Geprägte Freiheit

Konfessionsgeschichte
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Christliche Studentengemeinden in der DDR trugen dazu bei, Vorstellungen von Freiheit, Solidarität und Menschenwürde nachhaltig zu prägen.

"Es war ein Sieg Davids gegen Goliath" - so charakterisiert Christoph Kähler eine der seltenen öffentlichen Diskussionen zu Weltanschauungs- und Glaubensfragen im Jahr 1969. Nachdem Olof Klohr, der parteioffizielle Verfechter des Atheismus, vor studentischem Publikum gegenüber dem Theologen Klaus-Peter Hertzsch eine schlechte Figur gemacht hatte, blieb das keineswegs folgenlos: "Wenige Monate später gab es keinen Lehrstuhl für Wissenschaftlichen Atheismus mehr in Jena." Die SED zog Konsequenzen und versetzte den Lehrstuhlinhaber kurzerhand nach Rostock-Warnemünde. "Eine vergleichbare Disputation gab es jedoch auch nicht wieder." Vielmehr, so der spätere Landesbischof in Thüringen in seinem Beitrag "Kampf um die Köpfe", änderte sich die Strategie der Herrschenden einschneidend: Der Obrigkeitsstaat verließ sich nicht mehr auf seine weltanschaulich-intellektuelle Stärke, sondern setzte ganz auf "machtgestütztes" Agieren.

Zwar funktionierte die Anfang der Fünfzigerjahre praktizierte Zurückdrängung christlicher Studentengemeinden aus dem universitären Raum zeitweise effizient, urteilt Peter-Paul Straube in seinem Aufsatz "Außeruniversitäres Studium generale?", mit der Zeit eröffneten sich "unter dem Dach der Kirchen" jedoch neue Möglichkeiten, die engen Grenzen des DDR-Bildungssystems zu überschreiten: Katholische und Evangelische Studentengemeinden, lautet deshalb die These des Theologen und Pädagogen, boten durch ihr vielfältiges, einander ergänzendes Kontrastprogramm den Freiraum, einer "ideologisch eindimensionalen Erziehung und Bildung" gezielt entgegenzuwirken. Damit, so Straube, sei auch zu erklären, dass "im Herbst 1989 eine überproportional große Zahl christlicher Akademiker" bereit und in der Lage war, sich in den gesellschaftlichen Transformationsprozess einzubringen.

Altbischof Axel Noack beruft sich bei seiner Bestandsaufnahme "Immun gegen Ideologien?" auf zwei ganz unterschiedliche Traditionen: auf Martin Luther und Ernst-Wolfgang Böckenförde. Bereits der Reformator habe erkannt, dass "die Obrigkeit" keineswegs in der Lage sei, ihren Bürgern Wertvorstellungen einfach aufzuzwingen. Vielmehr müsse der Staat heute - wie der Verfassungsrichter formuliert - "'Räume' ermöglichen, in denen sich Werte und Überzeugungen bilden können". Noack, Studentenpfarrer und späterer Bischof der Evangelischen Kirche in Sachsen, thematisiert damit eine für das ganze Buch zentrale Perspektive: Christliche Studentengemeinden in Ostdeutschland trugen in ökumenischer Verbundenheit dazu bei, Vorstellungen von Freiheit, Solidarität und Menschenwürde nachhaltig zu prägen. Deshalb wirkten sie, wie der frühere Leipziger katholische Studentenpfarrer und heutige Philosophieprofessor Eberhard Tiefensee zum gleichen Thema zu bedenken gibt, häufig als "Störenfriede", die aber "andere zum Nachdenken und sogar zum Umdenken brachten".

Dem Philosophen und Landesbeauftragen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachsen, Joachim Klose, der nach 1980 selbst in der KSG Dresden aktiv war, ist es mit dem spannend zu lesenden Sammelband gelungen, an ein wichtiges Kapitel ostdeutscher Konfessions-, Bildungs- und Gesellschaftsgeschichte zu erinnern.

Joachim Klose (Hg.): Religion statt Ideologie? Christliche Studentengemeinden in der DDR. Leipziger Universitätsverlag 2012, 140 Seiten, Euro 19,-.

Thomas Brose

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