Gemeinde von Zugvögeln

Warum es schwer ist, junge Menschen für die Studierendengemeinden zu gewinnen
Abendgebet – Studierende finden auch geistliche Angebote in der ESG. Foto: ESG
Abendgebet – Studierende finden auch geistliche Angebote in der ESG. Foto: ESG
Die Evangelischen Studierendengemeinden (ESG) suchen ein neues Profil: Sie wollen jungen Leuten eine Heimat auf Zeit bieten und mitten im stressigen Universitätsbetrieb eine Anlaufstelle sein. Der Journalist Thomas Krüger hat in Westfalen und Berlin-Brandenburg Eindrücke gesammelt.

Leise dringt Musik aus dem Gästezimmer der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Bielefeld - ein Laptop ist aufgebaut, es laufen Songs von Xavier Naidoo: "Sie ist nicht von dieser Welt, die Liebe, die mich am Leben hält ..." Von Zeit zu Zeit treten junge Leute ein, lauschen eine Weile und machen sich auf zur nächsten Station des "Gottesdienstes mit allen Sinnen" zum Thema "Hören".

Ein Freitagabend Mitte Juli: Die ESG Bielefeld feiert den Abschluss des Sommersemesters mit Gottesdienst, Kleinkunst und Büffet. Über dreißig Gäste sind gekommen - die Vorbereitung hat sich für Pfarrerin Corinna Hirschberg und die Tutorinnen Anna, Lena-Marie, Arnica und Danièle gelohnt. Die vier Studentinnen bilden mit der Pastorin zusammen die Leitung der Studierendengemeinde, planen das Programm, organisieren Veranstaltungen und helfen bei der Werbung.

Fast die Hälfte der Besucher heute sind afrikanische Studierende - viele aus Kamerun. "Für uns ist die ESG oft die erste Anlaufstelle in einer neuen Stadt", sagt Christian Vouffo, 26-jähriger Master-Student in Molekularer Biotechnologie. "Die Gemeinden bieten Beratung, Seelsorge und helfen mit Geld, wenn jemand in Not gerät." Auch die ESG Bielefeld verwaltet Mittel aus dem "Ökumenischen Notfonds" der evangelischen Hilfsorganisation Brot für die Welt. Die ausländischen Studierenden prägen das Leben in dieser Gemeinde maßgeblich: "Der Internationale Abend jeden Donnerstag ist eine der beiden Säulen unserer Arbeit", sagt Pfarrerin Hirschberg. Studierende aus Afrika, Asien oder Lateinamerika berichten und diskutieren an diesen Abenden über die Entwicklung in ihren Ländern. Christian Vouffo leitet die internationale Theatergruppe der ESG, die schon vor ein paar hundert Leuten aufgetreten ist. Zweiter Fixpunkt sind die geistlichen Angebote an den Dienstagen: Gottesdienste, Glaubenskurse, Themenabende.

Kaum politisch Interessierte

"Wer heute eine Studierendengemeinde besucht, ist in erster Linie kirchlich interessiert und sucht Gleichgesinnte", sagt Jörn Möller, Generalsekretär der Bundes-ESG mit Sitz in Hannover. Durch die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge seien die Studierenden stark eingespannt. "Da sind sie dankbar für einen Ort, wo es nicht auf Leistung und Zensuren ankommt. In den Gemeinden wird leidenschaftlich gekocht, Musik gemacht und Gottesdienst gefeiert", berichtet Möller. Die Bundes-ESG bildet den Dachverband der Studierendengemeinden. In rund achtzig Hochschulstädten gibt es ein regelmäßiges Gemeindeleben mit eigenen Räumlichkeiten und hauptamtlichen Pfarrern, an weiteren gut vierzig Orten bieten Pastoren im Nebenamt einzelne Gottesdienste und Seelsorge an. Die Geistlichen halten auch Kontakt zu Universitätsgremien und Dozenten - mancherorts wird dezidiert von "Hochschulgemeinden" gesprochen.

Das stark politisch geprägte Profil der früheren westdeutschen ESG ist kaum noch anzutreffen. "Da kämpfen wir bei manchen Mitgliedern von Synoden und Kirchenleitungen noch gegen die Bilder aus den Siebziger- und Achtzigerjahren", bedauert der Generalsekretär. Die stark politisch Interessierten seien eine Minderheit und würden heute eher von Organisationen wie Attac, bund oder Greenpeace angezogen, heißt es in einem Werkheft zum "Zukunfts- und Profilierungsprozess ESG 2015".

Diesen Prozess initiierte die Bundes-ESG auf Anregung der Evangelischen Kirche in Deutschland, weil sich das Umfeld der ESG-Arbeit in den vergangenen Jahren erheblich verändert hat: Neben der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen hat sich das Einstiegsalter der Studierenden durch die Abschaffung der Wehrpflicht und das Abitur nach zwölf Schuljahren gesenkt. Das Internet mit Facebook und anderen "sozialen Netzwerken" verändert die Kommunikationswege junger Menschen. Neben das gedruckte Semesterprogramm ist die Homepage getreten. Deshalb wirbt manche Gemeinde für Einzelveranstaltungen mittlerweile auch über Facebook.

Zahlen ernüchtern

Zudem fragen die Landeskirchen als Trägerinnen der ESG stärker nach Inhalten und Erfolgen von übergemeindlichen Arbeitsfeldern. Einen nennenswerten Abbau von Pfarrstellen habe es in letzter Zeit nicht gegeben, so ESG-Generalsekretär Möller. In den süd- und westdeutschen Landeskirchen werde aber stärker in die Gemeinden investiert als im Norden und Osten. "Die binnenkirchlichen Verteilungskämpfe werden zunehmen, daher müssen wir die Relevanz der Studierendenarbeit stärker verdeutlichen", sagt Möller.

Wer deren Erfolg nur quantitativ messen wollte, wäre schnell ernüchtert: Zwar erreichte die Zahl der Studierenden in Deutschland 2011 mit 2,2 Millionen eine neue Rekordhöhe, doch schlägt sich das in der Besucherfrequenz der ESG kaum nieder. "Das Arbeitspensum der angehenden Akademiker ist ja größer geworden", erklärt die Bielefelder Pfarrerin Hirschberg. Zwischen zehn und fünfzehn Leute besuchen ihre ESG, wenn es um Gottesdienst und Religion geht. Bei den Internationalen Abenden sind es allerdings mehr als doppelt so viele. Bei den Glaubenskursen nahmen noch vor ein paar Jahren über zwanzig teil, das wöchentliche Angebot "Perlen des Glaubens" im Sommersemester habe jedoch "gerade noch so geklappt". "Ja, manchmal sind wir wenige", räumt die Pastorin ein, "aber die Atmosphäre ist gut und die Diskussionen sind spannend."

Weil die Studierenden immer kürzer an der Uni sind, muss sich auch die ESG ständig neu erfinden. Im Wintersemester soll der Dienstag als "offener Abend" neu gestaltet werden: erst eine Andacht, dann spannende Vorträge und Diskussionen mit Dozenten. "Es könnten schon mehr Leute kommen", meint auch die Tutorin Anna-Franziska Liebig, die gerade ihr Bachelorstudium in Pädagogik und Germanistik abgeschlossen hat. Zwar besuchten immer mal "Neue" die ESG, "aber die Kerntruppe könnte größer sein". Es hätten jedoch alle Hochschulgruppen wegen der Studienbedingungen Probleme. "Kirche interessiert sowieso nur einen Teil der Leute", ergänzt die Biologie-Studentin Lena-Marie Grunwald, die über ihre Wohnungssuche in Kontakt zur ESG kam. Sprechen die Tutorinnen Mitstudierende auf die Angebote an, begegnen ihnen oft Distanz und Desinteresse. "Meine Kommilitonen respektieren zwar, dass ich hier mitarbeite", sagt Anna, "aber sie kommen nie hin." Wer - wie sie selbst - Erfahrungen aus der kirchlichen Jugendarbeit mitbringe, sei offener.

Die Speerspitze schärfen

Bei Befragungen äußern seit Jahrzehnten durchgängig 20 Prozent der Studierenden Interesse an Studentengemeinden, weitere 7 Prozent bekunden, aktiv daran teilzunehmen. "Es ist also durchaus Potenzial vorhanden", sagt ESG-Generalsekretär Jörn Möller, "wenn es gelingt, das Profil zu schärfen." Eine "spirituelle, gesellschaftliche, auch emotionale Heimat auf Zeit" sollten die Gemeinden den jungen Leuten bieten. Damit hätten die Studierendengemeinden inmitten des leistungsorientierten Hochschulbetriebs ein Alleinstellungsmerkmal. In der Dokumentation zum Profilierungsprozess ist sogar von den ESG als "Speerspitze" oder "Avantgarde" der Evangelischen Kirche die Rede. Für junge Intellektuelle zwischen zwanzig und dreißig Jahren, also künftige Verantwortungsträger in Gesellschaft und Kirche, gebe es zwischen Jugendarbeit und Familiengründung sonst kaum Angebote, so Möller.

Die westfälische Landeskirchenrätin Johanna Will-Armstrong betont neben dem seelsorgerlichen Auftrag ausdrücklich das Ziel der Nachwuchsförderung, die dazu beitrage, den kirchlichen Mitgliederbestand zu sichern und zu entwickeln. Das gelingt in einigen Fällen ganz unmittelbar: Pfarrerin Corinna Hirschberg hatte in der Bielefelder ESG bisher drei Erwachsenentaufen und begleitete fünf Übertritte von der katholischen in die evangelische Kirche. Die Evangelische Kirche von Westfalen unterhält in den sechs Universitätsstädten ihres Gebiets je eine Studentenpfarrstelle und trägt auch die Kosten für Verwaltungskräfte, Räumlichkeiten und Sachausgaben. Daneben werden in einigen Kirchenkreisen Pastoren mit einem Teil ihrer Arbeitszeit für die Seelsorge an Fachhochschulen (FH) eingesetzt. Die personelle Ausstattung sei seit Ende der Neunzigerjahre unverändert, betont Will-Armstrong. "Wir führen derzeit auch keine Verteilungsdiskussionen innerhalb des landeskirchlichen Haushalts."

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) konzentriert sich mit Blick auf ihre knappen finanziellen Möglichkeiten ganz auf die vier Universitätsstädte Berlin, Frankfurt/Oder, Potsdam und Cottbus. In der Hauptstadt Berlin, wo allein an den vier Hochschulen 104.000 Studierende eingeschrieben sind, bestehen in der ESG zwei volle Pfarrstellen (zum Vergleich: in München gibt es für zwei Universitäten und die FH mit fast genau so vielen Studenten 6,5 Pfarrstellen). Dazu kommen je eine halbe Stelle in Frankfurt/Oder, Cottbus und Potsdam.

Erfreuliche Aufbrüche

Die nebenamtlichen Beauftragungen an Orten wie Eberswalde und Görlitz habe man aufgegeben: "Die Arbeit war nicht mehr lebendig", erläutert Oberkonsistorialrätin Dorothea Braeuer, zuständige Referentin für die Spezialseelsorge.

Im Zuge der Spardiskussion fragen laut Braeuer manche, ob denn ein spezielles Angebot für Studierende finanziert werden müsse. Diese könnten ja, anders als etwa Patienten in Krankenhäusern oder Gefängnisinsassen, auch in die Ortsgemeinden gehen. Die Referentin ist aber davon überzeugt, dass die jungen Akademiker eine geistliche Heimat unter ihresgleichen brauchen: "Sie sind in der schwierigen Phase des Erwachsenwerdens, knüpfen Partner-Beziehungen, probieren Wohnformen aus."

Dorothea Braeuer spricht von einer "Gemeinde von Zugvögeln", die nach dem Studium ihrer Arbeit nachreisen. Die Kirche dürfe diese Gruppe nicht aus den Augen verlieren: "Sie werden künftig in Gemeindekirchenräten und Synoden unsere Kirche mit leiten." Im Rahmen einer Visitation ist gerade eine Bestandsaufnahme der Studierendengemeinden in der EKBO im Gange. Kritiker bemängelten laut Braeuer, dass die Gemeinden nicht wachsen würden und eher die ohnehin kirchlich sozialisierten jungen Leute erreichten. "Kleine Zahlen haben wir in Ost und West", sagt die Referentin. Doch sie spricht auch von "erfreulichen Aufbrüchen" und verweist auf die Glaubenskurse in Potsdam, die Ausländerarbeit in Cottbus, die deutsch-polnische Ökumene in Frankfurt und die kulturellen und politisch-theologischen Schwerpunkte in Berlin.

Ökumenisches Lernen

Für ESG-Generalsekretär Jörn Möller werden die Chancen der Studierendenarbeit für die gesamte Kirche bisher zu wenig erkannt. "Unsere internationale Arbeit ist ein Pfund für das ökumenische Lernen, mit dem wir wuchern können." Dazu kommt die starke Beteiligung von Ehrenamtlichen an der Gestaltung von Gottesdiensten. Und dabei entsteht oft Spannendes, wie beim Semesterschluss in Bielefeld, den Anna und die anderen Tutorinnen vorbereitet haben: Fünf Stationen zum Thema "Hören" stehen im Zentrum des Gottesdienstes. Da gibt es in verschiedenen Räumen neben Liedern von Xavier Naidoo auch klassische Choräle, afrikanischen Gesang oder Kurzandachten des Jugendradios "Eins Live" zu hören. Im Andachtsraum herrscht meditative Stille. Die Pastorin wird heute "nur" für die Liturgie benötigt.

Die Studierenden in der Studierendengemeinde Bielefeld dürfen Verantwortung übernehmen, und davon werden sie auch später profitieren. Anna ist in den sieben Semestern ESG selbstbewusster geworden: "Ich kann selbstständig Abende vorbereiten und auch freier vor anderen reden, auch über religiöse Themen." Danièle aus Kamerun nennt die Erfahrung, mit Leuten in der Gruppe zu arbeiten. Der 28-jährige promovierte Physiker Markus Meinert schätzt die "ungezwungene Atmosphäre", in der über Glaubensfragen gesprochen wird: "Ganz anders, als ich das früher kennengelernt habe." Lange war Meinert konfessionslos. Jetzt ließ er sich in die evangelisch-reformierte Gemeinde aufnehmen, dank der Glaubenskurse der ESG - und etwas "sanftem Druck" seiner Freundin.

Homepage der ESG

Thomas Krüger

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