Lumpensammler

Die Welt der Liz Green
Liz Green: O, Devotion. Play It Again Sam/Rough Trade 2012.
Liz Green: O, Devotion. Play It Again Sam/Rough Trade 2012.
Vergesst Lady Gaga, hier kommt Liz Green! Ganz ohne Glamour, Discogeigen, Glitter-BHs und Nylonglänzen. Green glänzt mit dem Gegenteil. Schon wie sie die Gitarre spielt, gemahnt eher an heilsarmeeliches Klampfen denn an Pop. Die Semantik des Extravertierten bedient sie jedenfalls nicht.

Und erst die Stimme: "blaustrümpfig", mag man zunächst finden. Zwar fest, aber zerbrechlich, mit Stich ins Mädchenhafte, mitunter gehaucht, dennoch voll, cool. Distanziert, laid back, durch nichts zu erschüttern, trotzdem lodernde Empathie, bloß für was und wen? Greens Charme ist seltsam, wie die Instrumente ihrer wunderbaren Songs: Tuba, Posaune, Trompete (gedämpft), Tenorsaxophon und Piano, die klingen wie aus einem Kabarett der Weimarer Jahre oder bei Aufnahmen mit Bessie Smith. "O, Devotion" ("O, Hingabe") ist das Albumdebut der 28-jährigen Britin und kommt so intensiv wie dezent daher. Es reicht von groovendem Charleston-Tänzeln im "Midnight Blues", für den die Bläser Kurt Weil auf New Or-leans ziehen, bis zu praller Liedermacherei im "Displacement Song", der Primo Levis Überleben des Holocaust mit Walzer tauft. Kaschemmenjazz, Landstraßenfolk und Couplet-Klavier sind weitere Zutaten, der Blues eine Grundstimmung. Liz Greens Stimme und Klampfen destillieren eine Haltung daraus, die keinen Cent auf Moden, Make-up oder Bankenrettung gibt. Denn diese Frau ist attraktiv. Sie erzählt von Galgen ("Gallows") und Leuten, die keine Beerdigung verpassen ("Hey Joe"), und von der Düsternis der Stille, die wirkt wie große Hunde, die von der Kette sind ("The Quiet"): "How it got down there well, hell, I'll never know. The dogs bark from their corners. And the leash is about to go. At the end it's all I know." Erst lyrisch zart mit einem Picking-Intro, dann als satte Hymne aufrechter Melancholie, doch nie weinerlich. Den Lumpensammler in "Rag & Bone" stellt sie geradezu naturalistisch auf die Revuetreppe: "Mister rag & bone man, come and see us soon ... Yeah! I can roll, roll my own tune. Piss, blood and soul man you'll come and see us soon." Ihre Songs sind von derselben Notwendigkeit wie einst dieser prekäre Berufsstand, der im vorigen Jahrhundert ausstarb: Denn die Papiermühlen brauchten, was die Lumpensammler an altem Stoff zusammenbrachten. Doch waren das Fetzen voller Schmutz und Keime, die zuvor auf Wunden gelegen hatten, bei Frauen zwischen den Beinen oder schon in Ecken vermodert waren, was verschlissen und zerschossen war, marode und nicht mehr zu verwenden. Frühes Recycling, das ohne Gebühren auskam, doch das Leben der Sammler mit Krankheit bedrohte. Diese Sorge ist bei Liz Green zwar unangebracht, dafür jedoch die Vorstellung um so schöner, wie diese Rag & Bone-Frau hilft, aus des Lebens morschen Fetzen allerfeinstes Papier zu machen - auf das sie dann beispielsweise ihre faszinierenden Songs schreiben kann. O, Devotion!

Udo Feist

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