Szenen einer Filmstadt

Hundert Jahre Filmgeschichte in Potsdam
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Auf über hundert Jahre Filmgeschichte schaut Potsdam zurück. Eine neu entwickelte Videobustour folgt diesem Pfad durch die Jahrzehnte.

Es ist ein ungewöhnlicher Sightseeing-Bus, der da durch Potsdam fährt. Auf Monitoren laufen Spielfilmszenen, live moderiert von einem Filmexperten. Mit jedem Stopp wird die Szenerie des Bildschirms draußen Wirklichkeit.

Erkennbar wird: Die ehemalige Residenzstadt der preußischen Kurfürsten und Könige ist zum Drehort geworden, ihre prächtigen Villen, Schlösser, Kirchen und die havelländische Seenlandschaft haben dazu beigetragen. Kein Wunder, dass der Cineast und Buchautor Alexander Vogel begeistert verkündet: "Der Film ist hier wie in keiner anderen deutschen Stadt zuhause. Wir sind am Ort der ältesten Filmstudios in Deutschland, des ältesten Filmmuseums und der ältesten Filmhochschule", der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolff". Den Beweis tritt der Filmexperte gemeinsam mit seinem Autorenkollegen Marcel Piethe mit der neu entwickelten Videobustour "Filmstadt Potsdam - das rollende Kino" und einer Buchpublikation an.

Auf über hundert Jahre Filmgeschichte schaut Potsdam zurück: "Der Film von der Königin Luise" (1913) markiert den Anfang, während George Clooneys "The Monument Men" (2013) im Februar seine Leinwandpremiere hat. In den Babelsberger Studios mit der Universum Film AG (UFA), die in der NS-Zeit Joseph Goebbels zu Propagandazwecken diente, hat später dann die DEFA, die staatliche Produktionsgesellschaft der DDR, bis zur Wende produziert. Heute firmieren sie unter Studio Babelsberg. Mit Ernst Lubitsch, Paul Wegener und Friedrich Wilhelm Murnau haben große Regisseure in Potsdam Pionierarbeit geleistet. Auch der erste deutsche Spielfilm in Farbe wurde hier auf Zelluloid gebannt.

Station für Station kämpft sich der Bus durch den Verkehr. Die Liste der in der brandenburgischen Landeshauptstadt gedrehten Filme kann sich sehen lassen. So führt die Videobustour zum Alten Markt mit der Kuppel der Nikolaikirche. Diese war während der Dreharbeiten von "Die Welle" (2008) von einer Plane verdeckt, auf welche die Schüler in einer nächtlichen Aktion ihr Wellenlogo platzierten. Oder der Film "Die Gräfin" (2009), für den die Regisseurin Julie Delpy die 1848 eingeweihte Friedenskirche von Schloss Sanssouci als Drehort wählte.

Ein Stück DDR-Alltag zeigt der DEFA-Film "Karbid und Sauerampfer" (1963), der zum Klassiker avancierte. Im Palais Lichtenau, einst Wohnsitz der Gräfin Lichtenau, bürgerlich Wilhelmine Enke, Geliebte von Friedrich Wilhelm II, prangt hoch oben ein roter Pappstern, der auf die Rote Armee hinweist. Der Cineast erfährt: Nach der Potsdamer Konferenz 1945 hatte die Sowjetische Militäradministration die Gegend um die Nauener Vorstadt tatsächlich besetzt. Weiter zur Glumestraße 4. Hier befindet sich das letzte Versteck von Wladyslaw Szpilman, dem jüdischen Pianisten, den Kinogänger im Film "Der Pianist" (2002) kennengelernt haben.

Filme spielen auch direkt auf Potsdam an, ehemals eine der größten deutschen Garnisonsstädte. So sind einige Szenen in "Der Untertan" (1951) in der Leibgarde-Husaren-Kaserne gedreht. Ein historisches Markenzeichen der Stadt im Film ist bis 1945 die Garnisonkirche. Ein Film, der ohne Garnisonkirche auskommt? - undenkbar. Wie zu sehen im Propagandafilm Kolberg (1945), in "Der alte und der junge König (1935) oder "Mädchen in Uniform" (1931): Diese Mädchen tummelten sich in einem der wichtigsten Filme der Weimarer Zeit, unter anderem im "Großen Militärwaisenhaus". Die vergoldete Caritas-Figur auf der Kuppel ist noch heute weithin sichtbar, wie in Hab-Acht-Stellung vor dem nächsten "Achtung Aufnahme".

Informationen:

Videobustour an jedem ersten Sonntag im Monat um 13.30 Uhr am Alten Markt in Potsdam.

Alexander Vogel/Marcel Piethe: Filmstadt Potsdam. Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2013, 224 Seiten, Euro 19,95.

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Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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