Grünes Gold der Zukunft

Die Evangelische Kirche Deutschland sorgt sich um die Vergabepraxis von Biopatenten
Millionen für neue Pflanzensorten: Samen keimen in Petrischalen im Labor einer Pflanzenzüchterei. Foto: dpa/Martin Schutt
Millionen für neue Pflanzensorten: Samen keimen in Petrischalen im Labor einer Pflanzenzüchterei. Foto: dpa/Martin Schutt
Vielfalt ist gut. Das ist nicht nur in menschlichen Gemeinschaften so, sondern auch im Pflanzenreich, besonders in der Landwirtschaft. Doch die gegenwärtigen Patentregelungen bedrohen diese Artenvielfalt, warnen Nachhaltigkeitsexperten der EKD in einer aktuellen Studie.

Es gibt in Deutschland 2500 Apfelsorten. Aber davon sind im Handel nur dreißig zu finden - ein Verlust von Vielfalt zugunsten von Hochertragssorten. Das ist nicht nur bei Äpfeln in Deutschland so, sondern bei Nutzpflanzen aller Art, weltweit. Mehr als 75 Prozent sind im vergangenen Jahrhundert verschwunden. Was das bedeuten kann, zeigt ein kurzer Blick in die Geschichte Irlands: Mitte des 19. Jahrhunderts war hier das Hauptnahrungsmittel die Kartoffel. Eine Kartoffelfäule führte zu gewaltigen Ernteverlusten und zu einer Hungersnot, die eine halbe Million Menschen das Leben kostete. Dabei gab es Sorten, die nicht von der Kartoffelfäule betroffen waren. In Irland wurden aber nur zwei Arten angebaut - beide waren nicht resistent.

Die Vergabe von Patenten in der Pflanzen- und Tierzucht, die so genannten Biopatente, fördern einen solchen Artenverlust, sagen ihre Kritiker. Anfang dieses Jahres hatten sich sowohl der Deutsche Bundestag als auch das EU-Parlament gegen eine zu weit gefasste Patentierung ausgesprochen. Wort ergriffen hat jetzt auch die EKD, die in einer aktuellen Studie zum Thema grundlegende Änderungen der europäischen Biopatentpolitik fordert. Die Richtlinie des Europäischen Patentamtes sorge für Monopolstrukturen bei der Herstellung von Saatgut und bedrohe so die Artenvielfalt, kritisierte Gudrun Kordecki, stellvertretende Vorsitzende der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD. Um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung nachhaltig zu sichern, sei aber Artenvielfalt auf den Äckern erforderlich, so Maren Heincke, Referentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die ebenfalls an der Studie beteiligt war. Diese "Agrobiodiversität" sei vor allem in der kleinbäuerlichen Tradition vorhanden und könne zur Sicherung der Ernte auch bei problematischem Klima genutzt werden. Deswegen nennt sie Heincke "das grüne Gold der Zukunft."

Lokale Sorten verdrängt

Die derzeitige europäische Patentregelung aber würde die Konzentration auf wenige Hochleistungssorten fördern und lokale Sorten vom Markt verdrängen. Diese Marktverengung treffe also insbesondere kleinbäuerliche Betriebe, die immerhin circa 80 Prozent der Welternährung bestreiten. Das patentierte Saatgut sei zudem deutlich teurer, weshalb die Verschuldung kleiner Betriebe wachse und sie in Ihrer Existenz bedrohe. Auch würden die Biopatente den offenen Zugriff auf traditionelles Wissen einschränken, was Innovationen blockiere. "Die Schöpfung muss aber allen zugute kommen und zwar zu gleichen Teilen", sagte Christiane Tietz, Professorin für Systematische Theologie und Mitglied des Rates der EKD bei der Vorstellung der Studie. Jeder habe das Recht auf angemessene Nahrung und auf traditionelles Wissen.

Das Anliegen von Saatgutzüchtern, ihre Arbeit zu schützen, erkennen die Autoren der Studie mithin als durchaus berechtigt an. Denn die Entwicklung einer neuen Pflanzensorte dauert bis zu zwanzig Jahre und kostet unter Umständen Millionen Euro. Nach Meinung der EKD deckt das klassische Sortenschutzrecht die erfinderische Leistung der Züchter aber ausreichend. Der Sortenschutz ist, wie das Patent, ein Ausschließlichkeitsrecht und schützt das geistige Eigentum an Pflanzenzüchtungen. Im Gegensatz zum Patent erlaubt es aber die Verwendung einer geschützten Sorte für die Züchtung einer neuen Sorte ohne Zustimmung des Sortenschutzinhabers. So schützt es traditionelles Wissen und sichert den Erhalt der Artenvielfalt.

Biopatente sollten daher nur unter Einhaltung strengster Kriterien vergeben werden. Dazu sei, so fordern die Autoren der Studie, das Europäische Patentamt unter eine demokratisch legitimierte Kontrolle zu stellen. Das könne ein Gremium wie das Europäische Parlament sein. Zudem sollten ethische Fragen bei der Vergabe von Biopatenten eine Rolle spielen; denkbar wäre zum Beispiel ein Ethikgremium. Auch müssten in der Behörde unabhängige Fachgremien geschaffen und das Einspruchsverfahren für zivilgesellschaftliche Organisationen verbessert werden. Noch müssen nämlich diejenigen, die gegen die Vergabe eines Patents Einspruch erheben, die Kosten des Verfahrens tragen. Das ist kleineren und finanzschwachen Akteuren häufig nicht möglich. Gerade diese aber sind wichtig, um zivilgesellschaftliche Einflüsse in das Spiel um das grüne Gold einzubinden.

Literatur: Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung: Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. Biopatente und Ernährungssicherung aus christlicher Perspektive. Kirchenamt der EKD. Hannover 2012.

Katharina Lübke

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