Erneuerung

15 Barth-Interpretationen
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Ein Buch, nicht nur für Barth-Spezialisten. Vielmehr geht es darum, in welchem Sinn und in welcher Tonlage Barths "Impulse zur Erneuerung der Theologie" aufgenommen werden.

Die Überschrift, unter die der Bochumer Theologe Michael Weinrich 15 Barth-Interpretationen aus fast dreißig Jahren gestellt hat, ist gewollt paradox. Sie ist dem letzten Aufsatz entlehnt. In ihm wird "Karl Barths theologischer Kampf gegen die religiöse Versuchung des Nationalsozialismus" gewürdigt (396-417). Gegenüber dem totalitären Anspruch der NS-Ideologie auf "Allgemeingültigkeit" sei der Theologie "eine Bescheidenheit auferlegt worden". Sie beschränkt sich auf das, was sie auszeichnet: nämlich auf Gott.

Andererseits ermöglicht ihr gerade diese "Bescheidenheit", einem "spezifischen Blick auf die Wirklichkeit kompromisslos Raum zu geben" (413). Sie prangert an, was sich dort an Gottes- und Menschenfeindschaft breit macht. Eine derartige "bescheidene Kompromisslosigkeit" ist für Barths Theologie nach Weinrich auch sonst typisch. Sie ist bescheiden, indem sie über Gottes Offenbarung nachdenkt. Sie ist kompromisslos im Blick auf alles, was dem Willen des offenbaren Gottes religiös und politisch widerspricht.

Die Frage ist, wie sich "Bescheidenheit" und "Kompromisslosigkeit" Barths die Waage halten. Der Eindruck drängt sich auf, dass "Kompromisslosigkeit" eher die Pointe von Weinrichs Barth-Verständnis ist. Er entsteht dadurch, dass Barths Denken ein "bleibend dialektische(r) Charakter" (154) zugesprochen wird. Das bedeutet: Das "Ja" Gottes zur Menschenwelt ist immer wieder mit dem "Nein" zu seiner religiösen, kirchlichen oder politischen Bemächtigung zu präzisieren. Diese Hin- und Herbewegung zwischen Ja und Nein war in der Tat das Markenzeichen der "dialektischen Theologie" in Barths Römerbriefauslegung von 1921. Sie verstand, weil das "Nein" immer wieder dominierte, den Glauben von Menschen als "unmögliche Möglichkeit". Weinrich projiziert diese Charakterisierung des Glaubens auch in die Theologie der "Kirchlichen Dogmatik" (KD), indem er sie als "mögliche Unmöglichkeit" (54) oder auch "ermöglichte Unmöglichkeit" (62) definiert.

In der Erwählungslehre von KD II/2 aber wird "unmögliche Möglichkeit" die Definition der Sünde und des Nichtigen! "Unmöglich" ist der absurde Widerspruch gegen Gott. Allein "möglich" ist auf Grund von Gottes Erwählung das Zusammensein von Gott und Mensch. Das Ja Gottes zur Menschenwelt ist jetzt der "Cantus firmus". Diese Wende von der "Dialektik zur Analogie", zur Entsprechung von Gott und Mensch (Menschheit!) in Jesus Christus, kommt in dem ersten Komplex von sieben Vorträgen und Aufsätzen, der "theologische Fundamentalentscheidungen" aufweisen will (vgl. 36-63), leider nicht vor. Käme sie vor, dann könnte die Ableitung der Trinitätslehre aus dem Offenbarungsbegriff in KD I/1 nicht so rezipiert werden, wie es der Autor tut (vgl. 36-63). Der Entwurf einer Gotteslehre, die zur "Einbindung der Christologie" bereitgestellt wird (53), ist, wenn die Christologie die Gotteslehre leitet, dann eigentlich nicht mehr tunlich.

Es handelt sich hier nicht nur um eine Frage für Barth-Spezialisten. Vielmehr geht es darum, in welchem Sinn und in welcher Tonlage Barths "Impulse zur Erneuerung der Theologie" aufgenommen werden. Drei weitere Rubriken von Barth-Studien ("Die Kirche im Horizont einer entmythologisierten Welt", "Religion und Religionskritik", "Kritische Zeitgenossenschaft") setzen hier unterschiedliche Akzente. Sie entkräften mit Recht das Vorurteil, Barths Theologie der "Nichtselbstverständlichkeit Gottes" (21) schwebe abstrakt über der Realität von Menschen. Der Beitrag über die "Die Humanität der Religion" ist ein gutes Beispiel dafür (vgl. 296-315). Auch Barths Verdienst um das Einprägen der Beziehung des christlichen Glaubens auf das Gotteszeugnis Israels wird gebührend gewürdigt.

Am Ende aber wird "Kompromisslosigkeit" wieder groß geschrieben. Der vorletzte Beitrag stammt von 1986 (!) und ist mit der unerfreulichen Metapher überschrieben: "Der Katze die Schelle umhängen" (330-395). Er wurde seinerzeit von Weinrich zusammen mit Friedrich-Wilhelm Marquardt und Dieter Schellong in einem Band veröffentlicht, der Barth als "Störenfried" titulierte. Weinrich zeichnet hier Barths "Kompromisslosigkeit" nach, die in seinem Widerstand gegen den Nationalsozialismus gipfelte.

Barths Position des "dritten Weges" im Ost-West-Konflikt zu Zeiten des "Kalten Krieges" wird dagegen nur am Rande, im Spiegel des "Berner Kirchenstreits", gestreift. Der intensive Bezug Barths auf die DDR kommt nicht vor. Das ist schade, besonders darum, weil noch 25 Jahre nach dem Scheitern der "sozialistischen Bewegung" ziemlich anachronistisch nach ihrer "Verheißung" gefragt wird (vgl. 365). Wäre nicht besser zu fragen gewesen, ob die damals in West-Berlin gepflegte Barth-Rezeption nicht selbst einer Ideologie aufgesessen ist?

Diese Frage hebt nicht auf, dass in diesem Band aufgrund von Weinrichs Gespür für die Lebendigkeit und Intensität von Barths Theologie sehr viele "Impulse" für eine geistesgegenwärtige Theologie versammelt sind, die kritisch auf den Auftrag der Kirche in einer religiös immer diffuser werdenden Gesellschaft bezogen sind. Die kompromisslosen Zuspitzungen, an denen dem Autor liegt, können zweifellos neugierig machen, Barth selbst zu lesen. Wer dies tut, mag selbst entscheiden, ob "bescheidene Kompromisslosigkeit" der richtige Nenner ist, auf den die "Erneuerung der Theologie" von heute zu bringen ist.

Michael Weinrich: Die bescheidene Kompromisslosigkeit der Theologie Karl Barths. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, 464 Seiten, Euro 99,99.

Wolf Krötke

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