Widerstreitendes Gedenken

Ungarns Ringen um die Geschichtspolitik
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Direkt an der Donau stehen rund 60 Paar Schuhe aus Metall: Frauenpumps, Männerstiefel, Kinderschuhe. Als hätten kurz zuvor noch Füße in ihnen gesteckt und wären einfach ins Wasser weitergelaufen.

Budapest, Besuch im ungarischen Parlament. Im Kuppelsaal können wir zwei Soldaten beim Wachritual beobachten: Hier wird die Heilige Stephanskrone aufbewahrt - wichtigste königliche Insignie aus dem 11. Jahrhundert, insgesamt 55 ungarische Könige wurden mit ihr gekrönt. Früher war sie im Nationalmuseum ausgestellt worden. Dann holte sie Ministerpräsident Viktor Orbán hierher: Verweis auf eine ungarische Nationalgeschichte, die dem Land neue Identität geben soll.

Die Lage des Parlaments lädt zum Spaziergang an der Donau ein. Direkt an der Kaimauer stehen rund 60 Paar Schuhe aus Metall: Frauenpumps, Männerstiefel, Kinderschuhe. Als hätten kurz zuvor noch Füße in ihnen gesteckt und wären einfach ins Wasser weitergelaufen. Das Mahnmal erinnert an die Erschießung tausender Juden durch ungarische nationalsozialistische Pfeilkreuzler am Ufer. Rund 820.000 Juden hatten in Ungarn gelebt, schon 1941 fielen einem ersten Massenmord 35.000 Juden zum Opfer. Den Deutschen war das zu wenig. Als sie 1944 das Land besetzten, trieb die neue ungarische Regierung die Verfolgung mit aller Kraft voran. In nur zwei Monaten wurde mehr als eine halbe Million ungarischer Juden nach Auschwitz deportiert.

In der Pester Innenstadt, am Freiheitsplatz, haben sich rund 50 meist ältere Menschen versammelt. Sie werden von Polizisten beobachtet, zum Teil gefilmt. Die Gruppe hat Stühle in einem Halbkreis aufgestellt, dazu einen Infostand, zwischen den Bäumen hängt ein Spruchband. Seit Monaten sind sie hier: Bürger, denen die rechtskonservative Geschichtspolitik Sorgen bereitet. Ihr Protest richtet sich gegen das Denkmal, dass Viktor Orbán im Juli hier errichten ließ, und das an die deutsche Besetzung erinnert: Ein schwarzer, grimmiger Adler - das Deutsche Reich symbolisierend - mit mächtigen Schwingen stürzt sich herab auf einen schmalen, unerschrockenen Erzengel Gabriel - das unschuldige Ungarn. Die Bürger im Freiheitspark haben gegen solche Geschichtsvergessenheit ein Gegendenkmal errichtet: Aus kleinen und größeren Steinchen, privaten Fotos, Briefen, Blumen, persönlichen Habseligkeiten. Ein bunter, immer weiter wachsender Widerspruch zur glattpolierten, geschichtsklitternden Erinnern der Regierung. Die jüdischen Gemeinden Ungarns haben derweil aus Protest sogar ihre Teilnahme am Holocaust-Gedenkjahr abgesagt.

Zwar ist Orbáns Regierung die erste, die die Mitverantwortung Ungarns am Holocaust überhaupt benennt. Zugleich wächst der Antisemitismus im Land, ebenso der staatlich geförderte Kult um Admiral Miklós Horthy: völkischer Nationalist, Antisemit, Verbündeter Hitlers. Und auch das Museum "Haus des Terrors" im Prachtboulevard Andrássy út, für die Opfer des rechten und linken Terrors, präsentiert eine verzerrte Nationalgeschichte - wenig Informationen, viel Emotion und Multimedia. "Terror-Pop", sagt ein Besucher. Die Mittäterschaft am Holocaust wird verharmlost; ansonsten konzentriert sich die Ausstellung auf das Unrecht der kommunistischen Ära. Der Tenor: Irgendwie war Ungarn stets Opfer fremder Besatzungsmächte.

Dazu passt die neue Verfassung von 2012. Die stellt fest: Ungarn war zwischen 1944 und 1990 nicht souverän. Sie hat außerdem das Attribut "Republik" gestrichen. Und: Die "Verunglimpfung nationaler Symbole" wird durch die neuen Gesetze mit härteren Strafen belegt. Für die Beleidigung der "Heiligen Krone" ist nunmehr bis zu einem Jahr Haft möglich. Ein Symbol der Monarchie im Parlament, dazu ein Ministerpräsident, der zuletzt für einen "antiliberalen Staat" plädierte, welcher sich auf "nationale Fundamente" stütze und auch ohne Demokratie erfolgreich sein könne - man kann nur hoffen, dass die Gegendenkmäler sichtbar wachsen.

Natascha Gillenberg

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Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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