Mit Abt, ohne Mönche

Das lutherische Kloster Loccum feiert sein 850-jähriges Bestehen
Die frisch renovierte Klosterkirche in Loccum mit neuer Orgel. Foto: dpa/Peater Steffen
Die frisch renovierte Klosterkirche in Loccum mit neuer Orgel. Foto: dpa/Peater Steffen
Eigentlich ist es ein Paradoxon der Kirchengeschichte, das "lutherische Kloster Loccum". Denn der Reformator hatte doch das Kloster verlassen, um fortan gegen alles Monastische anzuschreiben. Dennoch gibt es das Kloster Loccum seit 850 Jahren. Der Journalist Georg Beck hat es besucht.

"In anmutiger Gegend" befindet Meyers Konversations-Lexikon. Was, notiert 1896, bis heute seine Berechtigung hat. Zumindest auf den ersten Blick. Und wenn man einmal absieht von zwei Großtaten der Moderne in der Nachbarschaft, einem Steinkohlekraftwerk in vierter Generation und einer nach unten offenen Sondermülldeponie. Ansonsten viel unverbautes Grün. Was die Spannung bei der Anreise erhöht. Erst auf den letzten paar hundert Metern, wenn sich der Dachreiter des Klosters aus dem Weichbild des Ortes herausschält, bekommt der genius loci Kontur. Für so manchen Loccum-Vernarrten ein (wie glaubhaft versichert wird) schlichtweg erhebender Moment. Das überraschend Große im Kleinen, das Bedeutende im Unscheinbaren, das Geschichts-, das Glaubensdenkmal eben "in anmutiger Gegend".

Eigentlich ein Unikum, ein institutionell gewordenes Paradoxon der Kirchengeschichte. Denn, wie kann es möglich sein, was ein Folder "850 Jahre Kloster Loccum" gleich auf Seite eins vorstellt - ein "lutherisches Kloster"? Hatte der Reformator nicht das Kloster verlassen, um fortan gegen alles Monastische anzuschreiben? Von Äbten, Mönchen, Konventen, Gelübden und all diesen Dingen, so sein Argument, steht nichts in der Bibel. Also, Schluss damit! Und jetzt steht es ausgerechnet als "lutherisches Kloster" immer noch da und sorgt für "erstaunliche Ausstrahlung". Sicher, ohne Mönche, aber doch, so erfährt man hier direkt zu Beginn einer jeden Klosterführung - "mit Abt, Prior und Konvent".

Von besagter "Ausstrahlung" weiß man denn auch durchaus einiges, ohne je vor Ort gewesen sein zu müssen. "Loccum", das ist dank eines alteingesessenen Predigerseminars, dank eines Religionspädagogischen Instituts, vor allem aber dank einer rührigen Evangelischen Akademie ein ebenso stark frequentierter wie sprechaktiver Verlautbarungsort in freier Natur. Gelistet sind, jeweils mit Loccum-Präfix: wenigstens ein Arbeitskreis, eine Erklärung, eine Initiative, ein Memorandum, ein Orgelbüchlein, ein Loccumer Pelikan. Ferner Loccumer Gespräche, Loccumer Protokolle, Loccumer Richtlinien. Und ein klassisches Loccumer Manifest gibt es hier sogar gleich zwei Mal. Als neuere Initiative für "Politik im Interesse von Jugendlichen" und als ältere ziemlich trunkene Grußadresse an eine neue Führung eines "heißgeliebten deutschen Vaterlandes", das durch "Gottes Fügung eine gewaltige Erhebung erlebt" hat. Letztere Verlautbarung vom Mai 1933 gehört sicher zu den eher ungenießbaren und bis heute noch immer für Verstimmung sorgenden Früchten vom Baum der Loccumer Nichterkenntnis.

Foto: dpa/Holger Hollemann
Foto: dpa/Holger Hollemann

Abt Horst Hirschler mit dem Loccumer Evangeliar aus dem 14. Jahrhundert.

Unvermischt und ungetrennt

Angefangen hat alles 1163. Seitdem Thüringer Zisterziensermönche zu Füßen der frühmittelalterlichen Turmhügelburg Luccaburg ein neues Kloster aus der Taufe hoben, gehen das Geistliche und das Weltliche hier Hand in Hand. Religiöses, Politisches, Ökonomisches unvermischt und ungetrennt. Dabei ist es geblieben. Auch wenn Kircheninternes in Loccum schon seit dreihundert Jahren praktiziert wird - das Kloster will gerade nicht darin aufgehen, künftigen Pastoren der Landeskirche ihren letzten Schliff zu verpassen. Siehe die Äbte von Loccum, die seit ebenso gut dreihundert Jahren derart weltlichen Dingen vorstehen wie einem "Brandkassen-Ausschuss", heute die "Perle" in der "Wertschöpfungskette" des Versicherungskonzerns VGH im benachbarten Hannover, beteuert jedenfalls Vorstandsvorsitzender Hermann Kasten. Und, um beim Thema zu bleiben: In Gestalt seines Neujahrsempfangs beschert der Abt zu Loccum niedersächsischen Landespolitikern regelmäßig einen der ersten und wichtigsten Termine in jedem neuen Kalenderjahr.

Und all dies zusammen genommen - das evangelische Monieren, Instruieren, Ordinieren, Räsonieren - seit 850 Jahren in mehr oder weniger "anmutiger Gegend". Mit weidender Kuh samt Kalb auf du und du. Was unterm Strich das gewisse Etwas macht jeder alten und neuen "Loccum"-Begegnung. Einem Ort, der im Übrigen so "jottwede" ist, dass auch zu heutigen Wikipedia- wie zu verflossenen Meyer-Zeiten nähere Angaben für nötig befunden werden. Entweder so: "Unweit Bad Rehburg". Oder so: Ortsteil von Rehburg-Loccum, Kreis Nienburg/Weser, Niedersachsen, dreitausend Einwohner, drei Supermärkte, zwei Tankstellen, eine Bundesstraße von Wunstdorf nach Uchte.

Woran man, mit einiger Phantasie, immerhin noch die vollständige Entlegenheit dieses locus in jenem jetzt viel beschworenen monastischen Gründungsjahr 1163 ablesen kann. Kein Wunder, waren mittelalterliche Klostergründer doch gehalten, Filialen wenigstens eine Tagesreise vom nächsten befestigten Punkt anzulegen. Was heute in etwa dreißig Kilometern entspricht. Soviel war zu schaffen zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Seinerzeit, vor 850 Jahren, als eben auch Ekkehard, Abt des Zisterzienserklosters Volkenroda in Thüringen mit Sack und Pack und einer Handvoll Konfratres hier eintrifft. Auf Ochsenkarren, wie schon die ottonischen Kaiser.

"Dort pflanzet, wo die Wasser fließen!"

Wer so also historisch korrekt in Gedanken holpernd durchs Torhaus tritt, der lenkt seine Schritte auch am besten gleich in Richtung Klosterwald. Dort trifft der Loccum-Neuling auf jenes wässrige Überbleibsel, das für Ekkehard schlechterdings der Grund gewesen ist, seinen Loccum-Grundstein hier und nirgendwo anders zu setzen. Denn so gut er als reformierter Benediktiner das Regelwerk Benedikts im Kopf hatte, so präsent war ihm gewiss auch dieses eine Wort seines Ordenspatrons Bernhard von Clairvaux: "Dort pflanzet, wo die Wasser fließen!" Was Ekkehard, nicht anders als andere von Bernhard in Marsch gesetzte Klostergründer, sehr wörtlich genommen hat. Will sagen: Als der Mann westlich der Rehburger Berge in einer weitgehend unzugänglichen Moor- und Waldlandschaft auf einen Zufluss des Steinhuder Meerbachs trifft, ist die Sache für ihn klar. Für den Rest kann er nichts.

Dass sich die Fulde zwischenzeitlich zu einem müden Wässerchen rückentwickelt hat mit anmutigen Kurven durch den Loccumer Klosterwald, das ist erst mit der Zeit so gekommen. In den Tagen von Ur-Abt Ekkehard hatte der Bach noch Kraft, demselben die Klostermühle zu treiben, den Bachteich zu füllen und (Zisterzienser sind Ökonomen durch und durch) die Fischzucht in Schwung zu bringen.

Bunte Reihe auch in der Musik

Apropos: Letztere gibt es heute noch immer und gehört als Teichwirtschaft mit Karpfenhaltung zu den Domänen von Karsten Sierk. Als Klosterförster ist er der Herr übers Wohl und Wehe von 650 Hektar "historisch altem" Waldbestand. Mutterkuhhaltung und (der dem Landleben entwöhnte Besucher hört es mit Befremden) herbstliche Drückjagden inklusive. Das dazu passende Jagdhorn hängt griffbereit im Forstbüro und führt gesprächsweise recht umstandslos auf den aktiven Tenorsaxophonisten Karsten Sierk, im Ehrenamt Geschäftsführer des der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr zugehörigen Blasorchesters mit regelmäßigen adventlichen Auftritten in der Stiftskirche.

Letztere sind mittlerweile Höhepunkte des musikalischen Jahreskreises im Kloster Loccum. Und längst ist auch keine Rede mehr vom Fremdeln der Loccumer, das dieselben anfänglich noch heftig befallen hatte. Jetzt geht man mit. Sentimental Musical-Journeys? Bläsersätze, mal butterweich, mal kernig? Kein Problem. Auch in Loccum herrscht, was die Musik angeht, bunte Reihe. "Markt der Möglichkeiten", wie das Anleihennehmen beim Zeitgeist unter Protestanten höflich umschrieben wird. Sicherlich, das noch nicht abgesunkene Kulturgut, Weihnachts- und Passionsoratorium - dies alles ist hier nach wie vor zu Hause und sorgt für so manchen Höhepunkt, namentlich bei den treuen Choristinnen und Choristen der Kantorei. Immerhin (großes Privileg!) dürfen sie eine ganze Klosterkirche von Rang bespielen und besingen. Von Bach bis Gospel.

Eine neue Orgel

Seit kurzem auch mit neuer Orgel. Kostenpunkt: eine knappe Million, wobei Abt Horst Hirschler einigermaßen stolz darauf beharrt, den weitaus größten Teil davon als Spende akquiriert zu haben. Herausgekommen ist ein Instrument, das die Blicke nun allerdings so sehr auf sich zieht, dass so mancher Stiftskirchen-Liebhaber anfänglich geschockt auf diesen kastenförmigen Prospekt geschaut hat. Ein ästhetisches Malum, mit dem sich Stiftskirchen-Organist Michael Merkel nun allerdings nicht groß befassen kann. Buchstäblich alle Hände voll hat er jetzt zu tun, um sich mit dem Instrument selbst anzufreunden, vor allem, um dem von der Firma Seifert aus Kevelaer am Niederrhein ins Orgelinnere eingebauten Computer seine Marotten abzugewöhnen. Selbst bei harmlosen Demonstrationen kann es passieren, dass sich das eine oder andere Register unangekündigt selbstständig macht, weshalb der kurze Draht zu den Orgelbauern gegenwärtig noch unerlässlich ist. Bei den Festkonzerten zur Einweihung der neuen Orgel, wofür Kurator Hans Bäßler von der Hannoveraner Musikhochschule handverlesene Interpreten aus aller Welt versammelt hatte, musste jedenfalls ein Abgesandter der Firma gewissermaßen Handbuch-bei-Fuß stehen. Am Ende großes Ausatmen. Alles gut gegangen!

So glücklich man jetzt allenthalben ist mit der neuen Seifert-Orgel und des auf ihr stimmig zu realisierenden romantischen Repertoires - die neue Musik, diejenige, die nicht mehr im Viervierteltakt geht und der Kadenzen entbehrt, hat es auch in Loccum schwer. Dabei ist die Neugier durchaus da, wie unlängst bei "licht und namen" zu erleben war, beim spektakulären Uraufführungs-Konzert des neuen Chorstücks der Berliner Komponistin Charlotte Seither. Sängerinnen und Sänger des Norddeutschen Figuralchors verteilt im Kirchenraum. Ein Musizieren wie in Trance. Gesungen, gesprochen, gewispert, geflüstert wie aus einem noch Unbekannten, in dem die sprichwörtliche Botschaft noch nicht aufgespalten ist in dominierendes Wort hier, illustrierender Klang dort. Stattdessen dieses inspirierende Moment von Fremdheit, das an eine ältere Musikpraxis erinnert. An eine, die hier während der ersten Hälfte von 850 Jahre Kloster Loccum die Gemüter beschäftigt und bewegt hat - die Praxis des gregorianischen Chorals, auf dessen Flügeln die Zisterzienser-Mönche ihre beinahe rund um die Uhr gehenden Stundengebete verrichtet haben.

Kontinuität zum katholischen Erbe

Tempi passati? Nicht ganz. Und zwar insofern nicht, als zu den schönsten Programmideen im runden Jubiläumsjahr sicher jene auf Hirschler zurückgehende Initiative gehörte, die (wenn sie unglücklicherweise nicht im letzten Moment gescheitert wäre) tatsächlich den Anschluss hergestellt hätte an jene erste Hälfte Loccum 850. Seitdem das Kloster nämlich im Jahr 2000 den Status eines Zisterzienser-Erben erlangt hat, seitdem der Abt von Loccum alle fünf Jahre zum Generalkapitel des Ordens nach Rom eingeladen wird, ist auch einem Lutheraner alten Schlages wie Horst Hirschler die virulente Kontinuität zum katholischen Erbe Loccums bewusst und wichtig geworden.

Warum also nicht, so die Überlegung, das nächst gelegene intakte Zisterzienserkloster einladen, damit im evangelischen Loccum, und sei es nur für eine Woche, die Praxis des gesungenen Stundengebets wieder lebendig und Klang werden kann? Da traf es sich gut, dass es 1988, zweieinhalb Autostunden südlich und ausgerechnet in Bochum, gelungen war, ein Filialkloster des Zisterzienserstifts Heiligenkreuz in Österreich aus der Taufe zu heben. Zur geplanten Wiederannäherung ist es dann letztlich doch nicht gekommen, was Pirmin Holzschuh am allermeisten bedauert. Der junge Abt des Zisterzienserklosters im Bochumer Stadtteil Stiepel hätte sie nur zu gern singend, betend gestaltet, diese eine Stiepeler Demowoche in Loccum. Völlig unvermutet sei ihm aber die "Personaldecke" dünn geworden, so dass er die "fünf, sechs Mönche", die er gebraucht hätte, nicht hat zur "Verfügung" stellen können. Womit denn also das freundliche ökumenische Zeichen katholisch-evangelisch, zisterzienserintakt-zisterziensergastlich doch noch einmal ausgesetzt werden musste. Aufgeschoben, nicht aufgehoben, wie allerseits, in Loccum wie in Stiepel, versichert wird. So ist das eben. Zur Realisierung von Wundern wie aus Psalm 42 bekannt und inbrünstig im Stundengebet besungen von den Mönchen zu Bochum-Stiepel - Dextera Domini fecit virtutem (Die Rechte des Herrn wirkt mit Macht) - braucht es offenbar doch länger als gedacht.

Kloster Loccum 2013

Georg Beck

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