permanente Verwertung der Natur in Waren, also Tauschwerte. Das heißt, es wäre zu naiv, den Wert des Geldes aus dem Glauben der Marktteilnehmer zu erklären. Irgendwann müssen materielle Werte herangeschafft werden. Bei den fantastischen Zahlen auf den Finanzmärkten geht es also nicht um ein harmloses Spiel, bei dem sich einige vielleicht verzocken können. Es geht bei vielen Finanztransaktionen auch um die Arbeitsbedingungen in Unternehmen und den Verbrauch natürlicher Ressourcen. Der ausgegebene Kredit stellt die Zukunft unter die Forderung, der Geldvermehrung zu dienen.

Ansatz zur Reform

In einem gewissen Rahmen ist es unproblematisch, wenn die Geldmenge dem Wert der Warenmenge vorauseilt, weil eben erst ein Kredit aufgenommen wird und danach Güter entstehen, mit deren Erlös dieser Kredit abbezahlt werden muss. Wenn aber die Geldmenge wie in den letzten Jahrzehnten deutlich schneller wächst als die Wirtschaftsleistung, dann ist das ein besorgniserregendes Phänomen. Denn irgendwann verlieren die Gläubiger ihren Glauben an die Rückzahlungsfähigkeit der Kreditnehmer. Es kommt zum Abschreiben der Kredite, zum Platzen einer Blase oder zur Inflation, der Entwertung des Geldes - weil die vielen Güter und Dienstleistungen, die die ausgegebenen Kredite versprachen, nicht beigebracht werden können. Solange die EU-Staaten und die EZB das Problem der andauernden Finanzkrise nach wie vor mit dem Bereitstellen neuer Bürgschaften und Kredite behandeln, wird das Auseinanderdriften von Geldmenge und Gütermenge tendenziell weiter verschärft; die Hypotheken auf die Zukunft werden größer.

Doch es gibt auch einen Reformansatz. In einigen europäischen Ländern bilden sich Initiativen für eine Vollgeldreform, ein Modell, das der Soziologe Joseph Huber aus Halle an der Saale ausgearbeitet hat: Ziel ist es, dass nur die Zentralbank neues Geld schöpfen kann und damit die Kontrolle über die Geldmenge erhält. Dafür sollen die Bestände auf den Girokonten zu Zentralbankgeld erklärt werden. Dies Geld wäre dann "Vollgeld" in dem Sinne, dass es zum vollgültigen gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt würde. Heute ist es nur eine Forderung auf ein gesetzliches Zahlungsmittel.

Außerdem sollen die Girokonten aus den Bilanzen der Banken ausgegliedert werden. Das heißt, die privaten Geschäftsbanken müssten, bevor sie einen Kredit vergeben, entweder Geld von den Kunden, den anderen Banken oder der Zentralbank leihen. Nur im letzten Fall würde sich die Geldmenge vermehren, in den anderen Fällen würde das passieren, von dem viele glauben, dass es heute schon bei einer Kreditgewährung geschieht: Vorhandenes Geld würde lediglich von A nach B geschoben. Die Vertreter solch einer "monetären Modernisierung" versprechen sich davon, dass die Geldmenge auf ein wirtschaftsdienliches Maß beschränkt werden kann.

Die Tendenz zur Maßlosigkeit, die schon Aristoteles diagnostizierte, ist dem Geld vielleicht schon deswegen eigen, weil man Geld in Zahlen ausdrücken kann, die beliebig vermehrbar sind. Eine Gefahr, die sich in verschiedenen Gesellschaften zeigt. Dass alle Waren unter die Dominanz des Tauschwertes geraten, weil das Geld das "Mittel schlechthin" ist, mit dem man alles, auch das noch gar nicht Vorhandene erwerben kann, ist ein Signum der kapitalistischen Gesellschaften. Ob es gelingt, das Geld zu depotenzieren oder wenigstens stärker einzuhegen, davon wird das Wohl und Wehe der weiteren Geldgeschichte abhängen.

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Christoph Fleischmann

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