Sprachschleife

Annäherungen an Paulus
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"Korinthische Brocken" nennt Lehnert seinen Essay und will damit auf die Nähe seines Schreibens und Denkens zu Sören Kierkegaard anspielen.

Wissenschaftliche Texte informieren über Sachverhalte oder wollen gar eine Sache voranbringen. In einem Essay aber bringt sich der Autor mit der Sache selbst zur Sprache. Christian Lehnert, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker und protestantischer Theologe, will über den Ersten Korintherbrief "ergründen", warum ihm Paulus so nahe ist. Lehnerts Nachdenken über den Apostel und die Zeit des frühen Christentums wird von Satz zu Satz mehr "seine Zeit mit Paulus". Der Apostel, der "Entlassene", wird ihn wohl sein Leben lang beschäftigen, weil sich in dessen Biographie und Briefen die existenzielle Dimension mitteilt, in der ein Mensch im alten Leben schon für das neue mit Christus einstehen möchte.

Dabei sieht sich Lehnert nicht in solch einer Kontinuität mit dem Apostel, vielmehr erlebt er sich für Augenblicke in einer Gleichzeitigkeit, vor der geschichtliche Zusammenhänge und insbesondere die kirchengeschichtlichen verblassen.

"Korinthische Brocken" nennt Lehnert seinen Essay und will mit diesem philosophiegeschichtlichen Zitat auf die Nähe seines Schreibens und Denkens zu Sören Kierkegaard und zum Glaubensverständnis des Existentialismus anspielen. Er führt damit aber nicht in ein Klischee von dialektischer Theologie ein, sondern realisiert die Poesie, wie sie an der Grenze der Tradition erwachsen kann, wenn die im Glauben konstituierte neue Subjektivität sich vorsichtig über den Kraterrand hinaustastet, an dem sie sich für einen inspirierten Augenblick lang vorfinden mag. Der neue Mensch, der ich noch nicht bin und das lyrische Ich, das nicht mit dem Autor identisch ist, stehen in Lehnerts Text ganz nahe zusammen, stehen da, wohin sie ein unzeitiger Augenblick verrückt hat.

An diesem poetischen Ort werden Erlebnisse des Autors aus seiner Zeit als Bausoldat in der DDR oder andere totalitäre Schreckensbilder zur Bewahrheitung dessen, was über den Menschen und seine Geschichte ohne Gott zu sagen ist: eine Geschichte unter der Illusion der Lebensoptimierung. Sagbar geworden ist diese Kritik an der Geschichte im Glauben an das Andere des Lebens, für das der Glaubende wie der Poet erst die Sprache sucht. Der Glaubende kann sich nicht mehr aus der Welt verstehen, in der er sich doch noch befindet, wie der Poet sich nicht mehr an die literarische Tradition anschließen kann und doch noch auf die Sprache angewiesen ist, die ihm überliefert wurde. "Das ist die Schleife, die der Theologe Paulus dreht: Nicht reden und nicht schweigen zu können, nichts sagen zu können und doch darauf angewiesen zu sein, dass etwas sagbar wird. Die Sprache des Paulus hat zwei Naturen: Sie gehört dem Menschen und sie gehört Gott."

Christian Lehnert: Korinthische Brocken. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 282 Seiten, Euro 22,95.

Friedrich Seven

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