Ein Briefabenteuer

Literarisches Denkmal für Barth
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Der vielfach für sein Werk ausgezeichnete Martin Walser setzt dem Schweizer Theologen Karl Barth ein würdiges Denkmal. Doch wer glaubt, nur das Alter triebe Walser zu den religiösen Themen, der irrt. Denn nach dem Glauben gefragt hat Walser schon immer...

Martin Walser ist in seinem Schriftstellerleben immer wieder Unrecht geschehen. Als Mitglied der Gruppe 47 und in den Jahren danach galt er vielen als Linker. Und als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1998 als national Rechter, ja, gar als Antisemit. Öffentlich hat es der 85-Jährige heute leichter. Aber eine gewisse Nörgelei an ihm ist nicht zu überhören. Seinem Alter seien die religiösen Themen geschuldet: Bei Muttersohn, wie im Bändchen Über Rechtfertigung, eine Versuchung - und jetzt Das 13. Kapitel. Dagegen darf man feststellen: Nach dem Glauben gefragt hat Martin Walser schon immer.

Eindeutig ist der neue Roman ein Briefabenteuer und eine Leidenschaftserkundung. Als geistiger Mentor der Theologieprofessorin Dr. Maja Schneilin zieht Karl Barth, - "der Lehrer aller Lehrer" - mit seiner Auslegung Der Römerbrief durch die Seiten. Der Austausch zwischen der Lehrenden und dem Schriftsteller Basil Schlupp wechselt hin und her. Beide Verheiratete geraten schreibend per Mail und iPhone in eine gegenseitige Faszination, die nach einer einzigen Begegnung bei einer Einladung des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue entstanden ist.

Dann muss dem 60-jährigen Ehemann Korbinian, er selbst Professor für Molekular-Biologie und Unternehmer mit einem Biologielaboratorium in der Nähe von Berlin, ein bösartiger Tumor in der Bauchhöhle entfernt werden. Er überlebt die Operation und Therapie. Maja begleitet ihren Mann bei einer Radtour zur Rekonvaleszenz durch die Wildnis in Kanada. Von dort sollen beide nicht zurückkehren. Doch ihr Tod bleibt rätselhaft: Ein Suizid oder Unfall? Das 13. Kapitel wird nicht mehr geschrieben.

Walser ist ein Meister der Formulierungen: Wem würde schon "mühelose Herzenshöflichkeit" einfallen? Oder: "Ein Brückenbau mit Wörtern ins Voraussetzungslose", mit denen er das eigentümliche Verhältnis von Briefen und Mails der sich Austauschenden beschreibt. An anderer Stelle liest sich der Roman-Autor so: "Auch jeder Roman ist ein Sachbuch. Wenn er das nicht ist, ist er auch kein Roman. Der Roman ist ein Sachbuch der Seele."

Der vielfach für sein Werk ausgezeichnete Walser setzt dem Schweizer Theologen Karl Barth ein würdiges Denkmal. Sein Römerbrief sei 1919 eine Sensation gewesen, eine Revolution des theologischen Denkens. Tatsächlich hatte der damals noch Safenwiler Pfarrer in seinem epochalen Werk Paulus überraschend neu ausgelegt. Walser zitiert auch den in der ersten Auflage zu lesenden Schluss des Vorworts: Wenn er sich in seinem neuen Fragen und Forschen nach der biblischen Botschaft täusche, so "hat dieses Buch Zeit, zu - warten. Der Römerbrief selbst wartet ja auch". Er könne sich vielleicht vorstellen, wie dieser "angreiferische Satz in die bürgerlich behäbige evangelische Verschlafenheit hineinfuhr!", lässt Walser die Theologin schreiben. Man darf vermuten, das geduldige Warten Karl Barths ließe der Georg-Büchner-Preisträger auch für die nicht ungeteilte Resonanz auf sein eigenes Schaffen gelten. Er lässt seine Theologieprofessorin sagen: "Dieses Buch kann warten. Auch auf uns." Ewiges hat eben Zeit. Zeit wird es, die prägende Bedeutung Martin Walsers für die deutsche Literatur besser zu verstehen. Denn gegen falsche Etiketten wehren wird sich der oft Gescholtene bis ins höchste Alter.

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012, 272 Seiten, Euro 19,95.

Roger Töpelmann

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Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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