Große Transformation

Wie die Kirchen die ökologisch-soziale Neuausrichtung der Gesellschaft mitgestalten können
Mit einer Lichtprojektion auf den Berliner Dom erinnerten vor zwei Jahren die Naturschutzorganisation WWF und die evangelische Kirche an den Klimawandel. Foto: epd / Andreas Schoelzel
Mit einer Lichtprojektion auf den Berliner Dom erinnerten vor zwei Jahren die Naturschutzorganisation WWF und die evangelische Kirche an den Klimawandel. Foto: epd / Andreas Schoelzel
Die Kirchen spielen nur eine Nebenrolle in den Empfehlungen zur Lösung globaler Umweltfragen, die der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung 2011 vorlegte. Eine Fehleinschätzung, meint der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Denn gerade die Kirchen können lokal und international den Umbau der Gesellschaft zu mehr Ökologie und Gerechtigkeit mitgestalten. Doch noch nutzen sie dafür nicht ihr Potenzial.

Mancher kann den Ruf nach einer ökologisch-sozialen Umorientierung der Wirtschaft schon nicht mehr hören. Und dennoch gibt es gute Gründe dafür, dass er nicht verstummt. Verschiedene wissenschaftliche Expertisen haben in den vergangenen Jahren die Dringlichkeit unterstrichen, mit der wir an der Veränderung des weltweiten Wirtschaftens arbeiten müssen. Alle miteinander beschreiben sie eine Situation, auf die die Kirchen weltweit seit langer Zeit hingewiesen haben: Das westliche Wohlstandsmodell ist an sein Ende gekommen.

Spätestens jetzt, da viele arme Länder - und man muss ja sagen: endlich! - auf dem Wege der Überwindung ihrer Armut sind, wird deutlich, dass unser Planet einen gerecht verteilten, das heißt, allen zugänglichen Wohlstand auf der Basis des gegenwärtigen Ressourcenverbrauchs nicht aushalten wird. Wer nicht die bisherige, extrem ungerechte einseitige Nutzung der natürlichen Ressourcen durch die jetzt wohlhabenden Länder verewigen will - und das würde allen Orientierungen christlicher Ethik fundamental widersprechen -, muss über eine radikale Transformation unserer bisherigen wirtschaftlichen Aktivitäten nachdenken. Welche Antworten können wir auf diese Situationsbeschreibung geben? Und welche Rolle sollen die Kirchen dabei einnehmen? Ich sehe drei mögliche Antworten:

Eine Reaktion wäre die bewusste Entdramatisierung. Moralische Keulen - so die Vertreter dieser Richtung - nutzten überhaupt nichts. Sie seien Ausdruck eines Alarmismus, der eher schadet als nutzt. Wenn es nach den Prognosen der Naturschützer gegangen wäre, gäbe es heute kaum noch gesunden Wald und die Flüsse wären stinkende Kloaken. Beides ist nicht der Fall. Behutsame Reformen sind nötig. Wir sind insbesondere in Deutschland dabei schon auf einem guten Weg. Durch den Erfindungsreichtum der Ingenieure weltweit und die Dynamik moderner Marktwirtschaften werden sich die wirtschaftlichen Mechanismen an die ökologischen Gegebenheiten und die damit verbundenen Grenzen anpassen. Aufgabe der Kirche ist nicht moralische Dramatisierung, sondern die Stärkung der Zuversicht der Menschen, dass die Aufgaben lösbar sind.

Diese Antwort enthält durchaus nachvollziehbare Aspekte. Alarmismus lähmt und steht in der Gefahr, eher Resignation zu erzeugen, als wirklich Wege in die Zukunft zu öffnen. Dennoch ist diese Antwort unbefriedigend, auf jeden Fall leichtsinnig, vielleicht sogar gefährlich. Denn sie rechtfertigt letztlich das "Weiter so!". Wer die vorhandenen wissenschaftlichen Expertisen nicht einfach ignoriert, weiß ganz genau, dass die gegenwärtig erkennbaren Ansätze der Aufnahme ökologischer Gesichtspunkte in die Steuerungsmechanismen wirtschaftlichen Handelns weit davon entfernt sind, den Problemen wirklich zu begegnen. Dass manche Katastrophenszenarien nicht eingetreten sind wie vorhergesagt, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es genügend Menschen gab, die - oft genug aus einem christlich motivierten Verantwortungsgefühl heraus - auf die Drastik der Probleme hingewiesen haben. Außerdem sind viele ökologische Alarmprognosen nicht nur eingetroffen, sondern wurden sogar von der Realität überholt. Die CO2-Emissionen und der damit verbundene Klimawandel sind das beste Beispiel.

Zum Beispiel China

Eine zweite mögliche Antwort wäre die Fundamentalkritik. Moderne kapitalistische Marktwirtschaften - so diagnostizieren ihre Vertreter - sind nicht so reformierbar, dass das Ressourcenproblem gelöst werden könnte. Denn sie beruhen auf einem Zinsmechanismus, der im Kern darauf ausgelegt ist, ein stetes Mehr zu erwirtschaften. Eine Ordnung, die nur darauf fußt, dass Profit erwirtschaftet wird, und deren innere Tendenz zur Maximierung dieses Profits zu ihrem Wesen gehört, lässt sich nicht in die Grenzen zwängen, die durch die Begrenztheit der Ressourcen dieser Erde gegeben sind. Nur ein Systemwechsel kann die angemessene Antwort auf das Problem sein.

Auch diese Antwort enthält nachvollziehbare Aspekte. Denn es weiß gegenwärtig tatsächlich niemand genau, wie die Probleme systemimmanent gelöst werden können. Bisher muss klar festgestellt werden, dass die ökologischen Effizienzgewinne durch die moderne Umwelttechnologie durch den so genannten Rebound-Effekt mehr als aufgefressen worden sind: Das Wachstum an Ressourcenbedarf durch den zunehmenden Konsum übersteigt den Einsparungseffekt durch ressourceneffizientere Technologien. Wer am Beispiel China wahrnimmt, welche Explosion von Konsum zu erwarten ist, wenn die armen Länder ihre Armut überwinden, der sieht schnell, dass die Transformation grundlegend sein muss.

Doch der fundamentalkritische Ansatz ist nur in der Kritik stark, nicht aber im Entwerfen funktionierender Lösungsansätze. Wie sieht denn das System aus, das an die Stelle des jetzigen treten soll? Und vor allem: Wie kommen wir dahin? Wenn es schon kaum gelingt, innerhalb der jetzigen Denkparameter einen nachhaltigen Bewusstseinswandel einzuleiten, wie soll - demokratische Willensbildungsprozesse und Übertragung politischer Verantwortung durch Wahlen vorausgesetzt - ein Systemwechsel erreicht werden? Wie sollen Millionen von Arbeitnehmern, die etwa in der Chemie- oder in der Autoindustrie arbeiten, für einen Systemwechsel gewonnen werden, der sie möglicherweise ihre Existenz verlieren lassen und unserem Land eine nie dagewesene Massenarbeitslosigkeit beschweren würde?

Es hilft nichts: Wir brauchen eine dritte Antwort. Ich nenne sie die transformationsorientierte Antwort. Sie nimmt die Drastik der Herausforderung wahr und verlässt sich nicht auf die Selbstkorrekturkräfte einer ökologisch vitalisierten Wirtschaft. Vielmehr nimmt sie eine große Transformation in den Blick, die auf allen Ebenen zu einer ökologischen Neuorientierung unserer Gesellschaft beizutragen versucht. Auf der individuellen Ebene nimmt jeder und jede mit den eigenen Konsumentscheidungen und Mobilitätsmustern seine/ihre Verantwortung dafür wahr, dass die Beeinträchtigung der Natur auf ein zukunftsverträgliches Maß begrenzt bleibt. Auf der Ebene der Organisationen und Unternehmen werden ökologische Aspekte in der Beschaffungspolitik ebenso wie in der Produktausrichtung zum zentralen Kriterium der Corporate Identity. Kirchen können hier vorangehen - dabei ist noch viel Spielraum. Und auf der politischen Ebene wird durch eine entsprechende anreizorientierte Rahmengesetzgebung sichergestellt, dass diejenigen, die sich ökologisch verhalten, nicht die Dummen sind, sondern im Gegenteil wirtschaftliche Vorteile haben. Dafür zu werben, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirche als Akteurin in der Zivilgesellschaft. Auf der sozialkulturellen Ebene schließlich, auf der sich entscheidet, was in einer Gesellschaft als normal und akzeptabel gilt und was nicht, wird die Bewahrung der Natur zu einem Ziel, das nicht nur für schöne Reden gut ist, sondern tatsächlich handlungsleitende Bedeutung gewinnt. Es liegt auf der Hand, wie sehr die Kirchen noch immer solche sozialkulturellen Normveränderungen mitprägen können.

Lokal und International

Ohnehin ist die potenzielle Rolle der Kirchen gerade bei der Bewältigung der beschriebenen Herausforderungen nicht zu unterschätzen. Denn diese sind in ihrem Charakter global. Und es gibt wenige andere Organisationen, die weltweit so vernetzt und gleichzeitig lokal verankert sind wie die Kirchen mit ihren Gemeinden. Die Kirchen sind geradezu dazu prädestiniert, eine zentrale Rolle als Akteure einer weltweiten Zivilgesellschaft zu spielen. Ein kleiner Beitrag dazu war eine Konsultation im Februar 2013 in Stellenbosch/Südafrika, zu der sich Ökonomen und Vertreter der Kirchen, unter anderem der EKD, trafen. Der nach einer früheren Konsultation zur Globalisierung nun als "Zweiter Stellenbosch-Konsens" bezeichnete Abschlusstext benennt, was aus Sicht der Kirchen trotz der völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontexte und über die politischen Lager hinweg gemeinsam gesagt werden kann.

Eine Schlüsselrolle nimmt dabei das Verhältnis von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit ein, an dessen Missachtung die Rio+20-Konferenz scheiterte und ohne dessen Berücksichtigung auch die nächste Konferenz keinen Schritt weiter kommen wird. "Jeder Mensch auf dieser Erde" - so heißt es da - "hat das gleiche Recht auf Teilhabe an dem weltweiten Reichtum natürlicher Ressourcen. Das gegenwärtige Ausmaß an Ungleichheit und Ungerechtigkeit ist unvereinbar mit diesem gleichen Recht. Dieses Recht setzt dem privaten Eigentum an natürlichen Ressourcen und dem Handel mit ihnen Grenzen."

Das Dokument fordert eine grundlegende Transformation unserer globalen Wirtschaft hin zu einer kohlenstoffarmen Entwicklung und einem neuen, ressourcenverbrauchsarmen Wohlstandsmodell. Da die Kosten für unseren gegenwärtigen Lebensstil nicht einfach auf die Menschen in ärmeren Ländern oder auf zukünftige Generationen verschoben werden könnten, sei es die Verantwortung der Reichen, die Armen in jeder Hinsicht in dem notwendigen Transformationsprozess zu unterstützen. Diejenigen, die Schaden an der Umwelt oder an anderen Menschen verursachten, müssten auch die Kosten tragen.

Gutes Beispiel

Ausdrücklich wird den Kirchen die Aufgabe zugeschrieben, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen: "Als Kirchen verpflichten wir uns durch konkretes Handeln wie der bewussten Veränderung unserer Konsummuster, unserem Umgang mit Mobilität oder dem Energieverbrauch in unseren Gebäuden zu dem notwendigen Wandel beizutragen. Durch Wort und Tat verpflichten wir uns zu einer Vision erfüllten Lebens, die ein Leben in Würde für alle Menschen und ein Verhältnis zur Natur einschließt, das ihren Charakter als Schöpfung Gottes widerspiegelt."

Dass es durchaus auch konkrete politische Strategien gibt, die zur Umsetzung solcher grundsätzlichen Überlegungen beitragen können, haben die wissenschaftlichen Expertisen der vergangenen Jahre gezeigt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat 2011 ein Gutachten vorgelegt, das den Titel trägt: "Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation". Der WBGU entwickelt in dem Gutachten sehr konkrete Vorstellungen davon, wie die technologischen Potenziale zu einer solchen umfassenden Transformation genutzt werden können, wie die wirtschaftlichen Mechanismen dabei aussehen können, welche politischen Weichenstellungen nötig sind und wie die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure den Bewusstseinswandel fördern können. Nichts weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag wird ins Auge gefasst: "Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung."

Wer den Bericht liest, erkennt zahlreiche Anliegen, die in den Kirchen seit vielen Jahren vertreten werden. Insbesondere dem Weltkirchenrat kann in dieser Hinsicht, spätestens seit der Abschlussversammlung des "Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", eine Vorreiterfunktion bescheinigt werden.

Mehr "öffentliche Theologie"

Umso auffallender ist es, dass in dem gesamten 420 Seiten starken Bericht an keiner Stelle von diesen Aktivitäten die Rede ist, obwohl die Frage, wo die "Akteure der Transformation" eigentlich zu finden sind, einen großen Raum einnimmt. Das Wort "Kirche" kommt in dem gesamten Bericht genau zweimal vor - einmal, auf das 15. Jahrhundert bezogen, als Blockiererin der damals notwendigen Transformation. Das zweite Mal in einer Klammer, verhalten positiv - und das trotz Tausender von Solaranlagen auf den Dächern von Kirchen oder Gemeindehäusern und intensiver Synodenberatungen an zahlreichen Orten.

In der Kirche - diesen Schluss ziehe ich - müssen die Bemühungen um eine öffentliche Theologie deutlich verstärkt werden. Die biblischen Impulse für die große Transformation müssen so in die gesellschaftliche Debatte übersetzt werden, dass sie auch verstanden und wahrgenommen werden. Die Kirche braucht mehr Zweisprachigkeit, einerseits eine Sprache, die ein klares theologisches Profil erkennen lässt, und andererseits eine, die sich in den von Säkularisierung geprägten Zusammenhängen der pluralistischen Gesellschaft zu bewegen und ihre Sache auch dort zu sagen vermag. Dass die EKD sich maßgeblich an dem Transformationskongress beteiligt hat, der im Sommer 2012 zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen zusammengeführt hat, ist ein Weg, der weiter gegangen werden sollte.

Im WBGU-Gutachten heißt es: "Die Erfolgsaussichten einer 'Transformation von unten' steigen, wenn es auf breiter Front durch Pioniere des Wandels gelingt, in ihren jeweiligen Promotorenrollen ... klimaverträgliche Lebenspraxen im Alltagsleben plausibel, ja selbstevident zu machen und sie als Standardoption zu verankern." Dem kann man nur zustimmen. Vielleicht wird im nächsten Gutachten deutlicher, welch zentrale Rolle den Kirchen als Akteurinnen der Transformation in der weltweiten Zivilgesellschaft zukommt.

Information: Der "Zweite Stellenbosch-Konsens"

Heinrich Bedford-Strohm

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