Sommernacht

Eichendorffsche Stille und Großstadttrubel
Foto: pixelio / Dietmar Meinert
Dort, bei Eichendorff, die Einsamkeit, hier und heute der Trubel des Events, der Lärm der Stadt. Aber in beidem die Sehnsucht.

Am Abend eines sehr schönen Sommertags sitze ich mit Freunden im blühenden Sommergarten. Langsam senkt sich die Nacht hernieder. Die Nocturna-Blume entfaltet ihre gelben Blüten, im Dunkeln beginnen sie zu leuchten. Sterne sind noch nicht zu sehen, zu groß ist die urbane Lichtverschmutzung. Dafür die Positionslichter von landenden und startenden Flugzeugen. Wir reden von alten Zeiten, trinken, schweigen lange. Die prächtige Sommernacht macht uns ergriffen-stumm.

Plötzlich hören wir die Detonationen eines Feuerwerks von der Elbe her, das Dröhnen von Schiffssirenen. Ach ja, Hamburg feiert die sogenannten Cruise Days, ein Event, das jedes Jahr Zehntausende anzieht. Fünf große Kreuzfahrtschiffe haben im Hafen festgemacht und werden nun, begleitet von vielen kleinen Booten, elbabwärts die Hansestadt Richtung Nordsee verlassen. Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre zur Elbe. In Ottensen, ungefähr dort, wo das Gartenhaus von Salomon Heine steht ("Haus Affrontenburg" nannte es sein dichtender Neffe) reihe ich mich unter die Zuschauer ein, die von der Höhe des Elbhangs die Auslaufparade beobachten. Die Hafenanlagen, Kräne, Docks, Lagerhäuser und Brücken sind von einem "Lichtkünstler" blau illuminiert worden. Zusammen mit den unzähligen Lampen, die den Hafen, in dem auch nachts gearbeitet wird, taghell machen, eine beeindruckende Lichtshow.

Auch die Schiffsflotille, die jetzt vorbeizieht, ist hier und dort blau erleuchtet. Die fünf großen Dampfer, die mit tausenden von Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord sich auf Kreuzfahrt begeben, ans Nordkap, in die Ostsee, ins Mittelmeer oder über den Atlantik bis in die Karibik und weiter, werden von vielen kleinen Schiffen begleitet - Motorbooten, Barkassen, Segelschiffen, Ausflugsdampfern. Die Passagiere stehen an der Reling und winken. Neben mir höre ich einen der Zuschauer zu seiner Frau sagen: "Wäre das schön, jetzt auf einem dieser Schiffe in so einer Nacht mitreisen zu können." Das erinnert mich an eine Zeile aus einem Eichendorff-Gedicht, das aber eine ganz andere Szenerie aufruft: Das dichtende Ich steht einsam am Fenster und hört aus weiter Ferne "ein Posthorn im stillen Land". Da "entbrennt ihm das Herz im Leibe", und es denkt heimlich: "Ach, wer da mitreisen könnte in der prächtigen Sommernacht."

Wieder bin ich ergriffen, diesmal von dieser Kontrast-Assoziation: Dort, bei Eichendorff, die Einsamkeit, hier und heute der Trubel des Events, der Lärm der Stadt. Aber in beidem die Sehnsucht. Bei Eichendorff heißt es weiter: "Zwei junge Gesellen gingen vorüber am Bergeshang/ich hörte im Wandern sie singen, die stille Gegend entlang. Sie sangen von Marmorbildern/von Gärten, die überm Gestein/in dämmernden Lauben verwildern/Palästen im Mondenschein/wo die Mädchen am Fenster lauschen/wann der Lauten Klang erwacht/Und die Brunnen verschlafen rauschen/in der prächtigen Sommernacht."

Es ist nicht nur Italien, es ist die Transzendenz der Sehnsucht selbst, die dies Gedicht in Worte fasst mit dem Bild der "prächtigen Sommernacht". Das Adjektiv verweist auf den bestirnten Himmel, der wie ein prächtig bestickter Mantel leuchtet, sozusagen der Vorhang vor dem ungeheuren Weltall. Den wir in der Stadt aber nicht mehr sehen können. Je mehr wir illuminieren, umso weniger sehen wir noch "die Lichter, die Gott an den Himmel gesetzt". Dabei sollen sie uns in ihrer Pracht an unsere Bestimmung, an unsere Grenzen erinnern. Ich sehne mich nach dem stillen Garten. Nur weg aus dem Lichttrubel um mich herum, zurück dahin, wo nur noch die Nachtblume leuchtet und vielleicht, später, doch noch ein paar Sterne.

Hans-Jürgen Benedict

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat

Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"