Wie Schrumpfgeld wächst

Regionalwährungen können Wunder wirken, gerade auch in Krisenzeiten
Markus Schinko mit Sterntaler-Scheinen im Geschäft seines Vaters in Bad Reichenhall. Foto: dpa/Heiko Berner
Markus Schinko mit Sterntaler-Scheinen im Geschäft seines Vaters in Bad Reichenhall. Foto: dpa/Heiko Berner
Parallelwährungen liegen im Trend. Sowohl im krisengeschüttelten Griechenland als auch im Berchtesgadener Land stützen regionale Währungen die lokale Wirtschaft. Die Journalistin Annette Jensen beschreibt, warum Sterntaler, Chiemgauer und Ovolus mehr sind als folkloristische Zahlungsmittel.

Einige Bürger in der griechischen Stadt Patras hatten die Nase voll von der Wirtschaftskrise in ihrem Land. Deshalb ersannen sie vor zwei Jahren die Tauschwährung Ovolus. Jeder vor Ort, der mitmachen will, bekommt auf einem Internetkonto zunächst 100 Ovolos gutgeschrieben. Mit denen kann er bei anderen Beteiligten Waren oder Dienstleistungen einkaufen, auf deren Konto dann ein entsprechender Betrag gutgeschrieben wird. Weil die das virtuelle Lokalgeld nicht anders los werden, suchen sie nun ihrerseits Lieferanten vor Ort. Schon 2300 Menschen und Ladenbesitzer beteiligen sich.

Auf diese Weise entsteht in Patras ein Wirtschaftskreislauf, dessen Anbieter nicht gegen Weltkonzerne konkurrieren müssen, weil der Ovolus ja ausschließlich in der westgriechischen Hafenstadt einen Wert besitzt. Da außerdem keine Bank Ovolos-Darlehen vergeben und schon gar keine Rückzahlung damit akzeptieren würde, ist die Parallelwährung auch von den ständig wachsenden Schuldenbergen Griechenlands völlig abgekoppelt - und den Sparanordnungen durch EU, IWF und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Natürlich gibt es in Patras auch weiterhin alles für Euro zu kaufen. Doch viele Griechen haben kaum noch welche im Portemonnaie, weil die Wirtschaftskraft des südeuropäischen Landes durch die harten Auflagen aus dem Ausland um 5 Prozent geschrumpft ist und die Arbeitslosigkeit rasant steigt. "Soziale Währung" nennt Ovolus-Vereinssprecher Spyridon Goudevenos das Lokalgeld deshalb.

Der Versuch der Krisenbewältigung in Patras hat erfolgreiche Vorbilder. Im österreichischen Städtchen Wörgl gab es bereits Anfang der Dreißigerjahre eine regionale Währung, und auch die damaligen Rahmenbedingungen wiesen erstaunliche Parallelen zur heutigen Lage auf. Nach dem Börsencrash in den USA war die Finanz- und Wirtschaftskrise schnell auf Europa übergeschwappt; in Wörgl ging die Zellulosefabrik mit vierhundert Arbeitsplätzen pleite und die Brauerei stand ebenfalls kurz vor dem Zusammenbruch. Die Zentralregierung in Wien versuchte, der Lage durch einen strikten Sparkurs, Personalabbau und Lohnsenkungen Herr zu werden. Dagegen plädierte Wörgls sozialdemokratischer Bürgermeister Michael Unterguggenberger für das genaue Gegenteil: Die öffentliche Hand solle mehr Geld ausgeben. Er schlug vor, in seinem Ort eine Komplementärwährung zum Schilling einzuführen - und damit die Leute sie auch tatsächlich ausgäben, sollte sie am Ende jedes Monats ein wenig an Wert verlieren. Die Idee des Schrumpfgelds hatte er aus einem Buch des Finanzreformers Silvio Gesell, der kurz zuvor gestorben war.

Im Juli 1932 begann das Experiment: Die städtischen Angestellten wurden als Erste mit dem neuem Geld entlohnt, und wer im August noch einen Juli-Schein übrig hatte, musste gegen Gebühr einen kleinen Aufwerter dafür kaufen. Zuerst akzeptierten nur wenige Ladenbesitzer die ungewohnten Scheine. Doch neue Wasserleitungen und eine Brücke wurden gebaut, und die Handwerker verdienten wieder. Die Bauern spürten den Nachfrageschub, und nach und nach entschlossen sich auch die meisten zögernden Einzelhändler mitzumachen. Die Geldscheine wanderten nun schnell von Hand zu Hand, und während in den umliegenden Regionen die Arbeitslosigkeit weiter zunahm, sank sie in Wörgl um ein Viertel. Zwar endete das Wunder von Wörgl jäh, weil Österreichs Nationalbank die Lokalwährung per Gerichtsbeschluss verbieten ließ. Doch die positiven Erfahrungen leben in zahlreichen Projekten fort.

Obwohl das deutsche Gesetz eigentlich keine Privatwährungen zulässt, existieren sie hierzulande in 21 Orten oder Regionen; gut drei Dutzend Initiativen arbeiten gegenwärtig an einer Einführung. Die Scheine heißen Chiemgauer, Karlsruher Bürgerblüte oder Dresdner Elbtaler und werden vom Staat geduldet.

In 230 Läden gilt der Sterntaler

Im Berchtesgadener Land kursieren seit 2004 Sterntaler - schön gestaltete Scheine mit Fotos aus der Region. Die treibende Kraft für ihre Einführung war der frühere Banker Franz Galler. Vor allem zwei Überlegungen motivierten ihn: Einerseits beobachtete er mit zunehmender Beunruhigung, dass immer mehr Geld aus der Provinz in die Metropolen fließt - denn dort haben die großen Unternehmen ihren Sitz, die auf Masse setzen und dafür billige Zulieferer aus der ganzen Welt einspannen. Kleinbauern und unternehmergeführte Läden können kaum noch gegen Agrarkonzerne, Discounter und Bäckereiketten konkurrieren. So bluten die Regionen immer weiter aus. "Aber ich will hier bleiben in dieser wunderschönen Gegend und will, dass auch meine Kinder die Chance haben, hier zu bleiben", sagt Galler, der am Fuße der Alpen geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Die zweite Überlegung, die den 52-Jährigen antrieb, war grundsätzlicher. Als er selbst noch in der Bank arbeitete, hatte ihm mal jemand vorgerechnet, dass ein Pfennig, der zu Jesu Geburt auf ein Sparbuch mit fünf Prozent Verzinsung gelegt worden wäre, inzwischen durch den Zinseszinseffekt so viel wert wäre wie über 200 Milliarden Erdkugeln aus purem Gold. Galler mochte das zuerst nicht glauben, rechnete nach, fand keinen Fehler, schob dann aber den Gedanken zur Seite, dass ein System, in dem Zins und Zinseszins durch immerwährendes Wirtschaftswachstum bezahlt werden müssen, längerfristig nicht funktionieren könne. Wie auch sonst hätte er seinen Alltag als Finanzplaner bewältigen sollen? Heute aber ist für ihn klar: "Auf Dauer ist es unmöglich, dass die Wirtschaft Jahr für Jahr um mehrere Prozentpunkte zulegt." Entsprechend versucht er, das parallele Finanzsystem auch in diese Richtung zu konstruieren.

Die Regionalwährung im Berchtesgadener Land ist mit Euro unterlegt und die Umrechnung denkbar einfach: Ein Sterntaler ist so viel wert wie ein Euro. In die Welt gesetzt werden die Gutscheine, indem Vereinsmitglieder ihre orangefarbene Chipkarte in einen Apparat stecken, der ähnlich wie ein Kreditkartengerät aussieht und in dreizehn Läden zu finden ist. Damit überweisen sie Euro von ihrem Girokonto auf ein Sperrkonto der gls-Bank und bekommen anschließend vor Ort eine gleiche Menge Sterntaler ausgezahlt. Damit können sie ihre Rechnungen in inzwischen 230 Läden, bei Handwerkern oder Kneipen bezahlen. Damit möglichst viele Leute Sterntaler in die Welt bringen, gibt es einen Anreiz: Wer die Regionalwährung schöpft, darf ein Sozial- oder Ökoprojekt auswählen, das einen kleinen Anteil der geschöpften Summe als Zuschuss erhält. Weil die Mitgliedschaft im Verein für Verbraucher kostenlos ist, liegt die Hürde mitzumachen sehr niedrig.

Jedes Halbjahr verlieren die Sterntaler zwei Prozent ihres Wertes und müssen dann genau wie seinerzeit in Wörgl durch eine Aufklebemarke aufgewertet werden. Jeder versucht deshalb, die Regionalwährung schnellstmöglich wieder loszuwerden, um keinen Verlust zu erleiden. So werden die inzwischen über 80.000 Sterntaler wesentlich schneller von einem Besitzer zum nächsten gereicht als die Euro-Scheine. Genau das ist erwünscht: Wer Sterntaler ausgibt, lenkt damit auch das Einkaufsverhalten derjenigen, die sie bekommen; das Geschäft macht wieder jemand aus der Region.

Walburga Stadler, die in Piding eine Saft- und Schnapskelterei betreibt, hat monatlich etwa 2000 Sterntaler in der Kasse. Mit einem ihrer wichtigsten Zulieferer hat sie ausgehandelt, dass sie bis zu 30 Prozent mit Sterntalern bezahlen darf. Auch ihren privaten Einkauf bei Edeka bestreitet sie fast vollständig damit. Dagegen muss sie die Flaschen und Gläser für ihren Betrieb überregional beziehen. Deshalb tauscht sie ab und zu Sterntaler in Euro zurück - was mit fünf Prozent Wertverlust einhergeht. Dieser Überschuss fließt größtenteils in die sozialen und ökologischen Projekte, die die "Hersteller" der Sterntaler am Anfang der Kette beim Umtausch ausgewählt haben.

Der Edeka-Laden in Berchtesgaden hat inzwischen viele regionale Produkte ins Sortiment aufgenommen, denn nur so kann er einen Großteil der Sterntaler ohne Verluste loswerden. Die Regionalwährung gar nicht zu akzeptieren wäre für die Geschäftsführerin auch nicht klug gewesen: Viele Kunden hätten dann nämlich anderswo eingekauft.

Genau so hat Christiane Fischer-Urlbauer reagiert. Die begeisterte Anhängerin des Berchtesgadener Regionalgelds leitet ein komfortables Almhotel mit Restaurant, dessen gute Küche auch viele Einheimische anlockt. Mehrfach forderte sie ihren Schlachter auf, ihr Ware gegen Sterntaler zu liefern. Als der sich weigerte, suchte sie sich einen neuen Fleischer, der dazu bereit war. So wird das Netz der Beteiligten immer engmaschiger. Doch der umtriebige Ex-Banker Galler will mehr: Das Zinseszinsproblem und die internationale Finanzkrise 2008 haben seine Überzeugung gestärkt, dass das weltweite Währungssystem über kurz oder lang zusammenbrechen wird. Deshalb sann er darüber nach, wie eine völlig unabhängige Währung aussehen könnte, die nicht mehr mit einer allgemeinen Währung unterlegt wäre, wie der Sterntaler, für den bei der gls-Bank ja eine entsprechende Menge an Euro vorgehalten wird.

So gibt es im Berchtesgadener Land inzwischen zusätzlich eine virtuelle Währung - so wie in Patras. Sie heißt "Talente" und wird von der Genossenschaft "Mitanand" "herausgegeben". Zunächst funktioniert sie wie ein Zeittauschring, bei dem eine Stunde Babysitten durch eine Stunde Waschmaschinenreparatur vergolten werden kann. Mit dem Guthaben ist es allerdings ebenso gut möglich, seine Zeche im Almhotel zu begleichen oder bei einem Biobauern einzukaufen. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel: Sobald ein Genossenschaftsmitglied ein Plus auf seinem Talente-Konto hat, geht ein anderes Konto ins Minus. Etwa hundert Genossen beteiligen sich inzwischen, sechzig davon sind Unternehmen.

Das alternative Wirtschaftssystem im Berchtesgadener Land wächst: Mittelfristig soll "Mitanand" den Mitgliedern auch Energie liefern. Eine erste Photovoltaik-Anlage auf einem Schuldach gibt es schon, und auch die Anschaffung von Gemeinschaftsautos wird diskutiert. Franz Galler träumt sogar davon, dass die Genossenschaft einmal zu einem entscheidenden Teil der Altersvorsorge werden wird: Heute eingebrachte Talente und Arbeitsstunden sollen später in Form von Unterstützungsleistungen genossen werden können. Ein Vorbild dafür existiert in Japan. Wer dort einen alten Menschen im Alltag unterstützt, bekommt ein Zeitguthaben für eine entsprechende Gegenleistung gutgeschrieben, die er später entweder selber nutzen oder verschenken kann. Initiiert wurde das inflationsfreie System Mitte der Neunzigerjahre von der Regierung, um mit dem Problem einer stark überalterten und damit häufig auf Hilfe angewiesenen Bevölkerung umzugehen. Zwar ist "Mitanand" noch zu klein, um entsprechende Sicherheiten zu bieten. Doch Galler meint: "Auf ein solches Vertrauenssystem verlasse ich mich lieber als auf irgendeine anonyme Pfefferminzia-Versicherung."

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Annette Jensen

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