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Wie der Islam entstanden ist - zwischen traditierten Sichtweisen und neuer Forschung
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Was genau in den ersten beiden Jahrhunderten der muslimischen Zeitrechnung geschah, bleibt im Dunkeln, wie der Religionswissenschaftler Michael A. Schmiedel erklärt. Er erläutert, wie der Islam entstanden sein könnte.

Die islamische Zeitrechnung beginnt im Jahre 622 christlicher Zeitrechnung. Die muslimische Tradition sagt, dass in diesem Jahr der Prophet Muhammad mit seinen Gefolgsleuten von Mekka, seiner Heimatstadt, nach Yathrib ausgewandert sei, einer größeren Stadt, etwa vierhundert Kilometer nördlich gelegen. Diese Auswanderung, die Hig?ra (ausgesprochen Hidschra) habe nämlich dazu geführt, dass die Muslime, die in Mekka nur eine oft angefeindete Minderheit gewesen seien, in Yathrib nun eine eigene Gemeinde mit eigener Gesetzgebung und gleichrangig mit anderen Gemeinden in der Stadt bilden konnten. Yathrib wurde von den Muslimen in "Medina" umbenannt, was einfach nur "Stadt" bedeutet und "Stadt des Propheten" meint. So sagen es die muslimische Geschichtsschreibung und auch der Hauptstrom der heutigen Islamwissenschaft.

Neuere Forschungen kriti-- sieren jedoch diese tradierte Sichtweise und formulie-ren die Hypothese, dass diese erst im Laufe der darauf folgenden zwei Jahrhunderte aus dem Interesse einer Identitätsbildung der inzwischen entstandenen islamischen Religion in Abgrenzung vor allem zum Christentum entstanden sei. Die Quellen, auf die sich sowohl die islamische als auch die islamwissenschaftliche Geschichtsschreibung berufen, nämlich der Koran und die Hadithe, also die Erzählungen vom Leben Muhammads, werden von den Vertretern der neuen Hypothese nicht als zuverlässige Geschichtsquellen beziehungsweise als schon in ihrer Endredaktion missinterpretiert dargestellt. 622 habe ein ganz anderes Ereignis dazu geführt, dass die Araber einen neuen Kalender begannen, nämlich ein entscheidender Sieg des Byzantinischen Reiches über die sassanidischen Iraner, die zuvor Arabien besetzt gehalten und die dort praktizierte christliche Religionsausübung behindert hatten. Da die Byzantiner ihrerseits kein Interesse an einer Herrschaft über Arabien gehabt hätten, seien die Araber so unabhängig geworden, was sie dazu bewogen habe, die Zeitrechnung neu beginnen zu lassen. Aus dem syrischen Christentum, das sie zu jener Zeit praktizierten und das sich sowohl vom sassanidischen Nestorianismus als auch von der byzantinischen Orthodoxie unterschieden habe, sei dann in noch nicht geklärtem Ablauf der Islam entstanden.

Ein Autor, der über die Entstehung des Islam schreiben möchte, befindet sich nun in der Zwickmühle, wem er glauben soll. Er könnte sich darauf berufen, dass die meisten Islamwissenschaftler in weiten Teilen mit der islamischen Geschichtsschreibung konform ge-- hen, dass über eine Milliarde Muslime ihre religiöse Identität von ihr ableiten und dass die neuen Hypothesen nur von einer Minderheit von Forschern vertreten werden und es nicht sicher ist, ob sie sich jemals durchsetzen werden. So könnte er die Entstehung des Islam schildern, wie er es selber im Studium gelernt hat.

Oder er könnte sich dazu verpflichtet fühlen, auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein und die herkömmliche Sichtweise als überholten Forschungsstand beurteilen, der nur deshalb noch gelte, weil Menschen eben ungern umdenken. Beides erscheint aber einseitig, so dass es wohl am besten ist, zuerst die herkömmliche und erst dann die neuere Version der Geschichte zu schildern. Ausgehend vor allem von Koran und Hadithen beschreibt die Islamwissenschaft die Situation in Arabien im 6. und 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung folgendermaßen: Die arabische Halbinsel lag an der Peripherie der beiden Großmächte Byzanz und Iran. Die Araber lebten in Stammesverbänden - teils nomadisierend, teils in Städten - und betrieben einen regen Handel mit Karawanen und auch Seeschiffen. Religiös folgten sie den arabischen Traditionen, aber es gab in den Städten auch jüdische und christliche Gruppen. Die Juden waren ihrerseits nach Stämmen organisiert, während es sich bei den Christen eher um neu formierte Gemeinschaften von Individuen handelte. Unter den Gläubigen der traditionellen arabischen Religion gab es eine Bewegung gottsuchender Männer, die Hanifen, die sich in die Einsamkeit zurückzogen, um auf den Bergen und in Höhlen zu beten. Auch christliche Einsiedler waren anzutreffen.

Etwa um 570 wurde in Mekka Muhammad geboren. Mekka war ein Wallfahrtsort. Ein schwarzer Meteorit, die Ka'aba, war den Göttinnen Allat, Al-Uzza und Manat geweiht. Die Mekkaner, die auch Händler waren, verdienten gut an den zahlreichen Pilgern, die die Stadt besuchten. Muhammad erlernte den Kaufmannsberuf, kam auf Handelsreisen bis nach Syrien mit Juden und Christen in Kontakt und verspürte als etwa vierzigjähriger Mann den Drang, Gott zu suchen.

So zog er sich wie die Hanifen und die christlichen Einsiedler in die Berge zurück, betete und hatte eines Nachts eine intensive religiöse Erfahrung: Der Engel Gibril (ausgesprochen Dschibril, die arabische Form von "Gabriel") erschien ihm, zeigte ihm eine Schrift und befahl ihm, diese zu lesen. Die islamische Tradition behauptet an dieser Stelle, dass Muhammad eigentlich gar nicht lesen konnte, hier aber plötzlich doch. Diese Nacht wird von den Muslimen als die Nacht der Herabsendung gefeiert, denn was Gibril Muhammad zu lesen befahl, war nichts anderes als der Koran, genauer: ein Teil davon. Das Wort "Qur'ân" bedeutet wörtlich so viel wie "Lesung" oder "Rezitation". In der Folgezeit hatte Muhammad noch des Öfteren ähnliche Offenbarungserlebnisse und fühlte sich zum "Gesandten Gottes", arabisch: "Rasûl-ul-lâh", berufen. Die ersten Offenbarungen betrafen Visionen vom Jüngsten Tag und dem Endgericht Gottes über die Menschen, aber auch von der Erschaffung der Welt durch Gott, die Aufforderung, sich zu dem einen und einzigen Gott zu bekennen, und sie handelten von der Auferstehung der Gläubigen im Paradies. Bei den Mekkanern stieß Muhammads Botschaft aber auf Ablehnung bis hin zu gewaltsamer Abwehr. Einige der Gefolgsleute, die ihm Glauben schenkten, wanderten unter dem Druck in das christliche Abessinien jenseits des Meeres aus. 622 schließlich kam es zu der oben schon erwähnten Auswanderung Muhammads und seiner Gefolgsleute nach Yathrib.

Geburtsstunde in Medina

Diese Auswanderung und in ihrer Folge die Gründung einer eigenen Gemeinschaft in Medina gilt als die eigentliche Geburtsstunde des "Islam", arabisch für "Hingabe an" oder "Unterwerfung unter Gott", als eigener, von Judentum und Christentum zu unterscheidender Religion. Medina war von verschiedenen, miteinander rivalisierenden Stämmen bewohnt, darunter auch einem jüdischen, und die eigentlich dem Stamm der Qurais? (ausgesprochen Kuraisch) angehörenden mekkanischen Einwanderer bildeten bald eine eigene stammesähnliche Gemeinschaft, die Verträge mit anderen Stämmen schloss oder auch Kriege mit ihnen führte. Einen langen Krieg führten die "Muslime", arabisch für "die sich Gott hingebenden oder unterwerfenden", gegen die Qurais? in Mekka. Er endete 630 mit der Eroberung Mekkas durch die Muslime. Muhammad unterband dort die Wallfahrt zu den traditionellen arabischen Göttinnen und weihte die Ka'aba dem einen und einzigen Gott, an den er glaubte. Er lehrte, dass schon "Ibrahim" (arabische Schreibweise für "Abraham") die Ka'aba Gott geweiht habe, diese dann aber von den Unwissenden, den "Beigesellern", wie er die Polytheisten nannte, entweiht worden sei. Der Islam war in seinen Augen nichts anderes als die eine wahre Religion Gottes, die dieser den Menschen von Adam und Eva an zugedacht hatte. Seine Offenbarungen seien nicht nur eine Fortführung der an die Juden und Christen gegangenen Offenbarungen, wie er es noch in Mekka geglaubt hatte, sondern deren Richtigstellung, wo diese von Juden und Christen verfälscht worden seien. Hatten sich die Muslime anfangs im Gebet in Richtung Jerusalem verneigt, so bestimmte nun Muhammad - oder vielmehr Gott - in einer neuen Offenbarung Mekka zur allein korrekten Gebetsrichtung. Muhammad hatte noch bis an sein Lebensende im Jahre 632 christlicher, 10 islamischer Zeitrechnung, immer wieder Offenbarungserlebnisse. Die in Medina empfangenen Offenbarungen beinhalten gesetzliche Bestimmungen für das Miteinanderleben der Muslime untereinander und mit Andersgläubigen, so erbschafts-, ehe-, sexualitäts-, straf- und kriegsrechtliche Vorschriften, die unter dem Begriff der "Saria" (ausgesprochen Scharia, arabisch für "Weg oder Wegweisung") zusammengefasst werden. Muhammad hinterließ seinen Erben eine religiöse und politische Gemeinschaft, der sich schon einige arabische Stämme angeschlossen hatten, die aber noch keineswegs gefestigt war.

Auch waren die Offenbarungen noch nicht zu einem Buch zusammengefasst. Die Endredaktion des Koran ordnete der dritte "Kalif" (arabisch für "Stellvertreter oder Statthalter im Sinne von Stellvertreter Muhammads in seiner Abwesenheit und dann im Sinn von Nachfolger in der Führung der Gemeinde") Uthman an. Soweit die bis heute gültige Geschichtsschreibung zur Entstehung des Islam.

Muhammad - ein Ehrename Jesu?

Die neueren Forschungen stellen diese Version radikal in Frage. Unter Zuhilfenahme von bisher nicht berücksichtigten griechischen, syro-aramäischen, persischen und arabischen Inschriften, zum Beispiel auf Münzen und Plomben von Postsäcken aus dem 7. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, und von Inschriften im Jerusalemer Felsendom, aber vor allem durch einen intensiven Vergleich zwischen der gängigen arabischen und einer bisher vernachlässigten syro-aramäischen Lesart des Koran kamen Forscher unter anderem zu der oben genannten Neuinterpretation der Bedeutung des Jahres 622 für die Kalenderreform. Vor allem aber fanden sie christliche Inhalte im Koran, die man sogar so weit deuten kann, dass "Muhammad" kein Eigenname eines Propheten sei, sondern ein Ehrenname Jesu mit der Bedeutung "gepriesen" oder "erwählt".

Die frühesten Koranabschriften enthalten nämlich weder diakritische noch Vokalisationszeichen, ohne die die arabischen Buchstaben mehrdeutig sind. Es könnte also sein, dass spätere theologische Redakteure sie falsch interpretiert haben und so aus Versehen eine genuin islamische Lesart entwickelten, sofern nicht auch absichtliche Geschichtsfälschungen aus religionspolitischen Interessen vorkamen. Was genau in den ersten beiden Jahrhunderten der muslimischen Zeitrechnung geschah, bleibt somit im Dunkeln und für Forscher, Denker und Gläubige eine spannende Angelegenheit.

Literatur Rudi Paret: Mohammed und der Koran. Geschichte und Verkündung des arabischen Propheten. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart, Berlin, Köln 2008, 10. Auflage, 182 Seiten, Euro 20,-. Annemarie Schimmel: Die Religion des Islam. Eine Einführung. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2010, 158 Seiten, Euro 4,60. Christoph Burgmer, Christoph Luxenberg, Nasr Hamid Abu Seid, Angelika Neuwirth, Michael Marx, Gerd-R. Puin u. a. (Hg.): Streit um den Koran. Die Luxenberg-Debatte: Standpunkte und Hintergründe. Verlag Hans Schiler, Berlin 2007, 3. Auflage, 218 Seiten, Euro 19,80. Gerd-R. Puin, Karl-Heinz Ohlig (Hg.): Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam. Verlag Hans Schiler, Berlin 2007, 3. Auflage, 400 Seiten, Euro 58,-.

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Michael A. Schmiedel

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