Ohne Feuer, ohne Freunde

Die Universitätsreform war notwendig. Leider wird sie manchenorts geradezu sabotiert
Wollte man dem Geschrei um die Universitäten glauben, dann müssten sie sofort untergehen. Foto: dpa/ Waltraud Grubitzsch
Wollte man dem Geschrei um die Universitäten glauben, dann müssten sie sofort untergehen. Foto: dpa/ Waltraud Grubitzsch
Vor zehn Jahren begannen mit der Ratifizierung des Bologna-Beschlusses grundlegende Universitätsreformen: Aber weder die Differenzierung des Studiums noch die der Hochschullandschaft haben Freunde gefunden. Die Uni bleibt im Kern eine Baustelle, meint taz-Redakteur Christian Füller.

Dass die Universität "im Kern gesund" ist, gehört seit knapp 100 Jahren zu den rhetorischen Dauerbrennern deutscher Hochschuldebatten. Carl-Heinrich Becker, Preußens Kultusminister, stellte nach dem Ersten Weltkrieg dieses "Im-Kern-Gesund-Testat" zum ersten Mal aus. Nach 1945 gab es erstaunlicherweise den gleichen Befund - trotz willfähriger Gleichschaltung der akademischen Intelligenz in der NS-Zeit. Die 68er sahen das naturgemäß anders, sie reimten eher kindisch "Unter den Talaren/der Muff von 1000 Jahren". Erst Peter Glotz und Dieter Simon schlugen in den Neunzigerjahren richtig Krach: Die Uni sei verrottet, meinten die bekannten Wissenschaftsmanager. Dann kamen Bologna, die Exzellenzinitiative und das Turbo-Gymnasium und seitdem gibt es kein Halten mehr: Die Reform der Universität - ein einziges großes Jammern und Wehklagen.

Aber was ist die Wahrheit der Universität? Welche Gestalt hat die neue deutsche Hochschule des 21. Jahrhunderts? Was kann man jungen Studierwilligen raten? Kann die Uni zugleich Motor von Innovation und Ort der Weltdeutung sein? Und dabei möglichst viele junge Menschen forschend bilden? Schließlich leben wir im Zeitalter der Hochtechnologie. Die Rate der Akademiker eines Jahrgangs ist für die Ökonomen der OECD genau wie für Bürgerrechtler die entscheidende Kennziffer dafür, ob ein Land das 3. Jahrtausend bestehen kann.

Ein neoliberaler Durchlauferhitzer?

Wollte man dem Geschrei um die Universitäten glauben, dann müssten sie sofort untergehen. Heute, spätestens morgen. Über den Stand der Hochschulen wurde von jeher gestritten, meistens scharf bis vernichtend. Im Moment aber wird die Reform der Uni in düstersten Bildern gemalt: Es ist eine Art Gemeinplatz von links bis rechts, dass die Hochschule zu einem neoliberalen Durchlauferhitzer geworden sei. Die so genannte Bachelorisierung der Unis wird auf eine Stufe gestellt mit flachen Flirtsendungen wie "Der Bachelor". Selbst die Exzellenzinitiative, die seit 2002 fast fünf Milliarden Euro zusätzlich in die besten Universitäten pumpte, gilt als ungerecht und ineffizient. Unglücklicherweise hatten die Marketingstrategen der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) diese Reform ernsthaft mit einer Formel aus dem Unterschichten-Fernsehen beworben: "Deutschland sucht die Superuni".

Tatsächlich hat das Land heute, im Jahr 2012, eine Superuni. Niemals gab es so viele Studenten wie heute, 2,4 Millionen junger Leute bevölkern die Unis zwischen Greifswald und Konstanz, zwischen Dresden und Düsseldorf - so viel wie nie zuvor. Die Studierendenschaft ist, soziologisch betrachtet, jünger geworden: Schneller, unpolitischer, pragmatischer, das Examensalter sank von 28 auf 26 Jahre. Gleichzeitig hat die deutsche Universität international an Renommée gewonnen. Die Botschafter des Akademischen Austauschdienstes berichten jedes Jahr, wenn sie aus Delhi, Washington, Peking oder Brasilia zu ihrem Jahrestreffen nach Berlin kommen, wie aufmerksam der Exzellenzwettbewerb im Ausland verfolgt wird - gerade in den Staaten, deren jungen Menschen die Zukunft gehört: China, Indien, Vietnam, Korea. Deutschland gehört zu den beliebtesten Studienorten der Welt, nach den USA und Großbritannien, die traditionell uneinholbar weit vorn auf der Beliebtheitsskala stehen. 245.000 Studenten kommen aus dem Ausland, das ist Platz drei.

Zuhause in Deutschland aber wird praktisch nur geschimpft. Studenten steckten in der "Bologna-Falle", die Exzellenz-Initiative sei ein Rohrkrepierer, die ganze Uni-Reform wolle "Maschinen-Menschen" erschaffen - so nur die jüngsten Injurien. Warum ist das so? Weil drei Großreformen die deutsche Uni quasi parallel erwischt haben. Diese Reformen waren allesamt grundsätzlich richtig - aber sie haben die Gestalt der Uni grundlegend verändert, mit komplexen Wechselwirkungen. Sie haben den Geist der Humboldtschen Universität verjüngt - und ihre soziale Struktur gleich mit. Das ist nicht nur empirisch interessant. Es ist ideologisch schwer zu verkraften für ein Land, das ehrwürdige Alma Matres hatte, die über Jahrhunderte nur für kleinste bis kleine Teile der Bevölkerung offen standen. Die halbherzige Öffnung der Hochschulen in den Siebzigerjahren wird gerade vollendet. Das ist eine Rosskur - die nicht jedem gefällt.

Überaltert und überreglementiert

Die deutsche Uni der Neunziger war, kurz gesagt, überaltert, überreglementiert und extrem immobil, das heißt gemächlich im Studium und elend langsam in ihren Entscheidungen. Es gab geradezu ungeheuerliche Kennziffern: Das Durchschnittsalter der Absolventen lag bei 28 Jahren; die Abbrecherquoten waren immens hoch, teilweise bis zu 50 oder 60 Prozent. Die Hochschulen hatten ja nach 1968 geöffnet werden sollen - aber dieses Versprechen hielten die Wissenschaftsminister nicht ein. Die Zahl der Studierenden multiplizierte sich, die der Professoren blieb seit 1977 - abgesehen von der Medizin - praktisch gleich. Man wollte, so die schreckliche bürokratische Formel, den "Studentenberg untertunneln", will sagen: warten, bis die Studentengenerationen, die auf Heizungen, Fluren oder vor dem Professor auf dem Boden hockstudierten, von allein weg bleiben. Das war die Uni der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Dafür, diese Universität in jeder Hinsicht übersichtlicher, jünger und internationaler zu machen - und vor allem: besser, exzellenter -, stehen drei Reformen: erstens die Umsetzung des Bologna-Memorandums der europäischen Staaten, also die Einführung von Bachelor und Master als neue Abschlüsse. Zweitens die Exzellenzinitiative, also das gezielte Injizieren von Forschungsgeld in Elite-Unis. Und drittens die gleichzeitige Verjüngung der Studienbewerber durch das um ein Jahr verkürzte Turbo-Gymnasium.

Zum Bulimie-Lernen gezwungen

Alle drei Reformen wirken: Die Studierenden bekommen schneller einen Abschluss (wegen des dreijährigen Bachelors); sie werden mehr und jünger (wegen der doppelten Abi-Jahrgänge); es fließt mehr Geld in die Hochschulen und zwar gezielt mehr Geld für qualitativ hochwertige Forschungs- und Studiengänge (durch die Exzellenzinitiative). Gleichzeitig aber haben alle drei Reformen die Unis auf ihre Weise verändert und, teilweise, auch chaotisiert. Dazu gibt es viele und vor allem sehr grundsätzliche Meinungen. Vorderhand lassen sich die Gründe wohl so benennen:

Die Bachelor-Master-Reform ist umgesetzt - aber sie wurde nicht von einer nachhaltigen Studienreform begleitet. Oft klebten die Professoren ihren Diplom- und Magisterstudiengängen einfach die Etiketten "Bachelor" und "Master" auf. Wirklich vereinfacht, entstofflicht und damit studierbar wurden nur die wenigsten Studiengänge. Es gibt einige herausragende Bachelor-Programme, selbst in geisteswissenschaftlichen Preziosen wie Philosophie oder Archäologie. Aber die Mehrheit der Studiengänge wurde dem seelenlosen und fragwürdigen System der European-Credits unterworfen.

Das macht es schwierig für die Studenten, gerade für die jüngeren Studenten der ersten Turbo-Abiture: Sie werden nicht etwa mit klugen Propädeutika aufgefangen und in exemplarischen Studienprojekten an die großen Themen herangeführt, sondern sie werden durch zu viele Stoffe hindurchgeschleust. Das wird vielleicht als das Trauma einer ganzen Gymnasiasten- und Studentengeneration in das Bewusstsein eingehen: Dass sie von einer reformunwilligen und -unfähigen Kultusbürokratie zum Bulimie-Lernen gezwungen wurden.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Exzellenzinitiative hat zu einer Reihe nicht-intendierter Nebeneffekte geführt. Und auch hier spielt eine freche, fast dreiste Politik eine Rolle - die der Kultusminister der Länder. Sie sind scharf darauf, dass der Bund als Zentralstaat viel Geld in international ausgewählte Universitäten, Forschungscluster und Graduiertenkollegs pumpt. Aber sie entziehen häufig den anderen Fächern und Hochschulstandorten das Geld. Das erhöht den Zorn auf die Elite-Unis, die oft im Süden liegen, und auf die naturwissenschaftlichen Disziplinen, die das meiste Geld anziehen. Und es sorgt für böses Blut. Sogar die Frankfurter Allgemeine wetterte, man solle das Elite-Getue endlich sein lassen, weil es Uniformität fördere, aber nicht Exzellenz. Keine Großreform kommt ohne Gegenströmungen und Verwirbelungen durch. Wenn die Vorteile einer grundlegenden Systemänderung noch nicht wahrnehmbar und die Nachteile umso sichtbarer sind, dann kann es heikel werden. Wenn aber drei große Reformen zugleich die Zahl der scheinbaren oder tatsächlichen Verlierer im System erhöhen, wird es chaotisch.

Reiselustige Studenten leiden unter dem Anerkennungstohuwabohu, das in der (gerade deutschen Variante) der Bologna-Reform steckt. Das führt zu dem absurden Ergebnis, dass ausgerechnet eines der Hauptziele der Bachelorisierung, der internationale Austausch, nicht erreicht wurde, zu deutsch: Es ist heute komplizierter geworden, ein Auslandsjahr zu verbringen. Kein Wunder: Es kommt im Jahr 2012 vor, dass die eigene Uni die Scheine aus dem Bachelor des Nachbarfaches nicht für den Master anerkennt. Die Stundenzahlen, die ein Student für 180 Creditpoints absolvieren muss, variieren europaweit um 900 Stunden!

Insgesamt aber fehlt den Reformen das Geld. Das ist am Ende immer Grund zu bitterer Klage und, nicht selten, der Tod eines großen Plans. 2,4 Millionen Studierende sind einfach viel teurer als 1,8 Millionen wie zu Beginn der großen Reformen. Auch die Umgestaltung der 2002er Jahre ist, wie schon in den Siebzigern, nicht durchfinanziert. Kein Laie kann freilich in den komplexen Geldströmen erkennen, wer der Knauserer ist, obwohl das für den Experten sehr gut identifizierbar ist: Die Bundesländer werden ihrer Verantwortung nicht gerecht. Weder beim Hochschulpakt, mit dem mehr Geld für die doppelten Abijahrgänge in den Unis ankommen soll. Noch beim fairen Gegenfinanzieren der Geldströme des Bundes bei der Exzellenz-Initiative.

Länder veruntreuen Bildungsgeld

Man kann es auch drastischer sagen: Einige Bundesländer veruntreuen die Zuschüsse für Bildung und Wissenschaft praktisch. Sie lassen sich das Geld erst aus Berlin überweisen. Und wenn es da ist, pochen sie frech auf ihre Kulturhoheit - und stecken es in Haushalts- oder Straßenlöcher. Oder sie verschleiern einfach dessen Verwendung.

Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU), innerparteilich ohnehin geschwächt, ist in einer komplizierten Lage. Sie hat bereits Mahnbriefe an die Länder versandt. Zum Beispiel an die sächsische Landesregierung, die 138 Millionen Euro in zwei Jahren vom Bund für ihre Hochschulen bekommt - und trotzdem fest entschlossen ist, 10 Prozent des Universitätspersonals abzubauen. Ein klarer Bruch des Hochschulpakts zwischen Bund und Ländern - und nicht sanktionierbar. Denn die Beamten Schavans geben zu: Sie könnten gar nicht genau hineinschauen, was die einzelnen Ländern mit dem Bundesgeld machen. "Die Rechenschaftsberichte der Länder müssen künftig transparenter werden".

Wie die Uni- und Studienreform am Beginn des dritten Jahrtausends ausgeht, wird sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen - wenn das Kampfgeschrei verklungen ist und die Hochschulen Gestalt angenommen haben. Aber vielleicht kann man schon jetzt sagen, was diese Reform an Haupt und Gliedern so kompliziert gemacht hat: Es ist das völlig unabgestimmte, teils widerstreitende Agieren der einzelnen Akteure. Staat, Universität und Gesellschaft (in Person der Studierenden, der Wirtschaft etc.) haben sich vollkommen verhakt. Es ist an der Zeit, an dieser Stelle Wilhelm von Humboldt, den Inspirator und Begründer der Universität der Moderne, in Erinnerung zu rufen. Er hat ja nicht nur eine ausgefeilte Theorie der Persönlichkeitsbildung an Wissenschaft formuliert, sondern zugleich organisatorische Hinweise gegeben. Hinweise, die hierzulande nie gehört wurden. Humboldt sagte, dass die Dinge durchaus besser laufen, wenn der Staat sich nicht einmischt. Und die Universität ihrer zweckfreien Suche nach Erkenntnis nachgehen könne, wenn sie unabhängig ist - von den Interessen des Staates genau wie von denen der großen Assoziationen der Gesellschaft. Humboldt forderte also eine großzügige Stiftung, welche die Universität autonom mache.

Heute wabert die Universität als maximal unfreie Organisation zwischen den vielen, die bei ihrer Gestaltung mitquatschen wollen. Aber sich für sie wirklich zuständig im Sinne von verantwortlich fühlt sich keiner: Alle tragen ihre Interessen an die Uni, aber sie selbst kann nicht eigenständig gestalten. Die Uni bleibt im Kern - eine Baustelle. Das ist die Crux der Hochschule. Und all ihrer Reformen seit der Niederlage bei Jena und Auerstedt, die der Anlass für ihre Gründung war.

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Christian Füller

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