Zwischenwelten

Feministische Theologie
Bild
Meehyun Chung ist eine Stimme zwischen Ost und West: identifiziert mit ihrer Herkunft und den Leiden ihres Volkes, aber zugleich belesen in westlicher reformierter Theologie. Es ist durchaus reizvoll, sich in das Gespräch mit ihr hineinziehen zu lassen.

Reis und Wasser, so schreibt die Theologin Meehyun Chung, gehören zum Prinzip von Sangsaeng; denn Reis und Wasser bilden zusammen die Grundlagen des Lebens in Asien. Sangsaeng steht in Korea für die Verbundenheit von Menschen, Natur und Sachen. Dieses Prinzip mit ihren theologischen Überlegungen zu fördern, ist das zentrale Anliegen der Autorin. Sie hat in Südkorea Theologie und Deutsche Literatur studiert, ist Pfarrerin der Presbyterianischen Kirche Südkoreas und leitet seit 2005 die Stabsstelle "Frauen und Gender" beim Evangelischen Missionswerk Basel. Ihr Leben und ihre Theologie sind also zwischen Asien und Europa ausgespannt. Diesen beiden unterschiedlichen geographischen und geistigen Räumen in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht zu werden und sie als kritische Perspektiven wechselseitig aufeinander zu beziehen, ist das Anliegen dieser feministischen Theologin aus Korea.

Zum einen geht es ihr darum, eine Theologie aus östlicher Perspektive jenseits kolonialer Bevormundung zu entwickeln, die Geschichte, religiöse Tradition und soziale und politische Gegenwart ihrer Heimat als unverzichtbare Bezugspunkte theologischen Denkens im Auge behält. Zum anderen aber fühlt sie sich dem reformierten Erbe vor allem Karl Barths verpflichtet. Dass die Erkenntnis Gottes nicht aus der kulturellen Wirklichkeit heraus im Sinne einer Analogia entis möglich ist, sondern Gott sich von einem "Jenseits" der Kultur als "ganz Anderer" offenbart, ist die entscheidende Einsicht, die sie auch für die koreanische Theologie zur Geltung bringen möchte. Damit unterscheidet sie sich von anderen koreanischen Minjung-Theologen und -Theologinnen, die die schamanistische Tradition ihrer Heimat als eine wesentliche Quelle koreanischen Christentums interpretieren.

An den Entwürfen von David Suh wie auch von Chung Hyunkyung, letztere wohl seit ihrer Performance bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Canberra 1989 die im Westen bekannteste koreanische Theologin, kritisiert Meehyun Chung eine unangemessene Idealisierung schamanistischer koreanischer Werte. Zwar erkennt auch sie den Wert der schamanistischen Rituale für die Religiosität und Lebensbewältigung vor allem der Frauen in Korea an. Denn im Schamanismus sind - anders als in den koreanischen Kirchen - Frauen immer selbstverständlich Priesterinnen gewesen, und hier finden psychisch und physisch Verwundete Hilfe und Entlastung. Kritisch aber sieht die Autorin, dass die rituelle Praxis auf den Kontext der Einzelnen und der Familie begrenzt und nicht mit einer Ethik der Gerechtigkeit verbunden ist, die die strukturellen Fragen der Gerechtigkeit in Korea berücksichtigt. Der durch Tod und Auferstehung hindurchgegangene Christus, so die Autorin, habe einen weiteren Horizont. Er könne nicht mit den schamanistischen Leitfiguren identifiziert werden. Er sei nicht Ausdruck einer Kultur, sondern transformiere jede Kultur in Richtung auf mehr Leben, Gerechtigkeit und Frieden.

Das Verhältnis von Christologie und koreanischem Schamanismus ist ein zentraler Aspekt in dieser Sammlung von Aufsätzen. Ebenso geht es um die Auseinandersetzung mit den Pfingstkirchen, um die Entwicklung des Bildes von einer Kirche, die sich von ihrem eschatologischen Horizont her um Erneuerung bemüht, um eine Theologie, die ökologische Probleme nicht vernachlässigt.

Besonders lesenswert sind die Texte, die in die leidvolle Geschichte Koreas - und besonders der Frauen darin - im 20. Jahrhundert einführen. Lange war es unbekannt, dass im asiatisch-pazifischen Krieg 200.000 Asiatinnen - die meisten unter ihnen aus Korea - als Sexsklavinnen nach Japan verschleppt wurden, dass viele unter ihnen auch den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki ausgesetzt waren und nach der Rückkehr in ihre Heimat sich selbst überlassen blieben. Vor allem christliche Frauen haben großen Anteil daran, dass ihr Schicksal bekannt wurde.

Meehyun Chung ist eine Stimme zwischen Ost und West: identifiziert mit ihrer Herkunft und den Leiden ihres Volkes, aber zugleich belesen in westlicher reformierter Theologie. Es ist durchaus reizvoll, sich in das Gespräch mit ihr hineinziehen zu lassen.

Meehyun Chung: Reis und Wasser. Frank & Timme Verlag, Berlin 2012, 226 Seiten, Euro 28,-.

Ulrike Wagner-Rau

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kirche"