Sehr beengt ums Herz

Der angeblich kraftstrotzende Luther war ein schwerkranker Mann
Lukas Cranach d.Ä.: Luther auf dem Totenbett, 1546. Foto: akg-images
Lukas Cranach d.Ä.: Luther auf dem Totenbett, 1546. Foto: akg-images
Fragt man Menschen nach Martin Luthers Image, so fallen ihnen durchweg Vokabeln wie "standfest", "unbeirrbar", "kraftstrotzend", "urwüchsig", "kernig" ein. Und so zeigen ihn auch Denkmäler und Porträts. Doch dieses Luther-Bild ist unvollständig, wie Eckart Roloff, freier Journalist in Bonn, zeigt.

Martin Luther hat oft und laut über seine Leiden geklagt und darüber nachgedacht, wer ihn da warum so quäle. Häufig war er schwer krank, oft litt er unter Schmerzen. Diese Seite ist seit langem aus unserem Bewusstsein verschwunden. Auch neuere Biografien, etwa von Reinhard Schwarz, Athing Lexutt und Dietrich Korsch, schweigen sich dazu fast völlig aus. Krankheiten - noch immer ein Tabu? Schwer zu glauben. Auch Volker Leppins Buch mit dem vielversprechenden Titel Luther privat verwehrt Aufschluss. Immerhin einer hat schon vor Jahren viel zu diesem Thema herausgefunden: Hans-Joachim Neumann, ein Berliner Medizinprofessor und Chirurg. In seinem Buch Luthers Leiden (Wichern 1995) legt er ausführlich und gut belegt dar, was zum Patienten Luther zu sagen ist. Und das ist viel.

Denn Luther hat selbst Belege zu seinen Krankheiten in Mengen geliefert, in vielen Briefen, Reden und Gesprächen. Früher wurden sie offenbar stärker beachtet als heute; jedenfalls entstand vor allem um 1900 viel Literatur zum physisch und psychisch kranken Reformator. Man sollte annehmen, dass unsere Gegenwart, die so gern (und zu Recht) die Ganzheitlichkeit des Menschen sieht, dies wahrnehmen würde. Für Luther gilt das nicht. Der so kernig Wirkende müsse einfach kerngesund sein - so die simple, aber falsche Gleichung.

Wir wissen nicht, wann es mit Luthers Leiden losging. Doch der Mönch, der 1505 mit 21 Jahren ins Erfurter Augustinerkloster gegangen war, stellte sich selbst das Attest aus, dass er durch eifriges Fasten, Nachtwachen und Exerzitien "dem Körper mehr Last auferlegte, als er ohne Gefahr für die Gesundheit ertragen konnte", so dass er sich beinahe "zu Tode gefastet" hätte. Auch hatte er im Winter 1510/1511 die Strapazen einer langen Reise nach Rom durchlitten.

Häufige Gemütsverstimmungen

So ist es nicht erstaunlich, was Neumann schreibt: "Die meisten Gefahren für Luthers Gesundheit liegen für mich in seinem langjährigen Klosteraufenthalt ... Im Kloster Erfurt wurden viele Krankheiten Luthers vorprogrammiert." Aktenkundig sind aus Luthers frühen Jahren extreme Enthaltsamkeit und Mangel an Schlaf, ein hartes Lager mit karger Bedeckung und häufige Gemütsverstimmungen, Folgen der vielen Ämter und Pflichten des Mannes, der rasch Doktor und Dozent geworden war, dazu ein sehr gefragter Prediger. Und das in Wittenberg, "am Rand der Zivilisation", wie er meinte.

Neben Luthers eigenen Aufzeichnungen gibt es etliche Zeugnisse seiner Freunde und Ärzte, etwa die des Doktor Auerbach, der auch Leibarzt des sächsischen Kurfürsten war. Über Martin Luthers Therapeuten hatte der Gynäkologe Wolfgang Böhmer, von 2002 bis 2011 Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, schon 1983 in Die Zeichen der Zeit, eine der Vorgängerinnen von zeitzeichen, einen instruktiven Aufsatz geschrieben. Was Auerbach und andere über Luthers Leiden notierten, verhilft heute zur Rekonstruktion, manchmal freilich auch zu fragwürdigen Schlüssen bis hin zu psychiatrischen Diagnosen.

Doch an vielen Krankheiten ist nicht zu zweifeln, nicht an den Magen- und Gallenbeschwerden, den häufigen und heftigen Verstopfungen, dem Harnstau, den Nierenkoliken, den Herzschmerzen, dem hohen Blutdruck. Auch nicht am Ohrensausen, an Mittelohrentzündungen, Gicht und Angina, Phasen von schwerem Kopfweh, Ohnmachtsanfällen und Schwermut, von Halluzinationen. Welche Befunde hätte die moderne Medizin zu Tage gefördert?

"Ich krächze am Steine"

Luther konnte nicht immer genau wissen, was er hatte. So notiert er: "Ich hatte mir ein schweres Magenleiden zugezogen", und mit Blick auf das Schienbein: "Meine Tibia will noch nicht heilen." Eine Nierenkolik empfindet er so: "Ich gehe abermals schwanger und liege in Kindesnöten, krächze am Steine." Zu einem Anfall von Angina pectoris: "Ich fühle mich sehr beengt ums Herz und wäre beinahe gestorben." Im Juli 1527 erleidet er offenbar eine Attacke mit Schwindel- und Tinnitus-Symptomen. "Mir wird übel, Wasser her oder was ihr habt, oder ich vergehe", stöhnt Luther gegenüber seinem Freund Justus Jonas, der ihn neunzehn Jahre später auch in den Tod geleiten wird

Er ruft Gott im Himmel an, macht sein Testament und glaubt sich dem Ende nahe. Einmal hält er fest, dass er wochenlang an "Donnern im Kopf" leide: "Ich werde durch Schwindel und Ohrgeräusche beunruhigt, ich weiß nicht, ist es Anspannung oder eine Anfechtung des Satans." Es war sicher Anspannung dabei, mit einem Gegenwartsbegriff: "Stress", eine psychische Dauerbelastung, auch aufgrund der Konflikte und Gegner bis hinauf zu Papst und Kaiser, denen Luther jahrelang ausgesetzt war. In Dauerdruck sehen heute viele Fachleute den Auslöser nicht allein für Tinnitus. Neumann hält mit seinen Deutungen dazu neue Wege in der Luther-Forschung für möglich, vor allem mit Blick auf die zunehmende Polemik des Reformators, auf Attacken und Ausfälle, etwa gegen Bauern und Juden.

Aufgerissen und blutig

Bemerkenswert bleibt, dass Luther bei den Schilderungen seiner Schmerzen keine Tabus kannte. Jahrelang haben ihn (auch) Verstopfungen und Hämorrhoiden geplagt. "Wie noch nie in meinem Leben leide ich unter hartem Stuhlgang", schreibt er. Warum? "Damit sucht der Herr mich heim, dass ich nicht ohne Kreuz lebe." Neumanns Diagnose lautet "gestörte Darmmotilität", wohl wegen allzu schlackenarmer Kost. Die war damals normal. "Ich esse, was mir schmeckt", befand Luther, "und leide darnach, was ich kann." Und wie er litt: "Es presste mir fast die Seele aus. Nun sitze ich da wie eine Wöchnerin, aufgerissen, verletzt und blutig."

Das Vokabular des Schmerzes ist bei Luther äußerst anschaulich. Verursacher ist für ihn meist der Teufel. "Er macht bei mir seine Badereise", befindet er, "der Satan hängt an mir mit gewaltigen Seilen und zieht mich mit Schiffstauen in die Tiefe." Er ist "der Würger des Fleisches", "der böse Geist"; gegen ihn helfen jedoch Gebet und Fürbitte. Und: "Christus steht mir bei und hängt an mir an einem dünnen Faden - und ich an ihm." Ein weiteres Luther-Wort: "Mich peinigt der Satan mit verschiedenen Faustschlägen, so dass er meine körperliche Gesundheit unsicher macht. Das wird mich wohl binnen kurzem noch töten." So dachte er 1531. Aber er lebte danach noch fünfzehn Jahre.

Martin Luther hat oft - am heftigsten in Schmalkalden, in Gotha und mit 46 Jahren in Coburg, wo er sich schon ein Grab suchte - um sein Leben gerungen. "Wenn ich nur begraben wäre", schreibt er einmal, "ich bin nicht an Jahren, sondern an Kräften alt", ein anderes Mal. Auch fragt er: "Ist der Tag der Erlösung vor der Tür?"

Die "herzliebe Doctorin"

Doch es gibt auch gute Kunde, ebenfalls von Luther. Ging es ihm wieder besser, schaltete er rasch um. "Ich lebe inzwischen wohl", "mein After und Leib haben sich endlich mit mir auf freundlichen Fuß gestellt", "über meine Gesundheit seid nicht besorgt (...) ich habe nicht umsonst gelebt", berichtete er dann seiner Katharina, der "herzlieben Doctorin".

Und welche Mittel nahm der Patient? Die Auskunft darüber ist viel karger als die Schilderung der Symptome. Oft waren die Ärzte ratlos, auch Katharina konnte wenig helfen. Mal wurde er zur Ader gelassen, mal gab es pauschal "Arzneien", warme Umschläge und gegen die Hartleibigkeit "sechs Löffelchen Butter" und Aloepillen, ein Abführmittel bis heute. Der Darm wurde per Klistier traktiert, also durch Einläufe. Von seiner "Doctorin" erbat er sich kalten Erbsenbrei und Brathering.

Seine Ärzte rieten zu strenger Diät und mehr Bewegung. Runter mit dem Gewicht, Vollwert und Vollkorn war die Devise, weniger Salz und Zucker. Doch Luther hörte darauf wenig, obwohl er 1539 in einer der Wittenberger Predigten sagte, wie Wolfgang Böhmer weiß: "Einfache Nahrung macht den Leib gesund und bewahrt ihn vor Krankheiten." Auch empfahl er Mäßigkeit und diätetische Lebensregeln. Schluss also mit dem fett- und purinreichen Essen, stattdessen viel Gemüse und Obst, kaum Alkohol. Doch der Geplagte pries sein "Naumburgisch Bier" wie ein Werbetexter als "Königin aller Biere". Es trieb den Harn und verhalf ihm zu weicherem Stuhl. Über seine Therapeuten meinte er gleichwohl: "Ich muss ihnen gehorsam sein."

Um weniger zu leiden, hätte der Reformator wohl eines tun müssen: sein Leben reformieren. Doch er war zum Manager geworden, oft unterwegs in schwerer Mission. Der scheinbar so Kraftvolle übernahm sich, zermürbte sich in Streitigkeiten. Und dennoch wird er, für seine Zeit nicht wenig, nämlich 63 Jahre alt. Und lässt uns zurück mit einer schwierigen Frage: Wie haben all diese Lasten seine Auftritte beeinflusst, in Augsburg, Worms und Marburg? Und wie viel von seinen Verdüsterungen in späteren Jahren ist seinem Leiden zu zuschreiben?

Eckart Roloff

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