Wunders geschickte Leut'

Gott ist es, der uns bilden soll. Die Bedeutung der Reformation für die Bildung
Foto: akg-images
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Protestantismus bedeutet Bildung, das ist immer noch eine gängige Assoziation. Inwieweit aber geht unser heutiges Bildungsverständnis wirklich auf die Reformation und insbesondere auf Luther zurück? Henning Schluß, Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungstheorie an der Universität Wien, wirft einen Blick auf die Anfänge und zeigt, wie gegenwärtiges christliches Bildungsdenken seine Wurzeln bei dem Reformator hat.

Meister Eckart war es, der eine erst jetzt langsam wieder ins Bewusstsein rückende Dimension des Bildungsbegriffes entdeckte. Während unser Verständnis von Bildung weithin von Wilhelm von Humboldt bestimmt ist, der Bildung als die aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Welt und sich selbst versteht und in dieser Vita activa die einzige Möglichkeit erblickt, angesichts der sich ausdifferenzierenden Welt als Mensch eine Person zu bleiben, schlug Meister Eckart das Gegenteil vor. Dabei war er in der Einschätzung der Diagnose der Welt - Jahrhunderte vor diesem - nicht weit von Humboldt entfernt. Auch er sah die Welt als Quelle der Entfremdung des Menschen an. Aber überwunden werden könne diese nicht etwa in der tätigen Auseinandersetzung mit der Welt, sondern nur in der Abwendung von ihr, in der Hinwendung zu Gott. Es ist nicht unser unbestimmtes Selbst, das wir selbstbildend gestalten sollen, sondern Gott ist es, der uns bilden soll.

Chronologisch ziemlich genau in der Mitte zwischen Meister Eckart und Humboldt liegt die Reformation. Hatte sie etwas mit dem Bedeutungswandel des Bildungsbegriffs zu tun? Noch in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts meinte man, eine besondere Affinität des Protestantismus zum Bildungsthema empirisch verifizieren zu können, wenn als Kunstfigur der damaligen Bildungsverlierer das "katholische Arbeitermädchen vom Lande" (Dahrendorf) galt. Auch wenn das Muster des Bildungsverlierers heute laut pisa längst ein muslimischer Junge von Hartz-IV-Empfängern in der Großstadt ist und zwischen Katholiken und Protestanten kein signifikanter Unterschied in der Bildungsnähe mehr nachweisbar ist, so gilt doch der Kulturprotestantismus auch gegenwärtig vor allem als Bildungsphänomen.

Volksbildung in Klöstern

Dabei begann der Protestantismus mit einer wahren Bildungskatastrophe. Institutionalisierte Bildung war im Mittelalter ein rares Gut. Die Kirche als einzig verbliebene reichseinheitliche Institution hatte eine Reihe der antiken öffentlichen Aufgaben übernommen. Auch wenn sich mit der Gründung der ersten Universitäten im Abendland und der Bewegung der Humanisten ein von der Kirche losgelöstes Bildungsleben zu entfalten begann, erreichte es doch kaum eine Breitenwirkung. Wenn man von so etwas wie Volksbildung überhaupt sprechen kann, dann leisteten sie die Klöster, an die zuweilen Elementarschulen angeschlossen waren (sieht man einmal von Ausnahmen wie der Leipziger Bürgerschule ab).Es war auch nicht recht einzusehen, wozu Bildung überhaupt gut sein sollte, denn was die Kinder im Alltag und im Beruf brauchten, lernten sie im "ganzen Haus". Lesen, Schreiben und Latein waren vor allem notwendig, wenn man in der kirchlichen Hierarchie etwas werden wollte.

Damit brachen durch die Reformation zwei wesentliche Voraussetzungen für institutionalisierte Bildung weg: In den Ländern der Reformation wurden die Klöster aufgelöst und die kirchlichen Hierarchien abgeschafft. Somit gab es die Orte nicht mehr, in denen Unterricht erfolgt war, und schlimmer noch, es gab auch kein Interesse der Eltern mehr, ihre Kinder überhaupt unterrichten zu lassen. Treffender als Luther selbst in seiner Schrift an die Ratsherren ("An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen", 1524), kann man die Bildungskatastrophe in den Ländern der Reformation kaum beschreiben: "Ja weyl der fleyschliche hauffe sihet, das sie yhre söne, töcher und freunde nicht mehr sollen oder mügen ynn klöster und stifft verstossen und aus dem hause und gutt weysen und auff frembde gütter setzen, will niemand meher lassen kinder leren, da mit sie sich erneren."

Die Ausbildung der Kinder war für die Eltern kostenpflichtig. Darüber hinaus entgingen ihnen auch die Einnahmen durch die fehlende Arbeitskraft der Kinder für die Zeit, die diese in der Schule zubrachten. Bildung bedeutete deshalb einen doppelten Verlust ohne das Versprechen einer späteren Rendite durch eine kirchliche Karriere.

Geniestreich des Teufels

Allerdings verstärkt Luther diese Ablehnung der alten Schule noch, indem er ihr auch inhaltlich die Legitimation entzieht. Die alten Schulen seien ein Geniestreich des Teufels gewesen, um sich die Weltherrschaft zu sichern. Mit Herzblut hat Luther einem kaputten Erziehungssystem den Kampf angesagt: "... ehe ich wollt, das hohe schulen und klöster blieben so, wie sie bis her gewesen sind, das keyn ander weyse zu leren und leben sollt fur die jugent gebraucht werden, wöllt ich ehe, das keyn knabe nymer nichts lernte und stum were." Es ist die eigene Schulerfahrung, die Luther noch Jahrzehnte später mit Schauder erfüllt: "Und ist itzt nicht mehr die helle und das fegfewer unser schulen, da wir ynnen gemartert sind uber den Casualibus und temporalibus, da wir doch nichts denn eyttel nichts gelernt haben durch so viel steupen, zittern, angst und jamer."

Allerdings entwickelt Luther auch eine Alternative zu diesen Marter-Institutionen. Statt des alten Lernens mit Gewalt und Angst will Luther das natürliche Interesse, den Erkenntnisdrang und auch den Bewegungsdrang in seiner Vorstellung der Schule fruchtbar machen. Statt die Kinder in die starren Schulen einzupassen, solle man doch lieber die Schulen und den Unterricht an kindliche Bedürfnisse anschlussfähig gestalten.

Anders als Melanchthon, der sich als "Lehrmeister Deutschlands" vor allem um die höhere Bildung bemüht, macht Luther gleich mehrfach die Elementarbildung zu seiner Sache. Schon zuvor hatte Luther sich an die Eltern und an die Landesherren gewendet. Nun, in der Ratsherrenschrift, spricht er die Kommunen an: Es sei in ihrem eigenen Interesse, dass sie gute Schulen hätten, denn sie bräuchten eine gut ausgebildete Jugend. Eine anspruchsvolle Erziehung in einer Schule kommunaler Trägerschaft sei jedoch nur dann zu verwirklichen, wenn die Stadt auch ordentliche "tüchtige meyster und meysterynn" hielte. Eben deshalb drängt Luther auf eine angemessene Entlohnung der Schulmeister. Er stellt den Ratsherren eindringlich vor Augen, dass Bildung eine Investition in die Zukunft des gesamten Gemeinwesens ist. Luther setzt darüber hinaus seine ganze Person ein, um das Ansehen des Lehrerberufes anzuheben. So predigt Luther 1530, dass er, wenn er das Predigeramt lassen müsste oder könnte, keines lieber haben würde als das des Lehrers, und er erkennt ihm einen ebenso hohen Stellenwert zu wie dem Predigeramt.

Seiner Zeit weit voraus

Nicht nur in der Frage des Schulbesuchs beider Geschlechter ("... die aller besten schulen beyde fur knaben und meydlin an allen ortten auff zu richten") ist Luthers Forderung der Wirklichkeit seiner Zeit weit voraus. In Bezug auf die Kriterien zum Besuch der Bildungseinrichtungen verabschiedet Luther die Praxis, dass der Stand bestimmt, welche spezielle Ausbildung notwendig ist. An ihrer Stelle entscheidet die erbrachte Leistung über den Zugang zu höherer Bildung: "... tüchtige knaben solt man zur lere halten, sonderlich der armen leute kinder". Aber auch die weniger Begabten, die "nicht so wol geschickt weren", sollen Schulbildung erhalten - diese soll nicht vom Standesprivileg zum Privileg der Leistungsstarken werden.

Wenn pisa uns heute zeigt, dass der Zusammenhang von Bildungserfolg und sozioökonomischer Herkunft in Deutschland weit höher ist als im OECD-Durchschnitt, dann lässt uns aufhorchen, dass schon Luther Schule als eine Institution begriffen hat, die die unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründe der Familien ausgleichen sollte. Schule als Instrument distributiver Gerechtigkeit!

Doch die Funktion schulischen Unterrichts sieht Luther über die funktionalen Begründungen hinaus in einer universellen Befähigung des Individuums durch das, was wir heute Allgemeinbildung nennen. Die Welt ist schon für ihn so komplex geworden, dass die eigene häusliche Erfahrung nicht mehr ausreicht, um der Welt noch gewachsen zu sein. So bedarf es einer spezifischen Art der Unterrichtung: "...da würden sie hören die geschichte und sprüche aller wellt, wie es diser stad, disem reich, disem Fürsten, disem man, disem weybe gangen were, und kündten also ynn kurtzer zeyt gleich der gantzen wellt von anbegynn wesen, leben, rad und anschlege, gelingen und ungelingen fur sich fassen wie ynn eym spigel, daraus sie denn yhren synn schicken und sich ynn der welt laufft richten künden mit Gotts furcht". Wie in einem Spiegel - doch nicht so, dass die Interpretation der Dinge gleich mitgeliefert würde, vielmehr soll die Fähigkeit dazu und zur Sinngebung bei den Schülern gefördert werden - das erst ist Bildung.

Tüchtig machen

Die Griechen sind ihm auf Grund ihrer universalen Bildung Vorbild. "Ich rede fur mich: Wenn ich kinder hette und vermöchts, Sie müsten mir nicht alleyne die sprachen und historien hören, sondern auch singen und die musica mit der gantzen mathematica lernen. Denn was ist dis alles denn eyttel kinder spiel? darynnen die Kriechen yhre kinder vor zeytten zogen, da durch doch wunder geschickte leut aus worden zu allerley hernach tüchtig". Bildung soll also zu "allerley" tüchtig machen. Wozu im Einzelnen die Kinder tüchtig gemacht werden mussten, konnte man in der Ständegesellschaft noch wissen. In neuzeitlichen Gesellschaften gibt die Standesherkunft der Eltern keine verbindliche Auskunft über die Bildungsanforderungen der nächsten Generation mehr. Für das moderne Bildungsdenken bedeutet Bildung nicht, heranwachsende Menschen in eine beliebige Form zu bringen, sondern sie in den Stand zu setzen, sich mit ihrer Welt und mit sich selbst auseinandersetzen und den eigenen Lebensweg (mit-) entwerfen zu können: Freiheit ist die unabdingbare Voraussetzung eines solchen Bildungsbegriffs. Bildung in diesem Sinne ist eine Praxis der Freiheit.

War auch Luthers Vorstellung von Bildung schon eine solche, dass diese als Praxis der Freiheit möglich oder wenigstens denkbar wurde? Gewiss verstand Luther Freiheit nicht als losgelöste Autonomie oder gar Willkürfreiheit. Sein Freiheitsbegriff bleibt an das menschliche Miteinander und an Gott gebunden.

Bildung in evangelischer Perspektive

Im Bereich der Welt (als leiblicher Mensch) ist für den Menschen allein die politische Vernunft maßgebend, insofern ist er frei. Allerdings befindet er sich hier immer in einem Geflecht von Abhängigkeiten gegen die Obrigkeit und ist insofern auch (ein-)gebunden. Im Bereich des Glaubens (als geistlicher Mensch) ist jeder Mensch selbst der letzte Interpret seines Gottesverhältnisses und ist insofern frei.

Allerdings steht Gott ihm immer als ein ihn Befreiender gegenüber, und insofern ist der Mensch auch hier an Gott gebunden. Das erlaubt Anschlüsse an den Bildungsbegriff Meister Eckarts: Der versteht Bildung als Geschehenlassen der Überbildung durch Gott, ohne dass dadurch das aktive Moment des seine Zukunft selbst gestaltenden Menschen ausgeschlossen würde. In einer Zeit, in der das moderne Konzept des Homo Faber und seiner Freiheit als Autonomie in der Krise ist, könnte sich das Luthersche Freiheitsverständnis als ein Zusammenspiel von Freiheit und Abhängigkeiten unserer Situation angemessener erweisen. Vielleicht ließe sich von der Auseinandersetzung mit Luthers Bildungskonzept für ein evangelisches Verständnis von Bildung Folgendes formulieren:

Dass Gott den Menschen als sein Gegenüber geschaffen hat, ist der zentrale Ausgangspunkt christlichen Bildungsverständnisses. Es folgt daraus zum einen, dass jedem Menschen eine unverlierbare Würde zugesprochen ist. Es folgt aber auch, dass der Mensch frei ist, die Welt, in die er geboren wurde und die ihm gegeben ist, zu gestalten, sich zu ihr und sich selbst ins Verhältnis zu setzen. Freiheit wird von der Geschichte Gottes mit seinen Menschen als Befreiung aus unfrei machenden Verhältnissen verstanden, als Befreiung zu gleichberechtigten Beziehungen. Damit sind die Eckpunkte des Evangelischen Bildungsbegriffes deutlich: Es geht um eine Praxis der Freiheit, die allen Menschen in gleicher Weise zukommen muss, die deshalb einen Öffentlichkeitsanspruch hat und dazu befähigt, eben die von Gott zugesprochene Freiheit verantwortlich nutzen zu können. Bildungsverantwortung in evangelischer Perspektive unterstützt von daher alle Bemühungen, die Menschen sich als das erfahren lassen, als das sie gemeint sind: als mündige Geschöpfe, als Gegenüber Gottes, der Welt und ihrer Mitmenschen.

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Henning Schluß

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