Spirituelle Achterbahn

Den Weltuntergang proklamieren nicht nur Sekten wie die Zeugen Jehovas
Foto: Der Mond brennt...Gerd Altmann/Pixelio.de
Foto: Der Mond brennt...Gerd Altmann/Pixelio
Am 21. Dezember soll nach dem Mayakalender die Welt untergehen. Was es damit auf sich hat, beschreibt Kai Funkschmidt, Theologe und Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Und er zeigt, wie sich in der Esoterikszene apokalyptische Vorstellungen wandeln.

Bei Weltuntergangsvorstellungen denkt man meist an sogenannte Sekten, religiöse Randgruppen. Aber tatsächlich ist das Phänomen genauso Teil der säkularen Mehrheitskultur. "Weltende. Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. In allen Lüften hallt es wie Geschrei. Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei. Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen. An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."

Dies hatte 1911 der von den Nazis ermordete Dichter Jacob van Hoddis geschrieben. Das Gedicht entstand, als 1910 die Wiederkehr des Halleyschen Kometen mancherlei Endzeitängste ausgelöst hatte. Die Aufnahme in die Gedichtsammlung "Menschheitsdämmerung" erfolgte 1919 nach dem Großen Krieg, den man getrost den Untergang einer Welt nennen darf.

Hier lassen sich schon einige der Elemente beobachten, die auch heutige säkulare Weltuntergangsstimmungen prägen: Eine reale Furcht vor nahenden Katastrophen und deren Ausmalung in der Kunst, eine Vermischung der Werte und Regeln. Maschinen- und Menschenwelt geraten durcheinander, die Meere "hupfen" und "zerdrücken", Dachdecker hingegen "gehn entzwei". Die Stimmung schwankt zwischen Zukunftsoptimismus und Zukunftsangst. Auf dem Höhepunkt der Friedens- und Wohlstandsepoche hat man den meisten Grund, den Absturz zu fürchten. Selbst die ironische Aufarbeitung des Phänomens wie in einer Deo-Werbekampagne vom Frühjahr 2012 findet sich schon damals: Während den Bürgern der Hut wegfliegt und die fleißigen Handwerker abstürzen, lacht der distanzierte Künstler ob der allgemeinen Aufregung: Alles halb so wild, eigentlich nur eine Schnupfenepidemie.

Weltuntergangsängste wiederholen sich regelmäßig, in jüngster Zeit wegen des Kometen Hale Bopp 1997, der Sonnenfinsternis am 1. August 1999 und der Jahrtausendwende. Aber keines dieser Daten fand so große Verbreitung wie der 21. Dezember 2012. Hier heften sich die Erwartungen an eine ferne untergegangene Hochkultur, und ein Datum in der Zukunft, das Ende des Mayakalenders im Dezember 2012. Dabei war es für die Wirkung unerheblich, daß dieser Kalender 2012 nicht endet, sondern nur einen mathematischen Sprung macht, wie unsere Jahrtausendwenden.

Hellsichtige und Propheten

Umfragen zufolge sollen Weltuntergang und Mayakalender bis zu 25 Prozent der Deutschen irgendwann einmal beschäftigt haben. Die Breitenwirkung des Themas ist allerdings vor allem ein Phänomen der Medien- und Unterhaltungsbranche. Weltbekannt wurde der Termin erst durch Roland Emmerichs Film "2012", auch wenn die ersten Hinweise auf den Dezember 2012 in die New-Age-Bewegung der Sechzigerjahre zurückreichen. Und als sich das subkulturelle New-Age ab den Achtzigern in einen esoterischen Mainstream ausweitete, wurde der Boden für die größere Rezeption bereitet.

Für die Vorhersagen ist die Vermengung von wissenschaftlicher Sprache und religiösen Vorstellungen typisch. Indem man die Untergangsprophezeiungen pseudo-wissenschaftlich verpackt, macht man sie modernitätskompatibel. Und die wenigsten prüfen, was es mit den einzelnen Elementen auf sich hat: Der Polsprung (Verschiebung des Magnetpols), die Präzession (Verschiebung der Erdachse), die Zunahme von Sonnenstürmen, der noch verborgene Planet Nibiru auf Erdkollisionskurs, der galaktische Strahl, den die Erde alle fünftausend Jahre durchqueren soll.

Wie in der gesamten Esoterik handelt es sich um eine Mischung aus real existierenden, aber wissenschaftlich völlig anders gefüllten Sachverhalten (Präzession, Polverschiebung, Sonnenwinde) und reinen Phantasieprodukten (Nibiru, galaktischer Strahl). Esoterische Meister, Hellsichtige und Propheten beanspruchen, als eigenständige Erkenntnisquelle neben die Wissenschaft zu treten.

Vernichtung und Neuanfang

Und wie ernsthaft ist nun die Angst vor dem Ende? Nimmt man die Arbeit der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen als Seismograph, fällt auf: Sämtliche Anfragen zum "Weltuntergang" kamen im vergangenen und in diesem Jahr von Medien. Es fehlten dagegen die sonst so häufigen Anfragen von Leuten, in deren Bekanntenkreis jemand Lebensmittel hortet, die Rentenversicherung kündigt oder sonstwie auffällig wird.

Doch das überrascht nicht. Zwar spielt das Jahr 2012 bei Schamanen, Engelmedien, Lichtarbeitern und vielen anderen Anbietern eine große Rolle, aber nicht als Weltuntergangsjahr. Denn Esoterikern geht es seit langem nicht primär um Katastrophenszenarien, sondern um eine "Wendezeit". Hier kehrt die alte New-Age-Idee des Übergangs vom rationalistischen Fischezeitalter in das neue Wassermannzeitalter wieder, bekannt durch den Song "Age of Aquarius" im Musical "Hair". Man erwartet, dass unsere technokratische, lebensfeindliche Zeit in eine Epoche von Intuition, Harmonie und Einfühlung übergeht. Es geht also nicht um Vernichtung, sondern um den Neuanfang, auf den man angesichts der Übergangsphase zwar etwas verzagt, aber doch freudig hinlebt.

Und wie reagieren Menschen, wenn das Erwartete nicht eintritt? Aufsehenerregende Massenselbsttötungen enttäuschter Anhänger wie 1997 bei der Ufo-Sekte "Heaven's Gate" sind extrem untypisch. Auch christliche Kleingruppen haben wiederholt ausgefallene Weltuntergänge auf unterschiedlichem Wege verkraftet. Die Zeugen Jehovas hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Wiederkunft des Messias für 1914 errechnet. Wer hätte damals ahnen können, dass in jenem Jahr ein Weltkrieg beginnen würde, scheinbar ein klares Endzeitphänomen. Aber von der Wiederkunft Christi konnte keine Rede sein. Wirklich nicht? Das Problem ihrer falschen Prophezeiung lösten die Zeugen, indem sie erklärten, die Wiederkunft habe stattgefunden und Christus sitze seither für die "letzten Tage" unsichtbar im Regiment als König der Welt.

Medienverstärkter Wohlstandsschauder

Die Zeugen Jehovas haben diese und einige weitere Enddaten erstaunlich unbeschadet überstanden. Und ähnlich wird es vermutlich die Esoterikszene im kommenden Jahr halten. Das Eintreten der Wende zum Wassermannzeitalter ist angesichts der vagen Erwartungen ja kaum widerlegbar, so dass man in der Szene 2013 zweifellos behaupten wird, die große Wende habe tatsächlich schon begonnen. Und wer die Zeichen dafür sehen will, wird sie auch finden.

Prophezeiungen des Weltendes müssen für Religionsgemeinschaften also durchaus nicht die eigene Glaubwürdigkeit zerstören. Zunächst erfüllen sie vielmehr einen nützlichen Zweck. Sie schwören die Gemeinschaft ein und motivieren zu besonderer Anstrengung. Der Effekt der Mitgliederbindung hängt also nicht unbedingt an der Richtigkeit einer Prophezeiung.

Auffällig ist noch eines: Wie Jacob van Hoddis ist auch Maya 2012 Phänomen einer westlichen Wohlstandsgesellschaft mit ihrem Techniküberdruss. In der Dritten Welt, wo es für viele wirklich ums Überleben geht, spielte es dagegen keine Rolle. Die Faszination durch den "Mayakalender 2012" war ein medienverstärkter Wohlstandsschauder, eine Art spiritueller Achterbahnfahrt für gelangweilte Großstädter auf dem Jahrmarkt der Sinnstiftungsangebote.

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Kai Funkschmidt

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