Holterdiepolter!

Inkarnationen der Frau
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Viel Druck, schreiendes Saxophon. So mag es sich nach dem Biss der Schwarzen Witwe anfühlen...

Klammerblues mit der Dramaqueen gefällig? Achtkantiger Rausschmiss nach leidenschaftlicher Nacht? Freejazziges Intro-Gewittern zum Beatles-Klassiker und dann explodierende Bluesrockröhrenstimme? Sattes Schmelzen, das auch in Judy Garland-Filme passte, oder wütendes Aufbegehren? Die spieluhrfunkelnde Sehnsuchtsballade samt singender Säge oder doch lieber deftige psychedelische Reise à la "Shanghaied"?

Dann hereinspaziert ins Schwarze Witwen-Kabinett von Erika Stucky, der Schweizer Jazzsängerin. In den USA als Hippiekind aufgewachsen, kam sie später nach Europa, wo ihr faszinierender Weg als Künstlerin zwischen Bigband-Sängerin, Jimi-Hendrix-Programm, Theaterarbeit und "Suicidal Yodels" (zz 4/2008) begann.

Auf Festivals als "musicians' musician" gehandelt, wo sich die anderen bei ihren Auftritten tummeln, und ohne Berührungsängste, was die Genres angeht. Vor ein paar Jahren spielte die 1962 Geborene mit Blick auf ihre Tochter (Musik-) Aspekte des Adligen auf der Princess-CD durch, nun geht ihr neues Album Black Widow die des Gefährlichen der Frau an, den Biss und was er anrichten kann. Emblematisch ist die Interpretation des Beatles-Songs "Helter Skelter" (so viel wie: Hals über Kopf oder Holterdiepolter!) - da pirscht sich mit Beckenzischen und Tuba-Wucht etwas heran, dann geht's ab: die Stucky kehlig, entfesselt, tief, schrill, phantasievokalisch.

Viel Druck, schreiendes Saxophon. So mag es sich nach dem Biss der Schwarzen Witwe anfühlen, Veitstanz und Taumel, wie einst die berühmte Version von Siouxsie and the Banshees. Stucky setzt noch eins drauf; diese Kraft, diese Stimme, welch ein Groove.

Wir erinnern uns: Das Gift der Schwarzen Witwe genannten nachtaktiven Spinne löst unwillkürliche neuromuskuläre Entladungen aus, krampfartige Schmerzen, Bluthochdruck, sich steigernde Muskelkrämpfe bis hin zu Halluzinationen. Was auch passieren kann, wenn Mann einer Frau verfällt (oder umgekehrt). Der Albumtitel spielt darauf an. Stucky hat die Mittel, das auszuspielen, ob als Beziehungsklärung mit der aggressiven Seite des Blues wie in "Knees" oder im Gangster-Cinemascope "Mob Mama": "Well, I'm a Mob Mama, I'm a pistol and a gun, ... say you gotta hold me, yes, you hold me, I'm not pushy, (oder singt sie doch "Pussy"?) ... It's the drama queen at the night of the opera, it's a drama scene ... may the Lord take me now ... I'm the one that makes you dream at night I'm your wicked big sister, your long lost friend." Gute Güte, was passiert hier bloß? An ihrer Seite hat sie Musiker, die schon mit Tom Waits, Elvis Costello, Nick Cave, Jeff Buckley und Lou Reed gearbeitet haben. Genau die Richtigen für Stuckys Format, die hier überwiegend eigenes Songmaterial präsentiert.

Erika Stucky - Black Widow. Traumton/indigo 2013.

Udo Feist

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