Vom Holzschnitt zum Comic

Eine kleine Geschichte der Kinderbibel in Bildern
Neunte Deutsche Bibel. Nürnberg, Anton Koberger 1483. Foto: Landesbibliothek Oldenburg
Neunte Deutsche Bibel. Nürnberg, Anton Koberger 1483. Foto: Landesbibliothek Oldenburg
Mehr als tausend Titel von Bibelbearbeitungen für Kinder gibt es in der Geschichte der Bibel. Wie kommt es zu dieser Fülle von Kinderbibeln? Eine Antwort darauf formuliert die Wuppertaler Praktische Theologin und Religionspädagogin Christine Reents.

Der Reichtum der Bibel liegt in ihrer Vielfalt; seit Jahrhunderten spiegelt sich das in einer Fülle von Bibelbearbeitungen für evangelische, katholische und jüdische Kinder. In Deutschland sind rund tausend Titel auf dem Buchmarkt nachgewiesen, die sich in biblische Spruchbücher, bibelnahe Paraphrasen, freie Erzählungen und Bilderbibeln sortieren lassen. Aus Kostengründen war die Mehrzahl von ihnen unbebildert. Wie kam es zu dieser Fülle von Kinderbibeln?

Um 1500 ist der Begriff "Kinderbibel" noch unbekannt. Im katholischen Deutschland lässt sich im Spätmittelalter kein generelles Bibelleseverbot für Laien nachweisen. Da nicht zwischen Kindern und Laien unterschieden wird, wie der Begriff "Pfarrkind" als Bezeichnung für die Gemeindemitglieder belegt, lassen sich drei Quellen vor allem für die Bilder in späteren Kinderbibeln ausmachen: zum einen die achtzehn zum Teil illustrierten deutschen Bibeln vor Luthers Übersetzung, zum anderen Einzelbilder aus der Biblia-Pauperum-Tradition, sowie zwei Jugendbücher mit freien biblischen Erzählungen.

Foto: Privatbesitz
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Ganß neue Biblische Bilder-Ergötzung Aus dem Alten Testament. Nürnberg, Johann Andreae Endter Seel, um 1700.

Ein kurzer Gang durch die Geschichte der Kinderbibel in Bildern am Beispiel der Sage von Kain und Abel (1. Mose 4,1-16) soll einerseits die Abhängigkeit von alten Bildtraditionen und andererseits Neues in jeder Epoche aufzeigen. Die Geschichte vom Brudermord wurde gewählt, da das Miteinander und Gegeneinander von Geschwistern bis heute relevant ist.

Die Genesis erzählt, dass die Brüder - Abel ein Schäfer, Kain ein Ackerbauer - zu Rivalen werden wegen ihrer unterschiedlichen Tätigkeiten. Beide bringen Gott ein Opfer dar, Abel ein Lamm von seiner Herde und Kain von den Früchten des Feldes. Ohne Begründung heißt es, Gott "sah auf Abel und seine Gabe, und auf Kain und seine Gabe sah er nicht". Es ist ein Rätsel, dass Gott nur Abels Opfer annahm. Wie gehen Kinderbibeln mit diesem Rätsel um?

Holzschnitte als Vorläufer

Die Holzschnitte spätmittelalterlicher deutscher Bibeln zählen zu den Vorläufern späterer Kinderbibeln. Ein Trendsetter sind die Bilder der Kölner Bibel. Hier wird die Geschichte vom Brudermord auf einem in den Text eingepassten Holzschnitt in drei Bildszenen erzählt. Es beginnt mit der Opferszene. Links oben sind die Brüder als gegensätzliche Typen zu sehen; während der bartlose Jüngere, der fromme Abel vor dem Opferaltar kniet, steht der bärtige Ältere aufrecht und redet. Diese unterschiedliche Haltung der Brüder soll das Rätsel erklären. Ist hier vielleicht schon der eifersüchtige Kain erahnbar? Das Bild legt diese Interpretation nahe, da der Rauch von Abels Opfer zum Himmel aufsteigt, während der von Kains Opfer zur Erde herabfällt. Die Genesis erzählt nicht von dieser Rauchsymbolik; in der mittelalterlichen Ikonographie ist sie üblich. Als zweite Szene steht der Mord im Bildmittelpunkt. Kain hat seinen Bruder Abel zu Boden geschleudert, tritt mit dem linken Fuß auf seine Brust und wird ihn gleich mit dem Kinnknochen, vermutlich eines Rindes, erschlagen. Der Fromme muss leiden und sterben (Anklang an Matthäus 23,35 und Hebräer 11,4). Die dritte Szene zeigt das Verhör durch Gott, der in einem Himmelssegment hinter einem stilisierten Wolkensaum den Mörder fragt: "Wo ist dein Bruder?", der aber trotz allem dem Mörder auch Schutz gewährt.

Die lutherische Reformation fordert, dass jeder Hausvater Bischof in seinem Hause sein soll, so die Auslegung des Elterngebotes im Großen Katechismus. Für dieses Hauskatechumnat schreibt Luther 1529 das erste evangelische Kinderbibelchen, das Passional und außerdem den Kleinen Katechismus, der schon von Luther als Kinderbibel bezeichnet wird. Der Kleine Katechismus, durch Biblische Spruchbücher ergänzt, setzt sich durch. Auf katholischer Seite empfiehlt das Konzil von Trient zwar Bilder, doch fehlt eine katholische Bilder-, Kinder- und Laienbibel.

Im Barock sind teure Bilderbibeln in der Privatsphäre wohlhabender Familien beliebt. Aus diesem Kontext stammt die "Ganß neue Biblische Bilder-Ergötzung". Jede der 144 alttestamentlichen und der 67 neutestamentlichen Szenen füllt eine Seite des Albums. In einem prächtigen Rahmen finden sich zwei Szenen. Im Hintergrund links ist die Opferszene mit zwei Altären zu sehen; wieder steigt der Rauch von Abels Opfer auf, während der von Kains Opfer herabsinkt; nach der Begründung wird nicht gefragt. Die Mordszene steht im Bildmittelpunkt; hier wird ein riesiger Kain gleich mit einem Knüppel seinen Bruder erschlagen. Die Kulisse für das Drama bildet eine bewegte, phantastische Gebirgslandschaft. Die dritte Szene fehlt; damit fehlt auch der Hinweis auf Gottes Schutz, selbst für den Mörder. In protestantischen Bilderbibeln der Zeit sind Gottesfiguren selten. Ein Vierzeiler deutet dem Betrachter das Geschehen: Neid, Hass, Zorn und Wut verhindern das, "was vor Gott recht ist". Damit dient das barocke Erzählbild der Moralerziehung.

Foto: Privatbesitz
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Die Heiligen Schriften des Alten Testaments ...

Foto: Privatbesitz
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... in Hundert Biblischen Kupfern. Johann Ludwig Ewald, Carl Schuler, Freiburg o.J.

Nachdem sich Pietisten und Aufklärer zurückhaltend bis kritisch zu Bibelillustrationen geäußert hatten, entstehen in der Romantik neue biblische Bilder für Kinder, unterstützt durch Pestalozzis Pädagogik der Anschauung, durch volksmissionarische Impulse und durch eine verbesserte Drucktechnik.

Düster und neidisch

Der elsässische Romantiker Charles Louis Schuler, übrigens ein Katholik, verzichtet nach 1800 auf Pluriszenität und stellt die Geschichte in zwei Bildern dar, was die Spannung erhöht. Das erste Bild zeigt eine Palme als Symbol des Morgenlandes, dem Ort des Geschehens, darunter den Opferaltar mit zwei Rauchwolken. Der fromme Abel kniet betend davor. Neben Abel liegt ein kleines Lamm als Hinweis auf Abels Beruf und vielleicht auch auf Abel als Typos des unschuldig leidenden Christus (Hebräer 12,24). Im Hintergrund wirkt Kain düster und neidisch; der Erzähler erklärt, Kain sei stets undankbar gewesen. Deshalb komme sein Opfer nicht von Herzen; damit greift er die aus dem Barock und der Aufklärung bekannte moralische Deutung des Rätsels auf. Die zweite Szene zeigt den nach der Tat erschrockenen Mörder, der zum Himmel aufblickt. Im Bild, nicht im Erzähltext, fehlt der Hinweis auf Gottes Schutz für den Mörder.

Der badische Lehrer Jörg Erb widmete seinen "Schild des Glaubens" im Zweiten Weltkrieg "den Müttern"; die Evangelische Reichsfrauenhilfe hatte den Druck des Buches in einer Zeit unterstützt, in der in Deutschland kaum noch Religionsunterricht erteilt wurde. Erb erzählt bibelnah nach dem Luthertext; die rätselhafte Stelle lautet: "Und der Herr nahm Abels Opfer gnädig an; aber an Kain und seinem Opfer hatte er kein Wohlgefallen." Die Umrisszeichnungen von Paula Jordan lassen sich als Beerbung des romantischen Linearstils einordnen.

Foto: © Hans Jordan
Foto: © Hans Jordan

Schild des Glaubens. Jörg Erb, Paula Jordan, Kassel 1941.

Als Hintergrund übernimmt Jordan die Opferszene mit der beliebten Symbolik des aufsteigenden oder herabfallenden Rauches; als Vordergrund ergänzt sie eine Szene, die nicht ausdrücklich im Text geschildert wird: der Ermordete liegt vor den beiden Altären, während Kain die Mordwaffe, einen Stock, fallen lässt und eilig flieht. Auf dem Bild fehlt die Schlussszene mit dem Verhör durch Gott; wer auf Gottesfiguren und Gottessymbole verzichtet, kann das Verhör kaum ins Bild setzen. Das Rätsel, warum Gott die Opfer der Brüder unterschiedlich bewertet, bleibt ungelöst.

Seit Mitte der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts entsteht eine Fülle neuer Kinderbibeln unterschiedlicher Prägungen, allein seit der Jahrtausendwende 200 Titel für Kindergarten, Haus und Schule; zumeist sind es Lizenzausgaben. Ökumenische Kooperationen zugunsten weniger, durchdachter und erprobter Titel für unterschiedliche Altersstufen fehlen. Weithin sind Kinderbibeln Sache der Verlage.

Das Rätsel unserer Geschichte wird verschieden erklärt, bis dahin, dass Kain von den Früchten opferte, "die für ihn selbst nicht mehr gut genug waren". Als unbekanntes Beispiel wurde das Meditationsbild der Anthroposophin Ninetta Sombart ausgewählt, das den Konflikt in das Innere des Menschen verlegt.

Das Bild zeigt ein Gesicht mit zwei Hälften, einer blauen, geistigen, himmelsfarbenen und einer roten, feuer- und erdfarbenen. Die Augen sind verschieden; sie sehen einander nicht an. Wieder ist die Rauchsymbolik aufgegriffen, die helle Rauchsäule steigt zum Himmel und die rote kriecht über den Boden und vermischt sich mit der blutgetränkten Erde. Lediglich die kleine Opferszene am unteren Rand des titellosen Bildes verweist auf den biblischen Bezug. Da die Waldorfpädagogik eine Korrelation zwischen der Individualentwicklung des Kindes und der Entwicklung der Menschheit annimmt, sollen Kinder ihrer Entwicklung entsprechend Sagen, auch die Sagen des Alten Testaments verbunden mit den Sagen der Juden, kennenlernen. Das Nachwort unterscheidet grundsätzlich zwischen dem Gott des Volkes Israel und dem Gott der Liebe.

Foto: © Urachhaus
Foto: © Urachhaus

Das Alte Testament für Kinder. Irene Johannson, Ninetta Sombart, Stuttgart 2011.

Durch die Jahrhunderte finden sich Lösungen des Rätsels unserer Geschichte durch Moralisierung und Rationalisierung; für mich bleibt das Dunkle, das Ungerechte der Geschichte ein Rätsel ohne Antwort. Könnte es sich um einen Versuch handeln, die unerklärliche Rivalität der Brüder auf Gott als Urheber zu projizieren? In Kinderbibeln fehlt dieser Erklärungsansatz; hier soll die unbiblische Rauchsymbolik das Rätsel anschaulich lösen. Die Interpretation der Motivreihe steht im Forschungskontext einer Geschichte der Kinder- und Schulbibel in Deutschland.

Informationen

In der Landesbibliothek Oldenburg, Am Pferdemarkt 15, wird eine Ausstellung unter dem Thema: "Kinderbibeln in Bildern vom Holzschnitt bis zum Comic. Evangelisch - katholisch - jüdisch" mit Katalog präsentiert. Sie wird am Donnerstag, 1. November 2012 um 19 Uhr mit einem Vortrag eröffnet und bis zum 9. Februar 2013 gezeigt.

Literatur

Christine Reents/Christoph Melchior: Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel. Evangelisch - katholisch - jüdisch. V & R Unipress Verlag, Göttingen 2011, 676 Seiten, Euro 141,95.

Christine Reents

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