Par ordre du Mufti

Es ist Kultur, also ein Klicks, und also kann das weg
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Alles wird gut, lässt er pressemelden, wenn wir das eine Orchester mit dem anderen zusammenlegen. Was ungefähr das Gleiche wäre als hätte der Mann gesagt: Lasst uns aus Schalke und Dortmund eine Mannschaft machen!

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht Petitionen aufgesetzt, Unterschriftenlisten ausgelegt, Rettungsaktionen ausgerufen werden. Köln zum Beispiel. Hier wollen "Radioretter" das Kulturradio WDR 3 ausgerechnet vor den Radiomachern beim Westdeutschen Rundfunk bewahren. Argument: Von der Sorte Dudelfunk, die künftig das Kulturradio ersetzen soll, also anstaltstechnisch gesprochen vom "durchhörbaren Tagesbegleitmedium", hätten wir schon genug. Mittlerweile sind es 19.000 Hörerinnen und Hörer, die mit ihrer Unterschrift bekunden, dass sie es leid sind, Gebühren für ihre eigene Verdummung zu zahlen. Derweil schaltet die alte und neue Intendantin Monika Piel auf Durchzug. Einmal lässt sie verlauten, 19.000 Unterschriften seien doch nur "Klicks", ein anderes Mal darf ein folgsamer Redakteur des vorauseilenden Gehorsams die "Radioretter" als "Radiorentner" auf die Schippe nehmen.

Genutzt hat es alles nichts. Noch unlängst hat die "Initiative für Kultur im Radio" das komplette Kölner Schauspielhaus gefüllt. Womit denn selbst in den Reihen der Pielschen Kannitverstan-Fraktion klar war, dass besagte "Klicks" erstens wohl doch auf zwei Beinen herumlaufen und zweitens im Kopf respektive im Herzen als (enttäuschte) WDR 3-Hörer anzusehen sind, von denen der Sender eigentlich meint, es seien zu wenige und die wenigen zu alt. Auf einmal saßen sie da und waren ganz munter.

Oder, Beispiel zwei: Baden-Württemberg/Rheinland-Pfalz. Dort sind es die beiden großen Orchester des Südwestrundfunks, denen gegenwärtig ausgerechnet der Intendant des SWR die Instrumente zeigt. Vorgabe par ordre du Mufti: Ein Viertel des Etats bekommt den KW-(künftig wegfallend)Vermerk. Überlegt selber, wie ihr das hinkriegt (was natürlich nicht geht, wenn man Harakiri einmal als ernst zu nehmende Alternative außen vor lässt). Schön deshalb, wenn besagter Intendant in der Rolle des Biedermanns als Brandstifter einen eigenen "Vorschlag" parat hat. Einen, mit dem Peter Boudgoust sich inzwischen republikweit gehörig lächerlich gemacht hat.

Alles wird gut, lässt er pressemelden, wenn wir das eine Orchester (Radio-Sinfonieorchester Stuttgart) mit dem anderen (SWR-Sinfonieorchester in Freiburg) zusammenlegen. Was ungefähr das Gleiche wäre (um ein griffiges Bild aus der Welt des Ruhrgebiets-Fußballs zu nehmen) als hätte der Mann gesagt: Liebe Leute, für zwei Spitzenmannschaften ist hier einfach kein Platz. Lasst uns aus Schalke und Dortmund eine Mannschaft machen! Auf geht's!

Irrsinn? Genau, aber mit Methode, und gang und gäbe in der Kultur-Politik, die heutzutage unwidersprochen von Nicht-Fachleuten, von kunstfernen Verwaltungsjuristen dominiert wird. Wobei das Zusammenlegen, das füsilierende Fusionieren dabei gern und gut mit dem Auftrennen, Zerschneiden, Durchhacken parallel geht. Da arbeiten sie Hand in Hand, der selige Doktor Wagner, der Homunculus-Macher aus Goethes Faust, und der ehrbare Monsieur le docteur Guillotin. Siehe jene bislang ganz ordentlich funktionierenden Kultur-Partnerschaften, die die Nachfahren des Letzteren ohne mit der Wimper zu zucken auf die Wippe legen.

Aktuell will Remscheid die Bergische-Symphoniker-Orchester-Ehe mit Solingen, Duisburg die Deutsche-Oper am-Rhein-Ehe mit Düsseldorf scheiden lassen. Schrill auch hier das Echo: Petitionen, Unterschriftenlisten, Protestaktionen. Inklusive dieser, dass sich ein Generalmusikdirektor ein Herz fasst, mitten im Kopfsatz der Rheinischen Sinfonie abbricht, für dreißig gefühlte Unendlichkeitssekunden am Pult verharrt, sich umdreht und dem fassungslosen Publikum erklärt: So hört es sich an, wenn ein Orchester nicht spielt! - Die Folge? Fristlose Entlassung? Mitnichten. Stehende Ovationen.

Georg Beck

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