Verkannt, verfemt, geehrt

Erst 66 Jahre nach seiner Ermordung wurde für Georg Elser ein Denkmal enthüllt
Das Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser an der Ecke Wilhelmstraße/An der Kolonnade in Berlin. Foto: dpa/Soeren Stache
Das Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser an der Ecke Wilhelmstraße/An der Kolonnade in Berlin. Foto: dpa/Soeren Stache
Der schwäbische Schreiner Georg Elser verübte am 8. November 1939 ein Bombenattentat auf Adolf Hitler - das scheiterte. Jahrzehntelang wurde er verdächtigt, der SS angehört zu haben, auch von Martin Niemöller, einem führenden Mann der Bekennenden Kirche. Markus Springer, Redakteur des bayerischen Sonntagsblatt, erinnert an den Widerstandskämpfer.

Vor den DDR-Plattenbauten in der Berliner Wilhelmstraße, wo von 1871 bis 1945 das Machtzentrum Deutschlands lag, ragt die Profillinie eines Männerkopfs in den Himmel. Wer sich ihm nähert, kann lesen, um wen es sich handelt. Die Skulptur des Berliner Künstlers Ulrich Klages ist dem Hitler-Attentäter Georg Elser (1903-1945) gewidmet. Initiiert hat das Denkmal, das am 8. November enthüllt wurde, der Schriftsteller Rolf Hochhuth.

Anders als mit den Männern des 20. Juli 1944 taten sich die Deutschen nach der Befreiung vom Nazismus mit Georg Elser schwer. Denn sein Widerstand schien in kein Schema zu passen. Der Standort seines Denkmals, in der Nähe des "Führerbunkers", ist nicht zufällig gewählt. Hitler verhörte nach dem gescheiterten Attentat im Münchner Bürgerbräukeller persönlich jenen merkwürdigen schwäbischen Schreiner, der ihn mit einer perfekt konstruierten "Höllenmaschine" beinahe getötet hätte. Und man kann noch einen weiteren Ortsbezug herstellen. Ausgerechnet Martin Niemöller (1892-1984) trug mit dazu bei, das Bild Georg Elsers für lange Zeit zu verzerren. Dabei war der Pfarrer, unweit des Denkmalsstandortes, in der Reichskanzlei Hitler entgegengetreten und hatte ihm ins Gesicht gesagt, "dass weder Sie noch sonst eine Macht in der Welt in der Lage ist, uns als Christen die uns von Gott auferlegte Verantwortung für unser Volk abzunehmen". Dies und seine spätere Verhaftung als "persönlicher Gefangener" des Diktators machten Niemöller zu einem Vorbild des Widerstandes deutscher Protestanten gegen den Nazismus.

Wäre die Bombe im Münchner Bürgerbräukeller, an der Elser ein Jahr lang getüftelt hatte, am 8. November 1939 nur eine knappe Viertelstunde früher explodiert, wären Hitler und die Führungskader der Nazis tot gewesen und Niemöller freigekommen. Und Elser hätte sein Ziel erreicht, "größeres Blutvergießen", den Weltkrieg zu verhindern. Der wackere Schwabe hätte der Geschichte eine andere Richtung gegeben und vielleicht Millionen Menschen das Leben gerettet.

Georg Elser entzieht sich einfachen Einordnungen. Als "lediges Kind", wie man im Schwäbischen sagt, wird er am 4. Januar 1903 im ostwürttembergischen Hermaringen, unweit der bayerischen Grenze, geboren. Seine Mutter Maria Müller ist, wie Elser der Gestapo später sagen wird, eine "streng religiöse" Protestantin, und lässt ihren Sohn taufen. Und ein Jahr nach Georgs Geburt heiratet sie den Kindsvater, einen Holzhändler und Landwirt aus dem nahe gelegenen Königsbronn.

Er will den Krieg verhindern

Georg Elser ist ein geschickter Handwerker und leidenschaftlicher Zitherspieler. Er ist Mitglied im Trachtenverein, kurze Zeit im kommunistischen "Roten Frontkämpferbund", und bis zu ihrem Verbot durch die Nazis bei den Naturfreunden, einem Wanderverein der Arbeiterbewegung, und in der Gewerkschaft. An seinem Arbeitsplatz, in einer Heidenheimer Armaturenfabrik, entdeckt er 1938, dass die Firma an geheimen Rüstungsprojekten arbeitet. Und spätestens seit der "Sudetenkrise" steht für Elser fest: Hitler will den Krieg. Um diesen zu verhindern, plant er ein Attentat bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung der Nazipartei, die im Münchner Bürgerbräukeller zur Erinnerung an den Hitler-Putsch vom 8. November 1923 stattfindet.

In der Armaturenfabrik entwendet Elser Pulver und Zünder: Doch weil ihm klar ist, dass ein Bombenattentat ohne Kenntnisse im Umgang mit Sprengstoff kaum Erfolg haben wird, heuert er im April 1939 als Hilfsarbeiter in einem Königsbronner Steinbruch an. Dort will sich der Schreiner mit Sprengtechniken vertraut machen. Er entwendet Sprengpatronen und Sprengkapseln.

Im Sommer 1939 zieht Elser nach München, wo er immer wieder seine Unterkunft wechselt. In unterschiedlichen Werkstätten lässt er Teile seiner Bombe fertigen. Es handle sich um eine "Erfindung", gibt er an, die noch geheim bleiben müsse.

Immer wieder besucht Elser in den Tagen und Wochen vor dem Anschlag Münchner Kirchen, um zu beten. Er habe sich danach dann ruhiger gefühlt, gibt Elser später der Gestapo zu Protokoll. Hatte sich in München sein evangelischer Kindheitsglaube zurückgemeldet? Bei seinem Attentat nahm er schließlich den Tod Unschuldiger in Kauf. Versucht Elser daher sein Gewissen vor Gott zu schärfen? "Ich wollte durch meine Tat noch größeres Blutvergießen verhindern", wird er den Gestapo-Vernehmern sagen. Am 8. November, rund eine Stunde vor der Explosion im Bürgerbräukeller, war Elser in Konstanz an der Grenze zur Schweiz festgenommen worden, weil er Zollbeamten verdächtig erschien.

Von Anfang an passte Georg Elsers Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime in kein Schema. Auch der Diktator wollte bis zuletzt nicht glauben, dass Elser ein Einzeltäter war. Denn just am Tag nach dem Attentat hatte ein SS-Kommando im niederländischen Grenzort Venlo zwei britische Geheimagenten verschleppt und einen Mann erschossen, den man später als niederländischen Geheimdienstoffizier identifizierte. Die Agenten hatten die SS-Leute für deutsche Widerständler gehalten und waren in eine Falle der Gestapo getappt. Die NS-Führung wertete die Beteiligung der Niederländer als Unterstützung Großbritanniens und Bruch der holländischen Neutralität und nahmen den "Venlo-Zwischenfall" im Mai 1940 als willkommenen Vorwand für den Überfall auf die Niederlande.

Auch die Briten konnten und wollten beim Elser-Attentat des Vortags nicht an einen Zufall zu glauben. Sie hielten die Explosion im Bürgerbräukeller für eine von den Nazis fingierte Sache, weil Hitler auf so wundersame Weise verschont geblieben war. Propagandaminister Joseph Goebbels wiederum notierte nach dem Anschlag ergriffen in seinem Tagebuch: "Er steht doch unter dem Schutz des Allmächtigen." Im ganzen Reich riefen die Kirchenglocken zu Dankgottesdiensten. Und der Nuntius in Berlin, Cesare Orsenigo, überbrachte sogar persönliche Glückwünsche von Papst Pius xii.

Bei vielen Deutschen regten sich indessen Zweifel. Elsers Bombe hatte acht Menschen getötet und 63 verletzt, sechzehn davon schwer. Dass aber ausgerechnet Hitler und einige NS-Größen davonkamen, nährte den Verdacht, dass die Nazis selber - wie schon beim Reichstagsbrand vermutet - hinter der Sache steckten, um den Volkszorn auf den Kriegsgegner England zu lenken und den Wehrwillen anzustacheln.

Hitler mischte sich ein

Der Gestapo gestand Georg Elser selbst kleinste Details. Doch Hitler war mit den Vernehmungsergebnissen unzufrieden und mischte sich höchstpersönlich in die Ermittlungen ein. Er ließ sich Elser wie auch dessen frühere Geliebte vorführen und verhörte sie stundenlang. Hintermänner konnten beide nicht nennen. Heinrich Himmler beteiligte sich persönlich an Elsers Folterung. Aber es ließ sich aus ihm nichts mehr herausprügeln als die Einzeltätergeschichte.

1958 entdeckte der Münchner Historiker Lothar Gruchmann die umfangreichen Vernehmungsprotokolle der Gestapo, zwölf Jahre später wurden sie veröffentlicht. Aber erst 1999 löste die Elser-Biografie Den Hitler jag‘ ich in die Luft des Reutlinger Historikers Hellmut G. Haasis eine breitere Wahrnehmung des Hitler-Attentäters aus und eine Wende im öffentlichen Gedenken. Heute tragen in Deutschland rund vierzig Straßen und Plätze und mindestens drei Schulen Elsers Namen.

Elser, Hitler, Venlo und Niemöller - alle Fäden laufen im KZ Dachau zusammen. 1945 ließ Himmler alle prominenten Häftlinge zusammenführen, um sie bei Verhandlungen mit den Alliierten als Geiseln einsetzen zu können. In Dachau wie zuvor schon im KZ Sachsenhausen war Elser als "Sonderhäftling" gemeinsam mit dem in Venlo gekidnappten britischen Agenten Sigismund Payne Best inhaftiert. Und mit Hitlers "persönlichem Gefangenen" Martin Niemöller.

Als Ende April 1945 die Amerikaner nahten, wurden Best und Niemöller mit 137 weiteren "Sonder- und Sippenhäftlingen" aus siebzehn Nationen in Südtirol, am Pragser Wildsee, befreit. Captain Best, dem Sprecher der Häftlinge, fiel zufällig die Aktentasche des SS-Obersturmführers Edgar Stiller in die Hand, der die Häftlinge begleitet hatte. Darin fand sich ein "Schnellbrief" vom 5. April, in dem der Berliner Gestapo-Chef Heinrich Müller nicht nur die Überstellung Bests und anderer in das KZ Dachau befahl, sondern auch, dass der besondere Schutzhäftling "Eller" (Gestapo-Deckname für Georg Elser) beim nächsten Fliegerangriff auf München unauffällig zu liquidieren sei. Der Brief war am 9. April 1945 in Dachau eingetroffen, und SS-Oberscharführer Theodor Bongartz führte den Mordbefehl umgehend aus. So starb Georg Elser am selben Tag, wie - im KZ Flossenbürg - der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer.

Nur Lagerklatsch

In einer Rede vor Göttinger Studenten erklärte Pfarrer Niemöller nur wenige Monate später am 17. Januar 1946: "In Sachsenhausen und Dachau habe ich in demselben Zellenbau zusammengesessen mit dem Mann, der 1939 das Attentat im Bürgerbräukeller auf Hitlers persönlichen Befehl durchzuführen hatte: dem SS-Unterscharführer Georg Elser. Mit diesem Mann sollte ein zweiter Reichstagsbrandprozess vorgeführt werden."

Was Niemöller über Elser sagte, gelangte am 6. Februar 1946 in eine Nürnberger Zeitung. Und Elsers Mutter, die zu diesem Zeitpunkt noch auf die Heimkehr ihres Sohns hoffte, bekam den Artikel in die Hände. So begann ein bewegender Briefwechsel zwischen ihr und dem prominenten Protestanten. Am 13. Februar fragte Marie Elser vorsichtig nach, ob Niemöller etwas über den Verbleib ihres Sohns wisse. Als der nicht reagierte, Niemöller war auf einer Reise in der Schweiz, versuchte die Mutter es am 23. Februar erneut, und dieses Mal deutlicher: "Muß aber von vornherein berichten, daß das, was am 6. Febr. in der Nürnberger Zeitung gekomen ist nicht ganz den Tatsachen entspricht. Mein Sohn war bis zu seiner Festnahme Nov. 39 nicht bei der S.S. noch viel weniger bei der S.S. Scharführer davon weiss ich nichts eine Mutter muss es doch besser wissen als ein Außenstehender. Das ganze Dorf war empört über diesen Bericht. (...) Vielleicht sind Sie einem Irrtum verfallen. Das einzige, was mich intresiert wird nie berichtet, ob er noch lebt oder nicht."

Nach Hause zurückgekehrt, antwortete Niemöller am 23. März und bestätigte, dass er Elser in Dachau getroffen und später den Tötungsbefehl mit eigenen Augen gesehen hat: "Er ist auch tatsächlich (...) an einem Abend abgeführt worden und nicht wieder zurückgekommen, während seine ganzen Sachen, Kunsttischlereiwerkstatt usw. zurückblieben. Sie werden also fest damit rechnen können, dass Ihr Sohn nicht mehr unter den Lebenden weilt."

Für eine Mitgliedschaft Georg Elsers in der SS kann Niemöller nur den Lagerklatsch anführen: "Dass Ihr Sohn zur SS gehört habe, ist mir schon in Oranienburg 1940 wie auch später in Dachau von SS-Angehörigen mitgeteilt worden. (...) Ich selber kann hier nur Erfahrenes berichten." Am 20. April schreibt Marie Elser einen letzten Brief an Niemöller. Erneut drückt sie ihre Verzweiflung aus über die falschen Anschuldigungen gegen ihren Sohn, die "alle Zeitungen u der Rundfunk in alle Welt hinaus posaunen." Und sie schließt: "Es gibt Leute die sich wichtig machen u von der Sache doch nichts wissen. Vielleicht sikert die Wahrheit noch durch."

Doch das sollte noch über zwanzig Jahre dauern: Erst mit der Veröffentlichung der Gestapo-Protokolle durch Lothar Gruchmann schlug die Elser-Forschung eine neue Richtung ein. Und Martin Niemöller schwächte seine Aussagen immer mehr ab. Marie Elser starb 1960. So konnte sie die Rehabilitierung ihres Sohns nicht mehr erleben. Über das Urteil des angesehenen englischen Historikers Ian Kershaw hätte sie sich sicher gefreut: "Während Generäle und führende Beamte darüber nachdachten, ob sie handeln durften und konnten, es ihnen jedoch an Willen und Entschlossenheit fehlte, handelte ein Mann ohne Zugang zu den Korridoren der Macht, ohne politische Verbindungen, ohne eine strikte Ideologie: ein schwäbischer Schreiner namens Georg Elser."

Markus Springer

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