Traumfrisur

Wie es im Himmel sein könnte
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Wir sitzen im Arbeitszimmer, sehen Gabriele Wohmann hin und wieder eine Gauloises anzünden und hören ihre sehr konkreten Vorstellungen vom Himmel.

Welche Frisur werden wir im Himmel tragen? Wachsen die Haare dort noch? Sind sie grau oder in ihrer ursprünglichen Farbe? Wer an die leibliche Auferstehung glaubt, steht vor solchen Fragen.

Die Schriftstellerin Gabriele Wohmann stellt diese und musste erfahren, dass sie von Pfarrern keine Antworten bekommt, die sie überzeugen. "Sie schweigen, weichen aus, sind überfordert, kommen mit irgendwelchen Formeln und abgeklärten Sätzen."

Allerdings gibt es dann doch einen Theologen, mit dem sie über mehrere Monate über den Tod, das Sterben, aber auch viel über das Leben spricht und eine gemeinsame Ebene findet. Vielleicht, weil auch er Schriftsteller ist? Georg Magirius hatte die Möglichkeit, lange mit der Autorin in ihrem Haus zu reden, über mehrere Monate hinweg trafen sie sich immer wieder und daraus entstand Sterben ist Mist, der Tod aber schön. Magirius überlässt, abgesehen von einer Einleitung und einem Nachwort, Wohmann das Feld, gibt wieder, was sie auf seine Fragen rückblickend auf ihr fast 80-jähriges Leben und ausblickend auf das, was noch kommt, zu sagen hat.

Das Editieren gelingt in diesem nicht allzu dicken Buch - wir sitzen im Arbeitszimmer, sehen Gabriele Wohmann hin und wieder eine Gauloises anzünden und hören ihre sehr konkreten Vorstellungen vom Himmel. Keine Reinkarnationslehre, keine Reduktion der Auferstehung auf ein Weiterleben der Seele. "Ich bin für die Auferstehung im Fleisch - ganz konkret", sagt sie. Und glaubt daran, dass schon jetzt ein Kern, eine Winzigkeit in ihr angelegt sei, die auf Vollendung hoffe. Eine "Nuss oder ein flatterndes Häutchen tief in mir". Ein Bild, dass auch in ihrer Erzählung "Schone meine Seele" vorkommt, wie der Leser erfährt. Denn am Ende eines jeden Kapitels findet sich eine Passage aus Wohmanns reichem schriftstellerischen Werk.

Manchmal berührt es fast unangenehm, wie eng Leben und Werk miteinander verbunden zu sein scheinen, wie viel Gabriele Wohmann von sich preisgegeben hat und noch immer preisgibt. Und gleichzeitig ist es angenehm, wie offen sie sich bekennt: zu ihrem leidenschaftlichen Fernsehkonsum, zur Lust am Rauchen, zur Unbescheidenheit und Eitelkeit, die sie früher die Laudationes auf Preisverleihungen hat genießen lassen wie "Regen, der einem guttut", und sie nun darauf hinweisen lassen, dass sie "schon viel zu lange keinen Preis mehr gekriegt" hat.

Da überrascht es wenig, dass Geburtstage, bei denen man im Mittelpunkt steht, für Wohmann etwas mit dem Himmelreich zu tun haben. Und sicher auch das gute Essen in Italien. Die Musik, die von allen Künsten die ist, die "nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint". Das Himmlische ist aber auch das Dämmrige in einem Cafe, "nicht mehr ganz wirklich und altertümlich, die Stühle sind mit Stoff bezogen".

Aus solchen und vielen anderen Bildern wird kein geschlossenes theologisches Konzept. Vielmehr räumt Wohmann ein, dass ihre kindlichen Himmelskonstrukte zusammenbrechen, wenn man sich zu weit auf ihnen vorwagt. Doch das soll man auch nicht, "das Ankommen selbst muss vielleicht auch ein Geheimnis bleiben, eine Leerstelle". Hier geht es um etwas ganz anderes - um die Vorfreude, kurz bevor der Vorhang aufgeht, kurz bevor die erste Zigarette brennt, auf den Genever nach dem Bad in der kalten Nordsee. Und auf die richtige Frisur, die immer gleich bleibt "in irgendeinem Idealzustand gleich bleibt. Das ist das Ende der Vergänglichkeit".

Gabriele Wohmann: Sterben ist Mist, der Tod aber ist schön. Kreuz Verlag, Freiburg 2011,119 Seiten, Euro 14,95.

Stephan Kosch

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