Eine Rose auch für dich

Von der Freiheit, Schuld zu überwinden
Foto: privat
Hinter den Gefängnismauern gibt es auch einen prächtigen Rosengarten, mit Verstand angelegt und liebevoll gepflegt.

Neulich ein Besuch von mir und der zuständigen Justizministerin in der Strafvollzugsanstalt in Neustrelitz/Mecklenburg: Die Inhaftierten sind jung. Anfang zwanzig oder jünger. Junge Frauen und junge Männer, die schon so manches hinter sich haben: zerbrochene Familien, als Kinder vernachlässigt, Gewalt zu Hause. Schule oder Lehre abgebrochen. Kontakt mit Drogen. Keine Struktur in ihrem Alltag. Oft haben sie sich genommen, was sie meinten, haben zu müssen. Haben ihrer Wut freien Lauf gelassen: Diebstahl, schwere Körperverletzung - wegen solcher oder ähnlicher Straftaten landen sie in einer Einrichtung wie der Jugendstrafanstalt Neustrelitz. Werden eingesperrt hinter hohen Mauern mit Stacheldraht. Bewacht rund um die Uhr. Aufschluss nur zu bestimmten Zeiten. Ständige Kontrolle, denn Vorsicht ist geboten.

Aber sie finden hier nicht nur Wächter. Sie finden Menschen, die sie achten und fördern. Im Unterricht, in einer Lehre, in Gesprächstherapien. Bei der gärtnerischen Pflege des Geländes. Da ist auch ein prächtiger Rosengarten innerhalb der hohen Mauern, mit Verstand angelegt und liebevoll gepflegt.

Ich habe sie besucht in ihrem Knast. Sie erzählen von ihrer Sehnsucht, dass das Tor sich öffnet und sie frei kommen. Sie erzählen von ihrer Schuld. Und davon, die Schuld loszuwerden.

Und sie erleben noch etwas hinter den Mauern: dass sie verstanden und ernstgenommen werden. Von einem einfühlsamen Direktor, einer zugewandten Ministerin und auch von Mitarbeitenden, die sich kümmern. Und dann ist da auch noch Kirche hinter den Mauern. Ein katholischer Priester und ein evangelischer Pastor: eine Kapelle, in der sie gemeinsam Gottesdienst feiern, Geschichten hören von der Freiheit, die Jesus verspricht.

"Ich war im Gefängnis und Ihr habt mich besucht", sagt Jesus. "Wann haben wir das getan?", fragen die Leute. "Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan", antwortet Jesus. Sie sind meine Brüder und Schwestern. Ein Kernsatz des Evangeliums. Jesus sucht die Nähe zu denen, die am Rand sind, die gefangen sind, die Schuld auf sich geladen haben. Die holt er zu sich, zu denen setzt er sich an den Tisch. Niemand wird festgenagelt auf seine Taten, auf seine Schuld. Und sei sie noch so schwer. Das hatte schon damals Ärger gegeben - Jesus in schlechter Gesellschaft! Bei den Zöllnern und Sündern - und bei anderen finsteren Gestalten. Aber seine Botschaft ist klar: Jeder Mensch verdient, dass er wertgeschätzt und anerkannt wird. Auch hinter den Mauern eines Gefängnisses. Und wenn er rauskommt, dann braucht es offene Arme. Der Prophet Ezechiel sagt es so: Kehrt euch ab von allen euren Übertretungen und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist (Kapitel 18, Vers 31). Also: Auch für das neue Herz und den neuen Geist kannst Du aktiv etwas tun: Fass Dir ein Herz! Du kommst da raus - mit Gottes Hilfe, aber auch durch eigenes Tun! Du bist nicht deine Schuld, sondern du bist der Mensch, den Gott bei seinem Namen gerufen hat! Christus hat in seinen Händen auch eine Rose für Dich!

Gerhard Ulrich, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Leitender Bischof der VELKD und Herausgeber von zeitzeichen.

Gerhard Ulrich

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Gerhard Ulrich

Gerhard Ulrich war bis vor kurzem Landesbischof der evangelischen Nordkirche und ist Herausgeber von zeitzeichen.


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