Nichts als Zeit

"Sun" von Cat Power
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Worte und Sätze als kräftiger Luftzug, die Bewegung, Position und Perspektive spürbar machen. Songs, auf die man sich gern einlässt, auf die Sounds erst recht.

Chan Marshal ist einen langen Weg gegangen. Mit "Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again" fiel sie so manchem erstmals auf, ihrem Beitrag zur irisierenden Dylan-Anthologie I'm Not There (zz 5/2008). Da hatte die 1972 in Georgia geborene US-Singer-/Songwriterin aber schon Clubtouren durch die ganze Welt hinter sich. Als Musikerin nennt sie sich "Cat Power". Ihr Debut erschien 1995, sie setzte auf spärliche Begleitung mit Gitarre und Piano. Ihr Gesang in der Südstaaten-Tradition von Folk, Blues und Country hatte etwas Ätherisch-Zerbrechliches.

Als ihr eigene Songs ausgingen, erschien 2000 The Covers Record, im Sound minimalistisch. Jukebox von 2008 präsentierte erneut fast ausschließlich Cover, aber war im Klang richtig fett. Ihre Stimme klang stark, fest, fordernd. Sechs Jahre nach The Greatest, dem letzten Album mit eigenem Material, sagt Cat Power mit Sun nun wieder deutlich "Ich" - und hat die Spannweite erneut erweitert.

Die Sounds der elf Songs reichen von treibenden, düster psychedelischen Gitarrengerüsten bis zu beatbasierten Elektroniktracks. Die Facetten sind beträchtlich, die Texte auf den Blick nach vorn, die Lebenskraft des Individuums konzentriert. Mond, Sonne und Himmel sind darin Symbol und persönlicher Sehnsuchtsort zugleich, esoterische Chiffre, lyrisches Bild und Naturerfahrung als Geborgenheit. Worte und Sätze als kräftiger Luftzug, die Bewegung, Position und Perspektive spürbar machen. Songs, auf die man sich gern einlässt, auf die Sounds erst recht.

Oft sind es orchestrale Miniaturen, was gerade im Vergleich zu "Cat Powers" frühen Alben besonders auffällt. Die Verdichtung hat darunter nicht gelitten, bloß das Gewand gewechselt. Gleich der Opener "Cherokee" kommt mit weit hinten im Gelände verhallten Achtziger-Gitarren à la "Chameleons" daher. "Ruin" perlt, hüpft und tanzt zu leichtfüßigem Latin-Piano-Loop, die Gitarre schrappt und nörgelt Akkorde dazu, missgelaunt auch sie nicht. "Silent Machine" mit seinem druckvollen Beat und dem verrätselten Gesang klingt nach Wave-Disko, für "Nothing But Time" lässt sie sich alle Zeit, die die Hymne braucht. Elf Minuten formuliert "Cat Power" eine Zwischensumme ihres an Höhen und Tiefen reichen Lebens, auch gerichtet an junge Leute, denen sie zuruft: "It's up to you to be a superhero/it's up to you to be like nobody/You ain't got nothing but time/to your way of living". Klang und Gesang lehnen sich deutlich an David Bowies berühmtes Heroes von 1977 an. Der Eindruck verstärkt sich, wenn Iggy Pop mit seinem tiefen Bariton im Duett hinzukommt. Hier brechen Dämme und bewässern Felder, die darauf gewartet haben und zu fruchtbaren Landschaften der Selbstvergewisserung werden.

Cat Power - Sun. Matador/ Rough Trade 2012

Udo Feist

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