Dank der Nordkirche

Ist es möglich, ein Motorrad besonders christlich zu steuern?
Foto: privat
Auf den spezialisierten Seelsorger müssen allerdings die meisten anderen Fahrzeugsparten vorläufig verzichten - wohl dem, der ein Motorrad hat.

Viele werden sich die Augen gerieben haben am 12. August. Auf dem Marktplatz in Greifswald hatten sich etwa tausend Motorradfahrer und -fahrerinnen aus ganz Deutschland versammelt. Ein Motorradgottesdienst wurde angeboten, und sie alle waren gekommen. Verpackt in zünftiger Kluft - Helm ab zum Gebet - saßen sie auf ihren kraftstrotzenden Maschinen, während ihnen der aus Schleswig-Holstein angereiste Bikerseelsorger Uwe Stiller - selbst unverkennbar ein Fan des rasanten Zweiradvergnügens - den Gottesdienst hielt.

Das NDR-Fernsehen vermeldete am Abend, dass dank der erst kürzlich gegründeten Nordkirche nun auch der Osten an dieser Version des kirchlichen Segens partizipieren könne. Es sei ein "Impuls für die Einheit der Nordkirche". Die Dankbarkeit dafür wird gewiss überschwänglich sein, ist ihr doch ein Erotikgottesdienst - wie erst kürzlich in Wiesbaden - erspart geblieben, auch wenn dieser womöglich für noch mehr Menschen prickelnd gewesen wäre.

Die Gefahren, die im Biker-Vergnügen liegen, wurden der besonderen Aufmerksamkeit Gottes anvertraut. "Fahr nicht schneller als dein Schutzengel fliegen kann" - das ist doch einmal eine klar orientierende Aussage, die zudem nicht nur für Motorradfahrer gilt, sondern von vielen sinnvoll gehört werden kann. Auf den spezialisierten Seelsorger müssen allerdings die meisten anderen Fahrzeugsparten vorläufig verzichten - wohl dem, der ein Motorrad hat.

Zweifellos gibt es christliche Motorradfahrer, aber es gibt auch christliche Fahrradfahrer, viel mehr sogar, und die Frage drängt sich auf, was beim Motorrad mehr zu einem Gottesdienst drängt als bei einem Fahrrad. Das möchte man doch gern verstehen. Christliche Schachspieler oder christliche Feinschmecker benötigen keine spezielle Aufmerksamkeit, setzen sie sich doch keinem besonderen Gefahrenrisiko aus.

König Fußball ist es dagegen gelungen, zumindest temporär einen begeisterten Fußballpfarrer zu berufen, und manche Stadien warten mit Sakralräumen für Fan-Kasualien auf. Besondere Gefahren lauern dagegen auf die christlichen Segelflieger und Ballonfahrer, den christlichen Bergsteiger oder den christlichen Hochseesegler und Tieftaucher - doch auf einen Segelflugseelsorger oder Yachtingseelsorger können sie nicht setzen, ihnen bleibt nur die christliche Normalkost.

Ist es möglich, ein Motorrad besonders christlich zu steuern, was so von einem Segelflugzeug nicht gesagt werden könne? Oder gilt der besondere Beistand den motorradfahrenden Gewissen? Aber was ist mit den christlichen Piloten und Lokomotivführerinnen? Wäre nicht auch ein besonderer Beistand für christliche Geflügelproduzenten oder christliche Lammfleischesser sinnvoll?

Damit ich nicht missverstanden werde: Es leuchtet mir ein, dass christliche Unternehmer sich organisieren und nach ihrer besonderen Verantwortung fragen. Vergleichbar geschieht das ja auch in den politischen Parteien. Das Christliche wird da jeweils zu einer besonderen Herausforderung, in der man auch von der Kirche nicht allein gelassen werden will. Im Blick auf die Motorräder scheint es mir allerdings eher um eine Herausforderung des gewiss weitherzigen Humors Gottes zu gehen.

Michael Weinrich

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