Ein Kind ist uns geboren

... aber Kinderfreundlichkeit ist hierzulande noch Mangelware
Wo sind wir denn? Heißt es nicht überall, die Geburtenrate ist zu gering und wir müssen kinderfreundlicher werden in Deutschland? Ich erlebe immer wieder Mütter, die Angst haben, ihr Kind könne stören.

Zugfahrt im Regionalexpress vom pommerschen Generalkonvent in Züssow nach Berlin - erster Klasse, weil ich die Verbindung aus Urlaubszeiten kenne, hier ist es im Sommer immer extrem voll. Und der Zug ist richtig überfüllt, in der Tat. Oben in der ersten Klasse ist es noch verhältnismäßig beschaulich, bis in Bernau zwei Lehrerinnen mit 25 Kindern, altersmäßig wohl am Ende der Grundschule, einsteigen. Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren, um weiter lesen zu können. Auf einmal wird es so laut, das ich mich ausstöpsele. Ein älterer Mann schimpft auf eine Lehrerin ein: Wie wolle sie ein Vorbild sein für Kinder, wenn sie diese in die erste Klasse lasse, wo sie doch gewiss kein Ticket dafür hätten. Die Lehrerin versucht dagegen zu halten: Alles sei überfüllt. Für die Sicherheit der Kinder sei es doch besser, sie würden alle sitzen. "Ich schäme mich für solche Lehrer!", ruft der Mann. Ich bin nun doch angefasst, gehe dazu und sage: "Ich schäme mich für Leute wie Sie! Sie sind doch die ersten, die den Geburtenrückgang in Deutschland beklagen! Freuen Sie sich doch über die Kinder!" Der Mann beschimpft daraufhin mich, geht aber. Kurz darauf kommt die Schaffnerin. Der Mann hat sich bei ihr beschwert. Sobald wie möglich müssten die Kinder runter in die zweite Klasse, sagt sie! So gehe das ja nicht. Auf den Einwand, es sei zu voll, antwortet sie nicht und geht weg.

Als ich mich wieder setze, sagt der Junge mir gegenüber: "Bist du 'ne Anwaltfrau?". Ich sage: "Nein, ich fand das nur doof!" Er sagt: "Mein Cousin ist ganz schlau, weißt du, vielleicht wird der mal Anwalt!" Die Lehrerin kommt und sagt: "Erkan, du sollst dich benehmen!" Ich sage ihr, dass er nichts Falsches getan hat. Ihr kommen die Tränen. Sie erzählt, wie schwierig der Ausflug war. 25 Kinder aus Berlin-Neukölln. Das erste Mal sind sie auf so einer Reise ohne Familie und sehr aufgeregt. Viele haben für die eine Nacht viel zu große Koffer mit. Der Busfahrer hat sie beschimpft. Die Kinder hatten Angst. Ihre Kollegin und sie sind fix und fertig. Mir tut sie erst einmal nur Leid.

Hinterher habe ich mich geärgert. Wo sind wir denn? Heißt es nicht überall, die Geburtenrate ist zu gering und wir müssen kinderfreundlicher werden in Deutschland? Ich erlebe immer wieder Mütter, die Angst haben, ihr Kind könne stören. Oder: Da wird ein Kind krank, und die Familie weiß nicht, was sie tun soll - mit großer Rücksicht des Arbeitgebers kann offenbar niemand rechnen. Sollen jetzt Frauen wegen 100 Euro Betreuungsgeld nicht mehr berufstätig sein - hat mal jemand ausgerechnet, wie viel Kinderkleidung und Kindernahrung sich damit kaufen lassen? Und dann wird über die Altersarmut von Frauen lamentiert ...

Diese Diskrepanz zwischen der Sehnsucht nach Kindern und der Realität junger Familien, dem Umgang mit Kindern im öffentlichen Raum, machen mich zunehmend zornig. Es kann doch nicht sein, dass sich so wenig geändert hat nach all den Diskussionen! Ständig werden junge Mütter beurteilt, in Schachteln gepackt, gemaßregelt und ihre Kinder ebenso.

Ein Kind ist uns geboren - wie schön wäre es, wenn diese Weihnachtsbotschaft mit Blick auf das Gotteskind nicht nur zu Weihnachtsfreude, sondern in der Tat zu realer Kinderfreundlichkeit und damit zu Elternfreundlichkeit führen würde!

Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin der EKD, ist Mitherausgeberin von zeitzeichen.

Margot Käßmann

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