Zeitgeschichte

Schonungsloses Zeugnis
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Aus der Perspektive eines Kindes, das nach Antworten auf Unbegreifliches sucht, gelingt es eindrücklich, die schreckliche Absurdität der Judenverfolgung deutlich zu machen.

Der neunjährige Felix ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Fast vier Jahre ist es her, dass ihn seine Eltern in einem katholischen Waisenhaus in den polnischen Bergen vor den Nazis in Sicherheit gebracht haben. Mit seinen Geschichten versucht er, sich das Warten auf seine Eltern erträglicher zu machen, bis eines Tages Männer im Hof Bücher verbrennen. In dem Glauben, es handele sich um Bücherhasser, flieht er, um seine Eltern zu warnen.

Auf der Suche muss er entdecken, dass sein Zuhause von Fremden bewohnt wird, Kinder "Judenfangen" spielen und "richtig tote Menschen ... etwas anderes als tote Menschen in Geschichten" sind. Zusammen mit der sechsjährigen Zelda wird er mit anderen Juden ins Warschauer Ghetto getrieben und kommt zur schrecklichen Gewissheit, dass es nicht Bücher, sondern die Juden sind, die von den Nazis gehasst werden.

Aus der Perspektive eines Kindes, das aus seiner naiven Sicht nach Antworten auf Unbegreifliches sucht, gelingt es dem Hörspiel Einmal eindrücklich, die schreckliche Absurdität der Judenverfolgung deutlich zu machen. Je mehr sich die realen Eindrücke von Menschenverachtung in Felix Phantasie mischen, verändern sich auch seine Geschichten, bis sich seine Liebe zu Geschichten am Ende in Hass verwandelt.

Fast noch dichter als in der gleichnamigen Kinderbuchvorlage von Morris Gleitzman ist die einstündige Hörspiel-Adaption ein ebenso sensibles wie schonungsloses Zeugnis deutscher Zeitgeschichte. Es hinterlässt den Zuhörer schmerzlich beklommen, aber dennoch mit der Hoffnung auf Menschlichkeit.

Morris Gleitzman: Einmal. Silberfisch, SWR, 2012, 1 CD.

Martina Wittneben

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