Glaubensmut und Weltgestaltung

Herausforderungen des Reformprozesses "Kirche im Aufbruch"
Zur Erneuerung der Kirche bedarf es des Mutes und der Fröhlichkeit. Foto: Helmut Kremers
Zur Erneuerung der Kirche bedarf es des Mutes und der Fröhlichkeit. Foto: Helmut Kremers
Mit dem Reformpapier "Kirche der Freiheit" von 2006 seien die Zukunftsherausforderungen an die Kirche richtig benannt und ein Prozessinitiiert worden, der schon jetzt Früchte trägt. Dennoch, so Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD und Leiter der Abteilung "Kirchliche Handlungsfelder", brauchen wir in der evangelischen Kirche entschieden mehr Zuversicht angesichts der Erkenntnis, dass der Schlüssel zur Gegenwart im Wandel liegt.

Das Reformpapier "Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert", das im Juli 2006 vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland veröffentlicht wurde, hat seinem Namen alle Ehre gemacht: Als ein Text, der vorhandene Reformüberlegungen in den Landeskirchen einerseits aufgenommen, andererseits fortentwickelt hat, ist er tatsächlich zu einem wichtigen Anstoß für den deutschen Protestantismus geworden. Zusammen mit dem Zukunftskongress in Wittenberg im Januar 2007 und der Zukunftswerkstatt in Kassel 2009 hat das Impulspapier Diskussionen ausgelöst, die im Spektrum zwischen kritischer Abgrenzung und positiver Aufnahme die Diskussionslandschaft in den Landeskirchen, Kirchenkreisen und Gemeinden erheblich geprägt haben.

Und steht einer "Kirche des Wortes" nicht genau dies gut an? Government by discussion, führen durch Themensetzung als Grundform evangelischer Kirchenleitung. Es geht nicht darum, vom grünen Tisch der Zentrale aus den einzelnen Regionen und Kirchengemeinden vorschreiben zu wollen, was zu tun sei oder was nicht, sondern Kirchenleitung geschieht durch das Wort und ist dadurch geprägt, dass grundlegende Themen und absehbare Herausforderungen so zur Sprache kommen, dass sich die Menschen in den Gemeinden und Kirchenkreisen dazu verhalten können.

Dass das Impulspapier dabei einen Kairos, einen guten Zeitpunkt, getroffen hat, kann man nicht zuletzt an seiner Erfolgsgeschichte ablesen: Nicht alle Vorschläge aus den zwölf Leuchtfeuern sind umgesetzt, manche noch nicht, manche werden nur Anstöße für eine Diskussion bleiben. So ist es gut. Und die Erfolge sind nicht zu verkennen: So findet man im deutschen Protestantismus ab Pfingsten 2012 nur noch 20 Landeskirchen statt 24, man findet das Stichwort "Qualität in Gottesdienst und Kasualien" unangefochten etabliert, man findet die Diskussion um die Region und ihre Chancen etabliert und selbst das durchaus schwierige und für den Protestantismus überhaupt nicht leicht zu handhabende Thema "Führen und Leiten" ist im Grundsatz als eine notwendige Reformaufgabe anerkannt.

Lernen von anderen

Ähnlich positive Entwicklungen finden sich auch in jenen Bereichen, die zu Recht kritisch beurteilt wurden. Die Dimension der Seelsorge als "Muttersprache der Kirche" hat durch die Einrichtung einer Ständigen Konferenz für Seelsorge eine ganz neue Präsenz auf der gesamtkirchlichen Ebene erreicht. Auch ist das Thema "Kirche in der Fläche" als eine wesentliche Zukunftsherausforderung erkannt worden. Und dass der Protestantismus mit der Lutherdekade und der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 eine gemeinsame Themenagenda erreicht hat, wie man es sich vor wenigen Jahren kaum vorstellen konnte, ist auch unstrittig.

Natürlich werden die Skeptiker gegenüber dem Reformprozess immer behaupten (können), dass die Entwicklungen auch ohne dieses Papier entstanden wären. Aber bei unaufgeregter Beurteilung wird man anerkennen können, dass das Impulspapier und der sich anschließende Reformprozess einen guten Job gemacht haben.

Noch nicht abschließend beantwortet ist die Frage, ob das Impulspapier nicht Geist von einem Geist ist, den wir als Kirche weder akzeptieren noch übernehmen sollten. Immer wieder wurde und wird der vermeintlich ökonomisch-betriebswirtschaftliche Grundgeist dieses Textes kritisch reflektiert und mit dem Hinweis auf mangelnde Theologie verbunden. Im Kern geht es dabei wohl um die Frage, wie viel "Lernen-von-anderen" nötig und möglich ist, ohne die eigene Identität zu gefährden. Und es sind weithin vergleichbare Herausforderungen, die uns auch im Blick auf den zukünftigen Reformbedarf beschäftigen müssen.Denn natürlich besteht auch für den Reformprozess die Gefahr umzuschlagen in eine Gesetzlichkeit, die sich in Formalisierung niederschlägt. Der evangelisch geprägte Impulsansatz, der eine Vielgestaltigkeit von Wirkungen erlaubt, wird zu einem operationalisierenden Overkill, der alle erschöpft.

Herausforderungen

Insofern stellt sich als Grundfrage heraus, welche geistliche Perspektive und welche theologische Reflexion helfen können, die richtigen Herausforderungen der Gegenwart richtig zu sehen. Manche auch schon im Impulspapier wahrgenommenen Herausforderungen der Gegenwart treten gerade im Blick auf die nächste Generation immer deutlicher hervor:

· So verbindet sich das Thema Demografie mit der Wahrnehmung, dass viele tragenden Kräfte unserer Kirche durchschnittlich noch älter sind als die Gesellschaft insgesamt, womit die Bereitschaft zur Veränderung und Erneuerung in der Regel abnimmt und das Bewahren vorhandener und lebenslang bewährter Strukturen ungern losgelassen wird. Wie in der Gesellschaft insgesamt besteht daher die Gefahr, dass die gegenwärtige Generation sowohl theologisch-inhaltlich als auch strukturell-finanziell auf Pump und also gleichsam über ihre Glaubens-Verhältnisse lebt.

· Es verknüpft sich mit dem Thema soziale Diversifikation eine kirchliche Milieugefangenschaft, die sich sowohl in einer sozialen Engführung gemeindlicher Basis widerspiegelt wie in einer gewissen geistigen und theologischen Gefangenschaft. Dass sich damit auch eine gewisse theologische Sprachlosigkeit verbindet, die beachtliche Bereiche gesellschaftlicher Wirklichkeit nicht mehr berührt, ist schon oftmals formuliert worden.

· Mit den gesellschaftlichen Megathemen Vielfalt der Lebensformen und notwendige Mobilität lassen sich einerseits neue Dimensionen von Bindungslosigkeit und Vereinzelung verknüpfen, die sich auch religiös wiederfinden in Gestalt der Pluralisierung von Frömmigkeitsformen. Die zunehmende Zahl von individualisierten Christen lassen sich als sogenannte "situative Gelegenheitschristen" verstehen, die sich keineswegs gemeindlich binden lassen, sondern sich spontan, projekthaft und situativ engagieren und die kirchliche Angebote an neuen (z.B. Einschulungs-Gottesdienst), überraschenden (z.B. After-Work-Church) und ungewöhnlichen Lebensstationen (z.B. Friedwald-Bestattungen) erwarten. Dass dies sich zu einer weder gewollten noch vermeidbaren strukturellen Entleerung der klassischen Parochie entwickeln kann, ist ein schon vielfach beobachtetes Dilemma.

· Die beiden zukunftsrelevanten Themen Umwelt und Gesundheit bieten einerseits gute Anknüpfungspunkte, insofern die Frage einer schöpfungsgemäßen Nachhaltigkeit und der Heilung von Leib und Seele zu den Themen evangelischer Verkündigung gehören. Andererseits verbinden sich gerade mit diesen Themenbereichen oftmals die kleinen Verheißungen, also innerweltliche Erlösungsangebote, die als Mitbewerber im Gewand säkularer Versprechungen der Verkündigung der Kirchen zusetzen.

· Auch scheinen die Kirchen in einem Dilemma hinsichtlich der medialen Veränderungen zu stecken: Einerseits nehmen sie durchaus kritisch war, dass diese Veränderungen zu einer Art kommunikativem Grundrauschen in der Gesellschaft führt, das zu einer Trivialisierung führt, bei der kaum einer noch überhaupt etwas hört. Weil der einzelne Text und Gedanke immer schneller vom nächsten abgelöst wird, twittern (zwitschern) wir uns zu Tode, wie man Neil Postmans Prophetie umformulieren könnte. Andererseits aber gibt es kaum einen sichtbaren Weg für die Kirche, nicht an diesem medialen Grundrauschen mitzuwirken, weil zugleich der Grundsatz gilt: Wer medial nicht zu hören ist, den gibt es nicht!

Führen und Leiten

All diese (und manche noch ungenannten) gegenwärtigen Herausforderungen spiegeln, kulminieren und wiederholen sich in der ekklesiologischen Debatte um die Spannung zwischen Institution und Organisation. Es ist gleichsam die kirchenleitende Variante der entfalteten Herausforderungen, die sich mit der Dynamik von gegenwärtigen Veränderungsprozessen immer bedrängender stellt. Und es ist weder Zufall noch Nebensache, dass sich die Frage des geistlich sinnvollen Umganges mit diesen Herausforderungen in der Frage nach Führen und Leiten in der evangelischen Kirche zuspitzt. Denn insgesamt bleibt es bei dem Grundeindruck, dass wir im Blick auf jene Trends, die sich grundsätzlich unterscheiden von zufälligen Moden oder aktuellen Entwicklungen, denen nachzujagen in der Regel ebenso sinnlos wie ineffektiv ist, erhebliche Orientierungskrisen und Handlungsunsicherheiten haben.

Dahinter liegt eine auch im Impulspapier "Kirche der Freiheit" wohl noch nicht klar genug aufgeworfene Grundfrage nach einer Kirche im Rückbau: Die evangelische Kirche befindet sich in einer Phase der Selbstbegrenzung - auch wenn die finanziellen Verhältnisse glücklicherweise langsamer zurückgehen als angenommen. Die Selbstverständlichkeit schwindet, mit der die Kirchen in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit präsent waren; die kirchlich Engagierten müssen sich oftmals abarbeiten an Organisationsfragen, an Umstrukturierungsmaßnahmen, an Kontroll- und Evaluationsnotwendigkeiten oder an internen Differenzen.

Es gilt aus Reformsicht die Grundeinschätzung, dass die Situation der Evangelischen Kirche in Deutschland nicht zuletzt daran krankt, dass ihre Reformnotwendigkeiten oftmals zu zögerlich, zu vorsichtig, zu ängstlich umgesetzt werden. Wir weichen zu oft jenen Schritten aus, die bei einer einigermaßen nüchternen Perspektive auf die kirchliche Situation unerlässlich sind bzw. sein werden. Wir erhalten Strukturen und Aufgaben, die nicht mehr zu halten sind; so legt sich eine Erschöpfung auf die Kirche, die gerade nicht mit einem Reformstress zu tun hat, sondern mit mangelndem Reformmut. Wir kreisen zu oft um die gleichen Fragen, notwendige Prozesse des Rückbaus, der Konzentration und des Loslassens dauern zu lange und sind mitunter so kräftezehrend, dass ehrenamtlich Engagierte sich aus den Gremien zurückziehen. Viele Hauptberufliche wirken wie Getriebene.

X und Y

Das Impulspapier hatte selbst das Stichwort "wachsen gegen den Trend" aufgenommen, andere haben dieses Thema vertieft und erweitert. Es bleibt eine Herausforderung der Gegenwart, die unerlässliche Rückbauphase zu verbinden mit einem Aufbruch. Dabei geht es nicht um einen generellen Wachstumsprozess, der angesichts der demografischen Grunddaten sowieso nicht zu erwarten ist, sondern um Inseln des Wachstums und Oasen gelingenden kirchlichen Lebens, die es zu finden und zu stärken gilt. Der Umgang mit zurückgehenden Ressourcen gestaltet sich oft als eine sehr anstrengende und angestrengte Überführung von zwei oder drei zu klein gewordenen Xen in ein größeres X; gebraucht wird aber der Übergang von zwei oder drei zu klein gewordenen Xen in ein neues Y, in einen Aufbruch, der Energien freisetzt, weil er das Loslassen zulässt.

Es bleibt die Grundschwierigkeit im Reformprozess unserer Kirche, dass wir nicht so gut loslassen können, dass wir zu zögerlich Abschied nehmen von dem, was seine Zeit gehabt hat. Dies ist in meinen Augen zuerst und zuletzt eine geistliche Frage. Natürlich will niemand funktionierende Gemeinden, attraktive Angebote und überzeugende Basisarbeit abbauen, im Gegenteil: Gerade sie sind Leuchttürme, und insofern gilt es, sie zu stärken, von ihnen zu lernen und dankbar zu werden dort, wo sie Menschen zu binden vermögen. Aber es muss beim anstehenden Rückbau immer daran gedacht werden, dass zuerst die Gemeindemitglieder wegbleiben und erst dann die Kirchenleitungen gezwungen sind, Personal abzuziehen. Denn wir finanzieren uns nach wie vor entgegen allen Diskussionen zum Thema "Staatsleistungen" zum überwiegenden Teil durch Kirchensteuern, also durch Zahlungen der Mitglieder. Wenn diese weniger werden, gibt es auch weniger Finanzen und also auch weniger Personal.

Wie also schaffen wir möglichst viele Inseln des Wachstums? Wie gelingt die Förderung von aufbrechenden Gemeinden? Wie verstärken wir Orte der Begegnung mit dem Evangelium in Wort und Sakrament an ungewöhnlichen, überraschenden Orten, die dennoch Beheimatung bieten und die Seelen so berühren, dass nicht nur ein Funke kurz aufblitzt, sondern dass dauerhaft eine Sehnsucht nach Heimat im Glauben entsteht? Welche Kräfte brauchen wir, um die gelingenden Modelle, die es ja auch heute vielfältig und überzeugend gibt, zu den Leuchttürmen der reformatorischen Kirchen zu machen?

"Kirche im Aufbruch"

Auf der Homepage von "Kirche im Aufbruch" finden sich über zweihundert gute Beispiele für spirituelle und missionarische, intellektuelle und kulturelle Aufbruchsideen; die Zahl der Nachfragen nach solchen neuen Impulsen ist aber überschaubar. Es mangelt gar nicht an guten Ideen, es fehlt an innerer Kraft und äußerer Bekräftigung, es fehlt an einem Mentalitätswandel, der sich trotz des Rückbaus mutig, fröhlich und zuversichtlich stellt. Wir wissen im Kopf: Gott verlässt uns nicht, auch wenn wir kleinere Karos malen müssen. Aber finden wir ausreichend geistlichen Mut und theologischen Gestaltungswillen, um dies zu leben und aufzubrechen hin zu einer Kirche der Freiheit, die Gottes Gegenwart auch dort erfährt, wo die Menschen heute sind, leben und sein wollen?

Wollen wir die Sprache und die Tränen, die Hoffnungen und Verzweiflungen, die Leere und die Siege der heutigen Menschen wirklich so kennenlernen, dass wir sie teilen und stellvertretend vor Gott tragen können? Wir können uns doch in dieser modernen Welt gar nicht so verlaufen, dass Gott uns nicht wiederfindet; aber können wir diesen Geist evangelischer Freiheit in Christus auch bei uns selbst spüren und erfahren? Sind wir nicht manchmal heillos mutlos? Im Kern ist der Reformprozess vor einer Grundfrage des Glaubens angekommen: Finden wir den Mut und die Zuversicht, die Lust und Leidenschaft, den Wandel als Schlüssel der Gegenwart zu verstehen, oder halten wir fest an dem, was wir (noch) haben? Ziehen wir mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in ein neues, noch unbekanntes Land, nicht weil wir uns das zutrauen, sondern weil wir es Gott zutrauen und ihm nachfolgen? Hoffen wir auf jenen Einen, der selbst durch den Tod hindurch Wege zum Leben gefunden hat? Ich persönlich glaube wohl, dass es diese Fragen nach Gottes Gegenwart in unserer modernen Welt und nach unserer Glaubenszuversicht bei aller Verwandlung sind, die uns im Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 beschäftigen werden, denn an der Reformation kann man lernen, wie Gottessehnsucht, Glaubensmut und Weltgestaltung zusammen- gehören.

Thies Gundlach

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Thies Gundlach

Thies Gundlach ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD und leitet die Hauptabteilung „Kirchliche Handlungsfelder und Bildung“.


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