Der ich sein könnte

Gedanken zur Rehabilitierung einer humanen und vernünftigen Pädagogik
Jeder Mensch ist lernbereit, erziehungsbedürftig und bildungsfähig. Foto: dpa/Martin Ruetschi
Jeder Mensch ist lernbereit, erziehungsbedürftig und bildungsfähig. Foto: dpa/Martin Ruetschi
Lernen in der Turbo-Schule, Erziehung entlang von Selbstregulierung, Bildung zum Nulltarif - dies sind für Rainer Winkel, Professor em. an der Universität der Künste Berlin, verhängnisvolle Fehlentwicklungen. Anlass für ihn, an eine Pädagogik zu erinnern, die Lehrer als Lernanstifter betrachtet, Erzieher als Helfer und Bildungsbeauftragte als Wegweisende zu einem Leben, wie es sein und werden könnte.

Freitag, am 13. Juli 2012, gegen 16 Uhr: Ich betrete Deutschlands größte Justizvollzugsanstalt für Männer, den "Tegeler Hochofen". Kurz darauf das übliche Prozedere, von freundlichen Beamten geleitet: Anmeldung, Ausweiskontrolle, Abgabe aller Mitbringsel, Leibesvisitation. Schließlich geht es, eskortiert von einigen "Blaubeeren", zu einem der Freistundenhöfe. Auf einer terrassenförmig aufsteigenden Tribüne nehmen wir, etwa 250 Zuschauer, Platz, und dann beginnt eine bemerkenswerte Theateraufführung. Das Stück von Peter Atanassow heißt "kain & abel", inszeniert hat es die Theatergruppe "aufBruch", und gespielt wird es von 21 Strafgefangenen, also von ehemaligen Betrügern, Räubern, Mördern ... Um Gut und Böse geht es, um Schuld und Sühne, um Reue und Vergebung. Als Gottvater, gespielt von einem promovierten Mann arabischer Herkunft, die Frage in den Innenhof brüllt: "Kain, wo ist dein Bruder Abel?", geht eine Schockwelle durch die Zuschauer.

In der nach der Aufführung stattfindenden Besprechung mit den Schauspielern sagt ein anderer Mann, der unter anderem auch die Eva gespielt hat und seit 28 Jahren "sitzt" (die letzten Jahre in Sicherungsverwahrung) zu mir und einigen Umstehenden: "Durch's Theaterspielen habe ich mich aus meinem Schneckenhaus getraut." Ich denke an Platons "Höhlengleichnis" und ahne, dass wir nicht Zeugen eines sanften Strafvollzugs waren, sondern an einer Bildungsveranstaltung teilgenommen haben, der es um die drei wohl wichtigsten Lebensfragen ging: Wer bin ich? Was habe ich getan? Was kann, was soll aus mir werden?

Am Anfang war die Hure

Das bestätigen mir einige Tage darauf in einem längeren Gespräch der Regisseur Atanassow, die Produktionsleiterin Sybille Arndt und der Bühnenbildner Holger Syrbe: "Diesen Männern hilft nicht der Knast, so notwendig er sein mag, sondern die Auseinandersetzung mit dem, was war und was jetzt ist und mit dem, was noch sein und werden soll. Dabei hilft Theater-Spielen, also die Kunst. Sie ermöglicht Bildung. Denn das brauchen sie: Bildung, Bildung und nochmals Bildung!"

Dieser von den Inszenierenden leidenschaftlich vorgetragenen Einsicht werden die meisten zustimmen. Über die Frage, was das denn nun ist, Bildung, gibt es hingegen selten Konsens. Sie ist ja auch nicht so leicht zu beantworten und erfordert zumindest ein historisches Bewusstsein über die mitunter verzweifelten Bemühungen des Menschen, die Bildung seiner Selbst und die seiner Mitmenschen zu ermöglichen oder auch (teuflisch genug) zu erschweren, gar zu verhindern. In einer etwa die letzten vier Jahrtausende nachprüfbaren Geschichte der Bildung sehe ich die These begründet: "Am Anfang war die Hure".

Im "Gilgamesch-Epos" nämlich (um 1700 v. Chr.) wurde wohl zum ersten Mal schriftlich festgehalten, was Bildung ist: Eines Tages meldeten Späher dem sumerischen König Gilgamesch (um 2700 v. Chr.), ein Ungeheuer verwüste sein Land, bedrohe die Stadt Uruk, und nur ein Heer von Soldaten könne helfen. Gilgamesch aber konsultiert die Hohepriesterin Iluna, und gemeinsam schicken sie die anmutige Liebesdienerin Tehiptilla hinaus in die Steppe, auf dass sie den Unhold "einfange". Und so bringt "die gar Liebreizende" diesem Halb-Mensch-halb-Tier-Wesen erst einmal bei, was gutes Benehmen ist, dass es beim gierigen Fressen und Saufen nicht bleiben muss, sondern dass es ein kultiviertes Essen und Trinken gibt, ein Lachen und Weinen, ein Waschen und Kleiden und auch eine zärtliche Liebe - jenseits der tierischen Praxis. Und allmählich verliert Enkidu sein Fell und sein Brüllen, er lernt sprechen und bitten, danken und fühlen. Durch Bildung wird er peu à peu zum Menschen, verlässt er seine Realität und erreicht das, was keimhaft schon immer in ihm war: Er bleibt nicht der er war und ist, sondern wird, was er sein und werden kann.

Trugbild und Wahrheit

Jahrhunderte später schreibt ein griechischer Philosoph mit Namen Aristokles, genannt Platon, eines seiner Hauptwerke über den "Staat" (Politeia). Darin findet sich das einstmals viel beachtete "Höhlengleichnis", aus dem wir einen zweiten Gedankengang lernen können: Die da an Schenkeln und Nacken gefesselt in einer Höhle sitzen und die Schatten von Gegenständen begaffen, die von Gauklern hinter einem Verschlag vorbeigetragen werden und deren Umrisse von dem durch den Eingang der Höhle hereinfallenden Licht auf eine Wand geworfen werden, diese Menschen halten diese Trugbilder (doxa) für die Wirklichkeit und sträuben sich gegenüber der Wahrheit (alétheia). Wer aber auch nur einen einzigen dieser Gefangenen entfesseln und herausführen will (ein paidagogos), muss mit dessen Unwillen, dessen mitunter heftigem Widerstand rechnen - gerade weil der Pädagoge, wie Rilke im "Archaischen Torso Apollos", von ihm verlangt: "Du musst dein Leben ändern." Ohne diese Änderung der Blickrichtung, ohne Verzicht auf das Sich-Fesseln-Lassen, ohne die Bereitschaft zur Umkehr (diastrophé) bleibt Bildung illusorisch.

Und ein dritter Gedankengang kommt hinzu: Gut zweitausend Jahre später erschütterte Europa eine geistige und politische Revolte, die bis heute ihre Wirkungen zeigt - die Aufklärung. Die zentrale Gestalt war Immanuel Kant, der immer wieder betonte, dass Erziehung und Bildung, Lehren und Lernen, salopp gesagt, nicht zum Nulltarif zu haben sind. Ein Appell, eine Frage und eine Aporie quälen uns bis heute: "Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" - "Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?" Und: Widersprüche, Paradoxien, Antinomien gilt es nicht zu leugnen, zu beseitigen, gar aufzulösen, sondern aus- und durchzuhalten und produktiv zu gestalten. Konkret: Bequemlichkeit, gar Faulheit führt nicht zum Wissen und Können - blinder Gehorsam gegenüber anderen freilich auch nicht. Der römische Aristokrat (zu Caesars Zeiten) glaubte, durch Ruhm und Ehre (gloria et dignitas) seine Bildung (eruditio) betreiben zu können; zwei Jahrtausende später suggeriert uns die global wirkende amerikanische Trivialkultur, dass food, fun and fantasy die entscheidenden Mittel dazu sind - sie irren beide. Zivilcourage und Eigensinn ermöglichen Bildung.

Lustprinzip reicht nicht

Sodann: Wer Kinder erzieht, darf nicht erwarten, dass dies nur nach den Prinzipien der Lust und der Selbstregulierung geschehen kann. Einschränkungen, Grenzen, Hinweise, Ermahnungen, Ge- und Verbote, mitunter gar Bestrafungen im Sinne von Wiedergutmachungen sind nötig. Noch einmal Kant mit dem allerersten Satz seiner Schrift "Über Pädagogik": "Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß." Der Mensch, jeder Mensch, lebt also nicht nur unter einem Horizont der Realität und Potenzialität, sondern auch der Nezessität, der Notwendigkeit.

Und schließlich kommen wir aus den Widersprüchen (den anti-nomoi) nicht heraus: Wir müssen und wollen Freiheiten gewähren und doch Grenzen ziehen; wir müssen loben und tadeln; Lernfreude (jedoch nicht Spaß) vermitteln, aber auch Anstrengungen verlangen; wir müssen fördern und fordern; das Individuum sehen und die Gemeinschaft und anderes mehr. Rousseau hat dieses Problem des Antinomischen geradezu zum Prinzip seiner Pädagogik gemacht, wenn er im Emile (1762) verlangt: Gebt Kindern "immer genug und niemals zu viel! Toujours assez et jamais trop!" Die Konkretion kann freilich nur der Praktiker realisieren und muss sie folglich auch verantworten.

Ein Grund, warum so viele Zeitgenossen lieber die Nicht-Erziehung bevorzugen? Immerhin ist eine ganze Generation mit jenem Song von Pink Floyd aufgewachsen, der da lautet: "We don't need no education/We don't need no thought control/No dark sarcasm in the classroom/Teachers, leave the kids alone!"

"Sonntag, am 14. Mai 2000: Kurz vor 18 Uhr ging ich noch einmal zur Schule, schnappte mir dort mein kleines Kofferradio und hockte mich zu den Skatern ... Zwischen Hochrechnungen, den Schreckensmeldungen aus Enschede, Homo-Witzen und offen gezeigter Freude über die sich abzeichnenden Niederlagen der grünen handle ich - by the way - diesen Sechzehn-, Siebzehnjährigen zwei Regeln ab. Erstens: Nichts kaputtmachen! Und zweitens: Den eigenen Müll wegräumen! Wenn ihr dies einhaltet, seid ihr hier herzlich willkommen. Dann ist das auch eure Schule. Euer Streetball-Platz. Euer Parcours ...

Pädagogik heißt Gegenhalten

Ansonsten redeten wir über dies und das - immer auch entlang der doppelten Frage: Ist der Kerl schlagfertig genug, auch wenn unsere lockeren Sprüche ihm wenig gefallen? Und: Meint der Typ es wirklich gut mit uns oder tut er nur so?

Gegen 21 Uhr begann es zu dunkeln und die ersten verzogen sich. Als sich kurz darauf zwei weitere Burschen auf den Weg machen wollten, rief Mario (aus Norditalien) ärgerlich: Ey, ihr beiden Ärsche, erst räumt ihr mit mir den Scheiß hier weg!

Sprach's und fing damit an, die beiden anderen machten, wenn auch zögerlich, mit. Dann kam Mario auf mich zu, grinste mich an und meinte nicht ohne Stolz: Alles klar, Chef! Dann klatschte er mich ab und ging, einen Schulleiter zurücklassend, der leise vor sich hinmurmelte: Das mit dem Rauchen kriegen wir auch noch hin. Denn Pädagogik, das heißt: gegenhalten, die Ärmel hochkrempeln, sich auf den Weg machen ... Aber auch: Zeit für unsere Kinder haben, ihnen zuhören, unsere Welt mit ihnen teilen ..."

Dieses Ereignis fand in der Ev. Gesamtschule Gelsenkirchen (EGG) statt, eine multikulturelle Stadtteilschule, die ich als Gründungsdirektor fast sechs Jahre leiten durfte, eine Tätigkeit, über die ich fast täglich Tagebuch geführt habe ("Die Schule neu machen"). Die geschilderte Szene macht noch einmal deutlich, dass und warum jeder Mensch auf seine Weise lernbereit, jeder erziehungsbedürftig und bildungsfähig ist, wobei wir das Lernen, die Erziehung und die Bildung aus guten Gründen nicht definieren, wohl aber beschreiben sollten. Sie gehören zum anthropologischen Haushalt des Menschen, lassen sich (wie das Leben, die Liebe oder der Tod) nicht quantifizieren, mehr noch: Sie entziehen sich jedem Verstehen, wenn sie auf die Reaktionsweisen von Naturphänomenen reduziert werden.

Bildung braucht Erziehung

Ihr Verhältnis zueinander aber gilt es zu klären: Mario, den sie häufig "Spaghettifresser" nannten und der darauf nicht selten mit "Pizzamampfer" antwortete, war in vielen Verhaltensweisen noch un-erzogen - die Fachleute sprechen von "Erziehungsdefiziten". Auch seine "Kumpels" hatten so ihre Macken und folglich ihre schulischen Probleme. Denn die Schule steht auf verlorenem Posten, wenn sie es mit immer mehr nichterzogenen Kindern und Jugendlichen zu tun bekommt und wenn sie von einer "Rüpel-Republik" umgeben ist, in der die Elternarbeit wichtiger zu werden beginnt als die mit deren Kindern. Bildung ist nur im Medium von Freiheit möglich, nur als - von anderen angeregte, ermöglichte und begleitete - Selbstbildung realisierbar.

Erziehung dagegen ist Anpassung an die realen Notwendigkeiten und Bekömmlichkeiten des Lebens - vom Abwaschen bis zum Zähneputzen. Und vom Lernen sollten wir erst und nur dann reden, wenn damit nicht nur das Auswendiglernen, das Bimsen von Fakten und das Benoten von Abfragbarem gemeint ist, sondern auch und vor allem das Erkunden, das Entdecken, das Durchdenken und Beurteilen seine Wesensmerkmale sind. Dies freilich gelingt nur, wenn Lehrende und Erziehende, wenn Väter und Mütter, wenn Professoren und Kitamitarbeiterinnen Vertrauensverhältnisse aufzubauen verstehen. Was demgegenüber vor zehn Jahren der berüchtigte "Bologna-Prozess" von der Kita bis zur Universität anstieß, hat dort die gegenteiligen Effekte bewirkt: Frühzeitiges Pauken hier und rigoroses Prüfen dort.

Eine vernünftige und humane Pädagogik muss jedoch darauf bestehen: Vor aller ganzheitlichen Bildung rangiert die haltgebende Erziehung, und diese setzt eine Ich-Du-Beziehung im Sinne Martin Bubers voraus. Gehalten wird diese dreifache und miteinander verschränkte Dynamik von jener Selbstkritik, die sich nicht genüsslich und unkritisch in der oft leidigen Realität einnistet, all das für gut, richtig und okay erklärt, was da so ist und man so sagt und sendet, sondern immer auch fragt, wie etwas und man selbst einer Verbesserung anheimgegeben werden sollte. Just deshalb hatte J. A. Comenius sein gesamtes Lern-, Erziehungs- und Bildungsprogramm inmitten grausamer Kriegs- und Zerstörungszeiten unter das Motto einer Verbesserung der menschlichen Angelegenheiten gestellt (De rerum humanorum emendatione Consultatio Catholica) und der Schule die Aufgabe zugewiesen, eine "officina hominum" zu sein, eine Werkstatt des Menschen für die Menschen. So gesehen hat Friedrich Hebbel keine depressive, sondern durchaus eine motivierende Beobachtung in eines seiner Tagebücher notiert: "Der ich bin, grüßt wehmütig den, der ich sein könnte!"

Literatur Rainer Winkel: Am Anfang war die Hure. Theorie und Praxis der Bildung. Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2005. Rainer Winkel: Die Schule neu machen. 3 Bde., Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2008 ff. Jörg Schindler: Die Rüpel-Republik, Scherz-Verlag, Frankfurt am Main 2012.

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Rainer Winkel

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